Die Ohnmacht ist unser Problem

Feuilletonisten nennen die Autorin und Bloggerin Ronja von Rönne gern "das Sprachrohr ihrer Generation". Aber was soll das eigentlich für eine Generation sein?

Chemnitz.

Ronja von Rönne ist irgendwie aus Bayern und irgendwie aus Berlin, man kann nämlich beides sein. Man kann aus Chemnitz und kein Nazi sein, man kann eine Frau und lustig oder Mann und feministisch sein. Man kann heutzutage alles sein , das ist ja das Problem. Man kann auch das "Sprachrohr einer Generation" sein, die alles sein kann. Das ist man selten freiwillig, sondern weil es das Feuilleton so sagt, wenn das Feuilleton die Welt der Jugend mal wieder nicht verstanden hat und dann in der staubigen Phrasen-Kiste wühlen muss.

Wenn man "Sprachrohr einer Generation" in die Suchzeile seines Browsers hämmert, findet man zunächst engagierte Senioren, dann Cobain, Dylan, Casper und Kraftklub. Irgendwo dazwischen steht Ronja von Rönne und raucht: Die Autorin wurde 1992 geboren, guckt auf Bildern sehr gut gelangweilt, hat schon einen schweren Shitstorm überstanden und zwei Bücher veröffentlicht. Weil sie über mittzwanzigerspezifische Befindlichkeiten schreibt, wurde sie zum "Sprachrohr ihrer Generation" gemacht - man weiß nie, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung ist. Man weiß auch nie, wie man diese Generation eigentlich genau nennen soll: Generation XYZ, Menschen zwischen 15 und 40 Jahren, Generation Beziehungsunfähig, Generation Entscheidungsschwach, Generation Übernarzisstisch?

Jedenfalls ist es die Generation, die Essen zum Lifestyletrend macht, während die halbe Welt verhungert, die mit ihrer Depression kokettiert als wäre das eine angesagte Handtasche, die sich so verlässlich um sich selbst dreht wie die Erde um die Sonne. Die Generation, die sich gerne angegriffen fühlt, sich selbst auch nicht so richtig mag, sich nicht traut, ernst zu sein und deshalb ironisch ist. Und wenn sich die Ironie abgenutzt hat, ist man eben ironisch ironisch - Minus mal Minus ergibt Plus, und ironisch mal ironisch ergibt die Wahrheit.

Ronja von Rönne, so stand es mal im "Spiegel", will gar nicht ironisch sein, aber das ist vielleicht auch nur ironisch gemeint. Es ist alles ziemlich kompliziert in dieser Generation, das wiederum ist nicht ironisch gemeint. In besonders finsteren Stunden wünscht man der Generation, obwohl man selbst dazugehört, schon mal eine Hungersnot oder andere mittelschwere Katastrophen an den individuell tätowierten Hals, damit sie sich mal besinnt auf das, was wesentlich ist im Leben. Was wesentlich ist im Leben, hat man selbst aber auch noch nicht herausgefunden. Foodporn jedenfalls ist es nicht, satt werden schon eher, ein healthy Instagram-Profil ist auch nicht wesentlich, gesund bleiben schon eher.

Über solche Sachen, über Panikattacken, Drogen, Beziehungen und andere Banalitäten schreibt Ronja von Rönne in ihrem Blog "Sudelheft", in ihren Kolumnen, erst für "Die Welt", jetzt für "Die Zeit", in ihrem Debüt-Roman "Wir kommen". Das Feuilleton war not amused: Zu belanglos, zu gelangweilt, zu viel Befindlichkeitsprosa, hieß es.

Rönne interviewt sich auch mal selbst, probiert unpopuläre Meinungen aus, packt eine sanfte Dosis Weltenhass in die Zeilen und ach, all diese Befindlichkeiten. Manchmal siezt sie ihre Leser, das ist ein bisschen verschroben, aber angenehmer als all die Möchtegern-Gonzos, die ihre Leser neuerdings duzen, weil ein Social-Media-Stratege das mal so empfohlen hat.

Im Chemnitzer Weltecho, wo sie gesammelte Werke vorstellt, plaudert Ronja von Rönne mehr, als dass sie liest, und das ist gut so. Schließlich wendet sie sich an die Generation "Aufmerksamkeitsspanne einer Fruchtfliege", die sich mit popkulturellem ADHS durch Serien, Songs und Schlagzeilen klickt und Twitter zu textlastig findet. Wer kann sich da noch auf Lesungen konzentrieren?

Als Sprachrohr hat Ronja von Rönne erkannt, wie man gut unterhält, statt schnarchigen Frontalunterricht zu halten: Weniger Text, mehr Persönliches, das Publikum mit einbeziehen, kurzweilig sein, charmant bleiben. Das ergibt dann eine Mischung aus Popliteratur, Journalismus, Unterhaltung und Selbstinszenierung, die ziemlich gut funktioniert.

Einer der besten, weil wahrsten Texte an diesem Abend handelt von der Ohnmacht, die man empfindet oder auch nicht, es ist ja eher ein Taubheitsgefühl, wenn man Nachrichten konsumiert.

Vielleicht ist es ja das: Die Generation Ohnmacht. Kein Wort trifft es besser: Die Nachrichten, die Debatten, die Oberflächlichkeit der sozialen Medien, die Selbstdarstellung, die unerträglich laute Empörung, die am Ende auch nur Selbstdarstellung ist, der Überfluss an Informationen und Möglichkeiten, das ist anstrengend, das lähmt. Ja, die Generation musste sich nichts erkämpfen, aber sie muss viel aushalten: Hysterie, Konsum, Narzissmus, die eigenen Luxusprobleme, gesellschaftliche Tendenzen, die den Weg in die Zukunft mit Konservativismus zubetonieren, und die Älteren, die fragen: Was ist eigentlich euer Problem? Das alles, liebe Ältere, und die daraus entstehende Ohnmacht ist unser Problem.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 3 Bewertungen
1Kommentare
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  • 2
    0
    cn3boj00
    14.01.2019

    Danke für den guten Beitrag! Als Mensch mit einer Vergangenheit fragt man sich ja oft, was die Generation Sorglos so antreibt. Der Mensch braucht Konflikte. Also müssen sie inszeniert werden, wenn das Leben keine bietet. Manchmal glaube ich, dass es ein Naturgestetz ist, dass eine Gesellschaft mit mehreren Generationen ohne wirkliche Sorgen auf einen Zustand der Instabilität zusteuert, so wie wir es jetzt erleben - auch wenn die meisten es noch nicht wahrhaben wollen.
    Ronja von Rönne hält uns nur den Spiegel vor, sie bietet nicht mehr, als diese Generation verdient hat, das aber tut sie engagiert.



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