Die Schuld der anderen

Einer der wichtigsten politischen Schriftsteller Österreichs, Josef Haslinger ("Opernball"), schreibt in "Mein Fall" über den Missbrauch während seiner Jahre als Sängerknabe in einem katholischen Stift.

Wien.

Wurde Josef Haslinger von Freunden auf den sexuellen Missbrauch als Kind im Konvikt Stift Zwettl angesprochen, überspielte er das meist zynisch, indem er antwortete: "Ach, das ist ewig her. Irgendwer muss einen ja in die Sexualität einführen - bei mir waren es halt Zisterziensermönche."

Erst im November 2018 entschloss er sich nach jahrelangem Ringen, seine Erlebnisse der Unabhängigen Opferschutzanwaltschaft zu melden, als er recherchiert hatte, dass mittlerweile alle seine pädophilen Peiniger tot seien. Zu sehr fühlte er sich mitverantwortlich. Zu sehr identifizierte er sich mit den Tätern und war darauf bedacht, "Ungemach von ihnen fernzuhalten." Er redete sich ein, eine "Wahlfreiheit" gehabt zu haben. Bis er verinnerlichte: "Eine einvernehmliche sexuelle Beziehung zwischen einem Neunundzwanzigjährigen und einem Elfjährigen kann es nicht geben."

Zweimal muss Haslinger seine Geschichte bei der Kommission erzählen, ohne, dass sie protokolliert wird. Das befremdet ihn. Und als er bei der Ombudsstelle der Diözese Wien ein drittes Mal von seinen bitteren Erlebnissen berichten muss, wird ihm dort gesagt, er sei doch Schriftsteller, er solle am besten alles schriftlich zusammenfassen. Das macht Haslinger, kommt aber zu keinem Ende: "Ich fürchte, es wird ein Buch daraus." Das ist jetzt erschienen. Es heißt "Mein Fall", und der 1955 im niederösterreichischen Zwettl geborene Schriftsteller dokumentiert darin, wie er als Sängerknabe im Alter von elf, zwölf Jahren missbraucht wurde.

Haslingers Buch ist so verstörend wie beispielhaft. Ohne Mitleid zu heischen, beschreibt er, wie ihn gleich vier Erzieher zu sexuellen Diensten benutzten. Wer ihr noch angehört, trägt sich spätestens, wenn er Haslingers explizite Schilderungen liest, mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten. Wie Robert Musil in "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß", schreibt Haslinger über die sexuelle Verunsicherung der Pubertät.

Anschaulich legt er dar, wie er der Annäherung der Patres als Kind nicht auswich, sondern sie in gewisser Weise als Auszeichnung empfand. Bis heute tue er sich bisweilen schwer, die Ereignisse als "Missbrauch" zu sehen. Reden darüber konnte er mit keinem. "Paradoxerweise war der Einzige, zu dem ich ein inniges Vertrauensverhältnis hatte, derjenige, über den ich hätte sprechen müssen." Die Geistlichen waren nicht "die Bösen". Sie verstanden es, Nähe aufzubauen. Erst die Erinnerungsselektion später habe ihm erlaubt, "nicht das ganze Leben als Opfer von Pädosexuellen herumzulaufen". Der Preis sei die "Verharmlosung" der Taten gewesen.

Immer wieder hat der am Leipziger Literaturinstitut lehrende Haslinger, berühmt durch seinen Roman "Opernball" (1995), über seine Jahre in der Klosterschule geschrieben. In seinem Debüt "Der Konviktskaktus" (1980), in "Die plötzlichen Geschenke des Himmels" (1983) und zuletzt 2019 in "Child In Time". Entstanden sind dabei authentische, ehrliche Texte, die trotz ihrer Unmittelbarkeit nie Gefahr laufen, Betroffenheitsprosa zu werden. Die Zerrissenheit, die die Ereignisse der Kindheit bis heute in ihm auslösen, ist zu spüren, aber Haslinger trägt seine Haut nie zu Markte. Das ist sein Stoff. Er macht daraus Literatur. In einer Zeit, in der fast täglich neue Missbrauchsskandale ans Licht kommen und die Kirche sie weiter nur zögerlich aufklärt, ist sein Buch ein Appell an Aufrichtigkeit und Klarheit. Das Mindeste, das die Verantwortlichen den Opfern von damals geben können.

Das Buch

Josef Haslinger: "Mein Fall". S. Fischer Verlag, 140 Seiten. 20 Euro.


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