Die Suche nach neuen Seiten des alten Stülpners

Das Buch "Stülpner Karl" will neue Seiten der erzgebirgischen Legende zeigen. Das hat Vor- und Nachteile.

Chemnitz.

Über den wohl bekanntesten Wilderer des Erzgebirges gibt es viele Legenden. Jetzt kommt noch eine dazu: Das Buch heißt "Stülpner Karl. Der Robin Hood des Erzgebirges" und ist seit einigen Wochen auf dem Markt. Vor allem ist diese Geschichte eine zum Anschauen, denn in erster Linie soll der Stülpner mit Fotografien lebendig gemacht werden, schreibt Kai von Kindleben am Anfang des Buches. Der Künstler aus Gotha hat die Geschichte im Buch verfasst, sie mit Darstellern in Bildern inszeniert und fotografiert. Er will der Stülpner-Legende neue Seiten abgewinnen. Ob einem das gefällt, hängt von der Perspektive ab. Ein Knackpunkt ist, dass der Stülpner eine reale Person war, die Geschichten über sein Leben im Laufe der Zeit aber mit Dichtkunst zur Legende gestrickt wurden. Denn die Details aus seinem Leben sind nicht alle belegt. Die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit verläuft beim Stülpner also über dünnes Eis. Nun ist die Frage, wie man damit umgeht.

Die Eckpfeiler, die im Wesentlichen als gesichert gelten, wiederholen sich in vielen Aufzeichnungen: Stülpner wurde 1762 in Scharfenstein geboren, starb dort 1841, er war Soldat, desertierte mehrfach, schlug sich unter anderem als Wilderer durch; seine Berühmtheit verdankt er eben dieser. Es gab damals kein freies Jagdrecht mehr, weil der Kurfürst alles Wild in den Wäldern als seines ansah, erklärt Ralph Görner, bekannt von Führungen in Stülpner-Verkleidung auf Burg Scharfenstein, der zudem zum Thema forscht. "Der Kurfürst setzte Förster ein, die aufpassten, dass keiner aus dem einfachen Volk Wild erlegte. Der Stülpner setzte sich darüber hinweg, schoss das Wild und verteilte es an die Armen." Das kommt auch im neuen Buch vor. Dennoch macht Görner darin etliche Unsinnigkeiten aus, darunter die dort eingeführte Hexe, auf die der junge Stülpner getroffen sei, und das falsche Alter, in dem er angeschossen wurde. Nun könne man fehlende Faktentreue in diesem Fall als künstlerische Freiheit werten, sagt Uwe Günther, Bürgermeister von Großolbersdorf, wo sich das Grab Stülpners befindet. Günther hat in dem Buch ein Vorwort geschrieben. Dieses Buch wolle sich nicht an Fachleute richten, sondern Laien den Stülpner über eine gut gemachte Geschichte mit gut gemachten Fotos näher bringen, sagt Günther.

Handwerklich gut sind die Fotos gemacht. Ob sie Kunst sind, wie es von Kindleben im Buch anspricht, ist eine andere Frage. Kunst, die aus dem Heute kommt, kann einen neuen Blick vermitteln und überraschen. Das schaffen die Fotos im Buch nicht: Wenn man sich den Stülpner vorstellt, dann ja, ungefähr so, wie er auf den Fotos zu sehen ist. Dafür würde die Vorstellungskraft reichen. Und was die künstlerische Freiheit bei Geschichten über tatsächliche, wenn auch historische, Personen betrifft: Dieser Freiheit kann sich ein Schriftsteller hingeben, er kann damit neue Seiten an die Legende dichten. Letztlich spiegelt aber auch das nur den Einfallsreichtum des Autors wider. Erkenntnisreicher wäre, mit Fakten dem tatsächlichen Stülpner - und nicht nur der Legende - neue Seiten abzugewinnen. Für die Orientierung des Lesers hätte es zudem geholfen, zu Beginn des Buches deutlicher zu vermerken, wie es hier um Dichtung und Wahrheit bestellt ist.

Aber es ist auch eine Frage der Perspektive. Wem Faktentreue hier eher egal ist und wer mehr Wert auf ein modern wirkendes Buch mit bunten Fotos legt, hält es mit diesem Produkt in Händen. Es regt auch an, sich mit dem Stülpner zu befassen. Zu schauen, wie es früher in dieser Region so war, was Armut bedeutete und Überleben. Zumal die Stülpner-Figur relevante Fragen transportiert. Wann ist es legitim, sich zu widersetzen? Wann ist einer ein Held? Was sind seine Motive? Und wie entscheidend ist, ob einer aus Egoismus oder aus Mitgefühl handelt?

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