Die Traumerzählerin

Star-Bassistin Kinga Glyk aus Polen begeistert das Publikum zum Abschluss des Chemnitzer Jazzfestes mit beseelten Songs zwischen Jazz und Rock.

Chemnitz.

Manchmal werden Träume schneller wahr als gedacht. Der 1997 im polnischen Rydultowy geborenen Kinga Głyk ist das geschehen. Seit sie zwölf ist, steht sie als Bassistin auf der Bühne, mit 18 nahm sie die erste Platte unter eigenem Namen auf. Inzwischen ist sie 21, begeisterte bei vielen Jazzfestivals, am Freitag riss sie das Publikum im altehrwürdigen Hotel Chemnitzer Hof von den Sitzen. So viel Erfolg in so jungen Jahren - was im Pop öfter mal vorkommt, ist im Jazz eher ungewöhnlich. Doch man spürt, sieht und hört, dass sich Kinga Głyk diesen Erfolg hart erarbeitet hat. Im Trio mit dem Pianisten und Keyboarder Pawel Tomaszewski und dem Schlagzeuger David Haynes (der auch bei Till Brönner trommelt) und ihrem Bruder Patryk Głyk an der Technik balanciert sie geschickt auf dem Grat zwischen Jazz und Rock. Das hat in Polen, etwa mit der Band SBB, Tradition - die Kinga Głyk um jugendliche Frische und mitreißenden Optimismus bereichert.

Manchmal, vor allem am Anfang des mit reichlich hundert Gästen gut besuchten Konzerts, wirkt der Sound etwas zu poppig überdreht, täuscht der Synthesizer mit lautem Gezwitscher und Gedröhn Dramatik vor, drängt sich so sehr in den Vordergrund, sodass man die Bassgitarre kaum hört. Doch vor allem nach der Pause besinnt sich das Trio darauf, dass weniger manchmal mehr ist, inszeniert kleine kammermusikalische Pretiosen, die jedem Instrument sein Solo lassen, gefühlvoll die Tiefen des Klangs ausloten, Töne für Augenblicke nachklingen und wirken lassen. Pawel Tomaszewski greift behutsam in die Saiten des Klaviers, David Haynes spielt das Schlagzeug mit bloßen Händen, und Kinga Głyk streichelt ihre Bassgitarre, jagt die Töne hoch und runter, ohne ins Sportlich-Artistische zu verfallen. Sie hat etwas zu erzählen, zum Beispiel von ihren Träumen, die so schnell wahr geworden sind. Davon, dass man nie aufgeben soll. Und von ihrem Glauben, den sie nicht als Religion versteht, sondern als lebendige Begegnung mit ihrem "Erlöser". Auch diese Ernsthaftigkeit ist eher ungewöhnlich.

Doch eine junge Wilde ist Kinga Głyk ohnehin nicht, eher eine harte, beseelte Arbeiterin. Unüberhörbar, dass sie von Jaco Pastorius fasziniert ist, dessen "Teen Town" sie kongenial zu einem eigenen Bekenntnis macht. Dem Deutschlandfunk sagte sie: "Jaco Pastorius ist mein Held. Er war der erste Bassist, der erste, der mich inspiriert hat, selber Bass zu spielen. Ich habe so großen Respekt für seine Musik und bewundere, wie er gespielt hat. Als ich ein kleines Mädchen war, habe ich immer so getan, als wäre ich selbst ein Bassist und ich wusste immer, dass ich Bass spielen wollte. Für mich ist es das beste Instrument der Welt!"

Was man in jedem Augenblick des zweistündigen Konzerts spürt. Kinga Głyk spielt die Bassgitarre als Melodieinstrument mit geradezu traumhafter Sicherheit - die Augen geschlossen, still in sich hinein lächelnd, die Lippen aufeinandergepresst, konzentriert, ohne Mätzchen. Sie strahlt eine tief verinnerlichte Zuversicht aus, mit der sie auch Eric Claptons Ballade "Tears In Heaven" für seinen tödlich verunglückten vierjährigen Sohn zu einer berührenden Liebeserklärung an das Leben macht. Sie spielt den Song, mit dem sie bekannt wurde und der bei Youtube mehr als eine Million Klicks erreichte, als Zugabe, allein auf der Bühne sitzend, als würdigen Schlusspunkt und Ausblick auf den Weg einer talentierten Musikerin, von der sicher noch einiges zu hören sein wird. Es gab viel Applaus für dieses letzte Konzert im Rahmen des diesjährigen Chemnitzer Jazzfestes.

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