Die Vermessung Israels beim Festival "Off Europa"

Das Festival "Off Europa" zeigt in diesem Jahr Theater- und Tanzproduktionen aus dem Heiligen Land - und zwar nicht nur in Dresden und Leipzig, sondern auch wieder in Chemnitz.

Leipzig.

"Israel war einfach mal dran", sagt Knut Geißler. "Das Land und seine Theaterkunst interessierten mich." Mehr Gründe muss der Kurator von "Off Europa" auch nicht angeben. Es ist immerhin sein Theater- und Tanzfestival, mit dem er alle drei sächsischen Großstädte bespielt. Und tatsächlich weiß man hierzulande zu wenig über israelische Theaterhandschriften, auch wenn immer mal Gastspiele touren. "Klar, es gibt so eine Art Abgesandte, die man hier sehen kann", meint Geißler. "Aber eine Bestandsaufnahme fehlte." Die soll nun "Off Europa" liefern. Insgesamt drei Jahre Zeit hat sich Geißler dafür genommen, um das Programm zusammenzustellen. Mehr als 160 israelische Produktionen schaute er an, siebte und entschied sich für neun Inszenierungen. Dieses intensive Suchen nach dem Besonderen hat sich als Methode für das Festival gut bewährt.

Das seit 1992 in Leipzig stattfindende "Off Europa" ist zum sachsenweit spannendsten Festival für die dramatische Gegenwartskunst europäischer Prägung avanciert. Jedes Jahr steht unter einem anderen Länder- oder Regionenfokus. Zu sehen waren etwa Produktionen und Gruppen aus Rumänien, den baltischen Staaten, Georgien, der Türkei und Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien. Vor elf Jahren kam Dresden als zweiter Aufführungsort hinzu. Chemnitz wurde 2018 zur dritten Spielstadt. "Wir sind gut empfangen worden in Chemnitz", sagt Kurator Geißler. "Das war eine Aufnahme, die man sich wünscht. Mal schauen, wie die Resonanz in diesem Jahr ausfällt." Von den rechtsradikalen Ausschreitungen und Ereignissen dort lässt er sich nicht schrecken. "Gerade jetzt muss man etwas in und mit Chemnitz machen, Kunst dagegensetzen." Geißler hofft, dass das Festival hier wieder gut ankommt. Theaterbegeisterte gebe es in der Stadt jedenfalls genug, meint er. Und mit dem Off-Bühne-Komplex habe er eine geeignete Spielstätte gefunden.

Während in Dresden und Chemnitz auch eine Sprechtheaterproduktion zu sehen ist, gibt's in Leipzig nur Tanztheater. Das Publikum dafür sei hier vorhanden. "Der Tanz hat dem anderen Theater in Israel das Wasser abgegraben, die Strahlkraft der Tanzensembles ist dort einfach groß." Zumal in allen Produktionen genügend theatralische Elemente, Textbearbeitung und Narration enthalten sind, so Geißler. Es kämen ihm zufolge nicht nur fanatische Tanzbegeisterte auf ihren Genuss. Ein Clou: Bis auf eine Inszenierung ist in allen auch ihr Autor auf der Bühne mit aktiv. "Mich interessieren Leute, die Gesicht und Körper für die Sachen hinhalten, die sie machen." Das vermisst er bei großen Produktionen, bei denen die Tänzer zwar schön anzuschauen sind, aber oft fremdbestimmt scheinen. "Die können super gut tanzen. Aber nach einer Stunde zuschauen frage ich mich: 'Warum machen die das?' Die Choreografie hat nichts mit ihnen zu tun."

Das sei bei den kleineren Gruppen, die Geißler nun nach Sachsen holt, anders. Sie sind intensive Auseinandersetzungen - inhaltlich und in der Bewegungskunst. Die Inszenierungen handeln von Gewalt und Aussöhnung, von kulturellen Verwurzelungen, Geschlechterrollen, Stadt und Land, ganz allgemein vom Zusammenleben. Das spiegelt sich auch in den Filmen, Konzerten und Vorträgen, die das Rahmenprogramm von "Off Europa" füllen.

Vordergründig geht es nicht um die große Politik, auch wenn Kunst gerade aus so einer spannungsreichen Gesellschaft wie der israelischen immer politisch ist. "Da ist manchmal im Kleinen etwas in Bewegung, wo die Politik versagt." So bringt Israels führende Choreografin Shira Eviatar Neuinterpretationen traditioneller orientalisch-jüdischer Volkstänze auf die Bühne. Der gefeierte Schauspieler Yoav Bartel zeigt sein preisgekröntes Solo, das ein Grenzgang zwischen Biografie und Fantasie ist: Als Tanzlehrer - oder ist das wirklich seine Profession? - bezirzt er sein Publikum, wickelt es mit Charme und Musik um den Finger. Bis sich wieder das reale Leben einstellt, er etwas Militärisches bekommt, wenn er von seiner Armeeerfahrung spricht. Auch hier sind Politik und Alltag verwoben.

Von der BDS-Bewegung (Boykott, De-Investitionen, Sanktionen), die unter anderem künstlerische Gastspiele in und aus Israel boykottiert, hält Geißler nichts. "Man bestraft die Leute, die man gesehen haben sollte, mit denen man sich verbünden sollte." Die Künstler mit der Regierungspolitik gleichzusetzen, sei ein Fehler. Überhaupt sei die Welt nicht schwarz-weiß. Auch das kann man aus dem Festival Jahr um Jahr aufs Neue lernen. "Off Europa" ist nie vordergründig politisch - was es auf besondere Art politisch macht. Im besten Fall kann man hier den Menschen im Menschen erkennen.

Das Festival "Off Europa" findet vom 18. bis 26. Maiin Leipzig, Dresden und Chemnitz (18., 24., 25., 26. Mai) statt. Das Programm steht im Internet.www.bfot.de

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