Die Zeugen der Zeit

Seit 175 Jahren werden im osterzgebirgischen Glashütte Uhren gebaut. Inzwischen sind sie auch bei der Spurensuche nach vergangenem Leben wichtig.

Die Geschichte seines Lebens hängt mit zwei Uhren zusammen. Noch heute zeigen sie die Zeit an, Stunde um Stunde laufen sie weiter, die Apparaturen, die er einst erfunden hat, von denen er Einzelteile sogar im Rucksack mit in seine neue Heimat brachte. Ihr Schöpfer Hermann Goertz (1862 - 1944) ist dagegen seit über 70 Jahren tot. Gestorben ist er in einem Altenheim in Aue. Die Genauigkeit der Zeit angeben, das war sein Traum - am besten auf den Schlag genau.

Im Gegensatz zu heute war das früher eine Herausforderung. Die zwei wichtigsten Uhren seines Lebens, die heute im Uhrenmuseum in Glashütte stehen, beweisen, dass ihm das gut gelungen ist. Eine von ihnen begrüßt die Besucher im Foyer des Hauses, über zwei Meter groß und ummantelt mit dunklem Mahagoniholz steht sie an der Wand, und ihre vielen Zeiger, die über unterschiedliche Ziffernblätter laufen, geben nicht nur Auskunft über Sekunden, Minuten und Stunden, sondern auch über Schaltjahre, Mondphasen und den Sternenhimmel. Hermann Goertz, das war der Erfinder dieser astronomischen Uhr und er machte sich damit unsterblich, sagt Museumsleiter Reinhard Reichel. Und das Herzstück dieses Meisterwerks, das Uhrwerk, das hatte er nach der Oktoberrevolution 1918 im Rucksack, als er als Uhrmachermeister und Wolgadeutscher sein Geschäft in Charkiw in der heutigen Ukraine verloren hatte und sich auf den Weg machte, sagt der ehemalige Uhrmachermeister Egon Weißflog aus Schwarzenberg. Der Weg von Goertz sollte in Glashütte enden. Denn er hatte diesen Traum von der Genauigkeit. Und dafür drückte er mit 56 Jahren noch einmal die Schulbank der dortigen Glashütter Uhrmacherschule. Und baute danach die astronomische Uhr, deren Herz er viel früher schon entwickelt hatte.

Der 80-jährige Egon Weißflog hat lange zu Hermann Goertz geforscht. Wer nach den Geschichten der Uhren sucht, findet Geschichten von Menschen. Und dann verflechten sich die Geschichten wieder, wie bei Egon Weißflog und Hermann Goertz. Denn der Schwarzenberger Uhrmachermeister Weißflog war es, der auf die zweite wichtige Uhr von Hermann Goertz traf. Das war in den 1980er-Jahren. Sie stand in einem Altenheim in Aue. Hermann Goertz hatte sie Jahrzehnte vorher diesem Diakonissenhaus geschenkt, dem Ort, wo er die letzten Jahre seines Lebens gut gepflegt wurde und schließlich 1944 starb. "Die Uhr blieb stehen, musste gewartet werden. Ich übernahm das, hatte mich schon länger mit historischen Uhren beschäftigt, speziell aus Glashütte. Diese Wanduhr war etwas Besonderes, ich sagte schon damals, dass sie nicht unter Wert an irgendwelche Interessenten verkauft werden sollte", so Weißflog. Mit ihr hatte Hermann Goertz seinen Traum verwirklicht: Sie war an Genauigkeit für die damalige Zeit nicht zu überbieten. Er nutzte dabei die Schwerkrafthemmung, eine besondere Erfindung in der hohen Uhrmacherkunst. "Goertz bildete damit einen Endpunkt bei den mechanischen Uhren, danach setzten sich ab den 30er- Jahren die Atomuhren durch, die wiederum an Genauigkeit alle vorherigen übertrafen", so Weißflog.

Beide Uhren von Hermann Goertz zählen ihre Stunden im Uhrenmuseum Glashütte als Zeugen einer vergangenen Zeit, die man damals genauer nicht messen konnte. 700 Exponate hat das Museum, sagt Leiter Reichel. Und im Grunde damit 700 Geschichten. Auch Erben einer Uhr und aus aller Welt fragen hier regelmäßig an, oft sind es Enkel oder Urenkel, und sie wollen mit der Vergangenheit der historischen Zeitmesser auch ihre Familiengeschichte besser verstehen. Dann werden die alten Verkaufsbücher von Glashütte aufgeschlagen. Herkunftsnachweise sind vor allem durch die Verkaufsunterlagen der Firma A. Lange und Söhne ab 1867 möglich. "Aber wir betreuen die gesamte Glashütter Geschichte und alle unsere originalen, mechanischen Uhren", sagt Reichel über sein Team aus Historikern, Restauratoren und Museumsmitarbeitern.

Um die 30 Werkstätten gab es zur Blütezeit um 1900 in der Stadt. Heute sind es zehn. Die Verkaufsbücher seien die Geburtsurkunden der Uhren, so Reichel. Durch die Uhrennummer könne man den Käufer, das Datum, Zusatzfunktionen und Namen recherchieren. Oftmals landen auch interessante Uhren auf den dunklen Holztischen der Restaurierungswerkstatt des Hauses. Hier werden die wertvollen Zeitmesser aus längst vergangenen Tagen wieder zum Schlagen gebracht. "Vor drei Jahren kam ein Herr auf uns zu, dessen Urgroßvater hatte bei der Erstbesteigung des Kilimandscharo drei Glashütter Uhren dabei. Eine davon konnten wir für unsere Ausstellung gewinnen", erklärt Reichel eine weitere Geschichte. In dieser spielt der Afrikaforscher Hans Meyer die Hauptrolle. 1889 erreichte er als Erster die höchste Spitze des ostafrikanischen Bergmassivs in der damaligen deutschen Kolonie in fast 6000 Metern Höhe - zusammen mit drei Taschenuhren der Firma A. Lange und Söhne als Teil der Expeditionsausrüstung.

Wer sich die Zeit für eine alte Uhr nimmt und auf das gleichmäßige Pochen ihres Sekundenzeigers achtet, könnte meinen, dass in dem Ticken das vergangene Leben bewahrt bleibt, wie ein Herzschlag aus der Vergangenheit. Glashütter Uhren befanden sich auf Weltreisen, auf der See, auf Bergen und auf allen Kontinenten. Vor allem die Taschenuhren, klein und handlich, überstanden die Zeit oft gut im Gegensatz zu größeren Wertgegenständen. Selbst in Kriegen, bei Flucht oder bei Vertreibung trug sie der Besitzer meist bei sich.

Der 7. Dezember 1845 bildet den Beginn all dieser Geschichten. Der Tag, an dem sich hier die erste Werkstatt gründete. Der Dresdner Uhrmacher Ferdinand Adolph Lange kam nach Wanderjahren aus Paris und der Schweiz zurück in seine Heimat, im Gepäck eine Vision von einer eigenen Uhrenindustrie in seinem Vaterland. Mit der stellte er sich bei der königlich-sächsischen Regierung vor: Er brauche 15 junge Leute, die er als selbstständige Uhrmacher ausbilden wolle. Er bekam die Zusage, etwas Geld dazu und als geeigneten Ort wählte die Staatsgewalt das osterzgebirgische Örtchen Glashütte aus, geschwächt durch den bedeutungslos gewordenen Bergbau. Die Vision wurde Wirklichkeit und das verarmte Erzgebirge zu einem Fabrikationsort für Taschenuhren - die unschlagbare Erfindung, mit der man Zeit mitnehmen kann.

Diese Anfangsjahre in Glashütte sollen bei einer Sonderausstellung im Mittelpunkt stehen, die im September eröffnet, sagt Michael Hammer, im Museum verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit. Wie stellt man Zeit dar? Zeit kann niemand sehen. Es ist die Geschichte, die sie erfahrbar macht. Und eines ihrer wichtigsten Symbole ist die Uhr. Das Uhrenmuseum hat den Gedanken perfekt umgesetzt: Ganzjährig zu sehen ist die Geschichte der Uhren, die eine Geschichte der Menschen ist. Dazu gehören die Zeiten des Aufschwungs: Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, als die immer bekannter werdenden Taschenuhren in alle Welt verkauft wurden und von ebenda Lehrlinge in die Uhrmacherschule strömten, aus Skandinavien, den USA oder Brasilien. Es gab die innovativen Zeiten, auf der Suche nach Perfektion: Um 1900, als ortsfeste Präzisionspendeluhren das Sortiment ergänzten. Imperiale Zeiten: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts halfen Chronometer als ähnlich präzise, mechanische Konstruktionen wie Pendeluhren der Marine bei der Zeitbestimmung und Navigation. Eine spezielle Aufhängung in Holzkästen ließ sie vom Wellengang unbeeinflusst weiter genau die Zeit messen. 1911 kam ein solches Marine-Chronometer aus Glashütte bei der 2. Deutschen Südpolarexpedition zum Einsatz. Es gab auch die düsteren Zeiten: In den Weltkriegen diente Glashütte der Rüstungsindustrie. Andere Zeitmesser zeigen die Jahre des Rückzugs ins eigene Heim: Wohnzimmerstanduhren ab den 1930er-Jahren. "Viele von diesen erlitten ein grausames Schicksal, ein paar Jahrzehnte später galten sie als altmodisch und viele wurden zu Kleinholz zerlegt", so Reichel. Auch die sozialistischen Zeiten bildeten die Uhren ab: als Massenprodukt hergestellt im VEB Glashütter Uhrenbetrieb (GUB).

Die neueren Zeiten haben Glashütte zur Marke erhoben: Seit 1990 geht es hauptsächlich um Armbanduhren, inzwischen mit Preisen zwischen vielen Hundert und zwei Millionen Euro. Dies komme laut Michael Hammer beispielsweise durch die lange Montage, die eigene Herstellung der einzelnen Teile, durch eigene Patente oder spezielle Mechanismen zustande. Und er erwähnt einige Höhepunkte der heutigen Herstellung: Eine Weltzeituhr für das Handgelenk stellt über eine Städtescheibe nicht nur die 24 üblichen Zeitzonen dar, sondern auch die Orte, die weniger als eine Stunde davon abweichen. Seit dem Ende des volkseigenen Betriebes entstanden die zehn neuen Manufakturen und ließen die alte Tradition wieder aufleben, erklärt Museumsleiter Reichel. Aus VEB GUB ging die Firma Glashütte Original hervor, erläutert er. Auch die Lange Uhren GmbH mit der Marke A. Lange & Söhne entstand. Zusammen mit der Firma Moritz Grossmann würden vor allen diese drei Firmen den Markt für Luxusbedarf abdecken. Da oft mit Gold, Diamanten oder Lederbändern von Mississippi-Alligatoren verziert, dürften die Glashütter Uhrenträger in der Region weiterhin überschaubar bleiben. "Schönheit steht bei den Uhren aber nicht im Mittelpunkt. Präzision war von Anfang an viel wichtiger", sagt Reinhard Reichel.

11 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Freigeist14
    17.07.2020

    Jawohl . Eine Verneigung vor der Handwerkskunst : Auch an meinem Handgelenk .