"Diese Menschen sind nicht gesellschaftsfähig"

Philipp Ruch, Philosoph, Aktionskünstler und Gründer der Künstlergruppe "Zentrum für politische Schönheit" über wehrhafte Kunst, Grenzverletzungen und die "Soko Chemnitz".

Chemnitz.

Die Künstlergruppe "Zentrum für Politische Schönheit" provoziert aktuell mithilfe der Chemnitzer Demonstrationszüge eine bundesweite Debatte: Mit ihrer Aktion "Soko Chemnitz" fordert sie im Internet dazu auf, Teilnehmer, die beispielsweise den Hitlergruß gezeigt oder fremdenfeindliche Parolen gerufen haben, gegen Belohnung anzuschwärzen - was kurz darauf als Falle dargestellt wurde, um das "Netzwerk Chemnitz" aus Nazis und Fremdenfeinden zu entlarven. Was will, was kann die Gruppe damit erreichen? Tim Hofmann hat dem künstlerischen Leiter Philipp Ruch Fragen gestellt, die dieser per E-Mail beantwortet hat.

Freie Presse: "Kunst ist Waffe". Hatte Friedrich Wolf Recht mit seiner Feststellung?

Philipp Ruch: Ja. Und nicht nur das. Auch Geschichte ist eine Waffe. Und Moral. Man muss das nur erst einmal verstehen lernen. Die verächtlich gemachtesten Begriffe sind die, mit denen wir über einen Zeitraum von 80 Jahren zurückblicken und alles beurteilen. Aufklärung, Ideale, Humanismus - es gibt keinen Grund, diese Dinge zu belächeln, deren Abwesenheit uns in einen Abgrund stößt.

Vernunft kann man nicht erzwingen. Finden Sie, man muss es trotzdem versuchen?

Ich bin in Dresden geboren. Ich komme aus Sachsen. Das ist eine prosperierende Region. Und der Schatten, den der Rechtsextremismus auf diese wirft - von den Eliten her auch noch als westdeutsches Invasionsprodukt -, muss jetzt bekämpft werden. Es werde Licht, denn Sachsen ist anders. Ganz anders. Ich bin Sachse! Und ich werde bis zum letzten Atemzug gegen das Kippen von Mehrheitsverhältnissen kämpfen. In Chemnitz wurde Ende August gezielt eine Atmosphäre der Einschüchterung geschaffen. Chemnitz ist eine Großgeste der Dominanz und Einschüchterung von rechtsextremer Seite. Damit ist jetzt Schluss. Sie können das gerne auch Vernunft nennen.

Wenn man sich die Internet-Reaktionen auf die Enthüllung der "Honigtopf-Falle" durchliest, bekam man den Eindruck von Unsicherheit, aber durchaus auch Angst in Neonazi-Kreisen. Ist so eine Zurückeinschüchterung der richtige Weg?

Das ist uns völlig egal, ob die sich jetzt alle fragen, wer wen verpfiffen hat. Wichtig ist doch, dass sich die Nazis selbst identifiziert haben.

Wie wurden die "Verdächtigen", die Sie auf Ihren "Steckbriefen" gezeigt haben, eigentlich ausgesucht?

Sehr sorgfältig und mit algorithmischer Schützenhilfe. Es ist eines der aufwendigsten Rechercheprojekte der jüngeren Zeit. Von sämtlichen Verdächtigen halten wir Videobeweise zu ihren Straftaten in den Händen. Diese Menschen sind nicht gesellschaftsfähig. Wir müssen eines jetzt klarstellen, weil es der Ministerpräsident von Sachsen nicht tut: Der Rechtsextremismus gehört nicht zur politischen Kultur der Bundesrepublik. Er ist - auch wenn man ein anderes Bild gewinnen könnte - kein Bestandteil der demokratischen Debatte. Wir müssen ihn ächten. Ich habe zwölf Jahre politische Philosophie studiert, um das zu verstehen. Man kann nicht erwarten, dass diese Erkenntnis bei anderen weiter verbreitet wäre.

Aber Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer hat sich doch mehrfach und viel deutlicher als seine Vorgänger gegen Rechtsextremismus positioniert. Auch eine Koalition mit der AfD schließt er kategorisch aus ...

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer - zu dem fehlen mir echt die Worte.

Sie werfen den sächsischen Behörden "Staatsversagen" vor. Wollen Sie das mit "Soko Chemnitz" ändern? Oder ist es Ihnen lieber, wenn die Zivilgesellschaft aktiv wird?

Es wäre uns lieber, wenn die staatlichen Behörden ihren Aufgaben nachgehen und den Rechtsextremisten das Handwerk legen würden.

Wie viele Menschen haben denn die Denunziationsfunktion auf der Internetseite benutzt?

Die Resonanz ist überragend. Wir haben am Mittwoch die Drei-Millionen-Besuchergrenze geknackt. Dies ist unser erfolgreichstes Projekt. Und ich kann mich glücklich schätzen, dass es tiefgreifender zum Erhalt einer weltoffenen und antiautoritären Bundesrepublik beitragen dürfte, als die meisten anderen unserer Projekte. Wir haben gestern die ersten drei Informanten ausbezahlt. Die Hinweise waren derart valide, dass wir sie an die Strafverfolgungsbehörden weiterleiten können. Bei den Informanten handelt es sich nicht gerade um lupenreine Demokraten, wenn sie verstehen, was ich meine: Dem Nazi-Kumpel scheinen 100 Euro auszureichen, um seinen besten Freund zu verpfeifen.

Sie haben sich an vielen Punkten offenbar absichtlich in eine rechtliche Grauzone begeben beziehungsweise Grenzen überschritten, etwa mit der Verwendung des geschützten Logos "So geht sächsisch". Inwiefern planen Sie juristische Reaktionen als eine Art Feedback oder Teil der Kunstaktion ein?

Wir werden die Sächsische Landesregierung bekämpfen. So, wie sie es machen, geht sächsisch nicht. Der Innenminister und die Polizei haben ja auf unser Projekt härter und schneller reagiert als auf die Ausschreitungen Ende August. Der Innenminister wirft uns vor, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Wenn etwas den Zusammenhalt gefährdet, dann die kriminelle rechtsextreme Szene und ihre ganzen Mitläufer. Deren gesellschaftlichen Zusammenhalt greifen wir gerne an. Wer Hitler grüßt oder Ausländer verachtet, gehört gesellschaftlich isoliert. Dafür gibt es auch Artikel 18 des Grundgesetzes. Die deutsche Verfassung sieht - in engen Grenzen - den Entzug von Grundrechten vor. Das war in weiser Voraussicht und Rückschau auf die hoch organisierten Rechtsextremen der NSDAP geschrieben.

Bei der viel diskutierten Aktion "Holocaust-Mahnmal" schwang teilweise doch eine gewisse aktivistische Häme mit. "Soko Chemnitz" wirkt dagegen wesentlich durchdachter, ist vielschichtiger und greift von Videoüberwachung über Internet-Debattenkultur und Behördenversagen bis zu den Diskursschwierigkeiten vieler Linker im Umgang mit Rechts eine ganze Reihe von aktuellen Problemfeldern auf. Was lief in Bornhagen aus Ihrer Sicht nicht optimal, und was haben Sie daraus gelernt?

Wir erfinden uns eigentlich mit jedem Projekt neu. Diesmal geht es um den Kampf des Bildes, das von einer Stadt bleibt. Wir wollen mit Chemnitz nicht das verbinden, was mit Städten wie Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen oder Solingen verbunden ist. Wir wollen, dass Chemnitz zum Zeichen der Umkehr wird: Hier wurde der Bogen eindeutig überspannt. Und jetzt reichts. Wir haben alles gesehen. Und jetzt schauen wir mal, ob Eure Chefs wissen, dass ihr die Demokratie beseitigen und einen ultranationalistischen, neofaschistischen und völkischen Staat schaffen wollt. Es ist doch so: Vor drei Jahren hätten wir über solche Fantasien nur herzhaft gelacht. An diesen Punkt kehren wir jetzt gesamtgesellschaftlich mit einer Entnazifizierung zurück.

"Soko Chemnitz" spielt mit einer frappierend beiläufigen Selbstverständlichkeit auf Überwachungstechnologien an, um deren Bedrohlichkeit noch vor wenigen Jahren kontrovers gestritten wurde. Bei Ihrer Aktion spielt das aber fast keine Rolle, die Frage scheint nur noch zu sein, ob Privatleute Daten derart auswerten dürfen. Hatten Sie gehofft, auch an diesem Punkt eine Debatte anzustoßen?

Nein. Wir haben alle legalen Möglichkeiten ausgeschöpft, um aufzuklären.

www.soko-chemnitz.de

Kunst in Aktion

Bei der Aktionskunst wird versucht, direkt auf die Wirklichkeit einzuwirken. Herkömmliche Kunst kann lediglich im Betrachter eine Interpretation auslösen - und diesen darüber eventuell zu einer Interaktion mit der Realität bewegen. Aktionskunst versucht, diesen zu "Umweg" abzukürzen: Das Werk wird geschaffen, indem der Künstler mit Aktionen in der Realität selbst Reaktionen auslöst.

Ihren Ursprung hat diese Kunstform im "Wiener Aktionismus" der 1960er-Jahre. Dort versuchten Künstler wie Peter Weibel, Günter Brus, oder Hermann Nitsch, mit Provokationen Gesellschaftsverhältnisse aufzubrechen. Nitsch etwa wurde mit Bildern aus verschüttetem Tierblut bekannt, Brus mit "Körperanalyse" samt öffentlichem Defäkieren und Masturbieren.

Friedensreich Hundertwasser startete 1959 in Deutschland eine der ersten Kunstaktionen, indem er an der Hamburger Kunsthochschule eine zehn Kilometer lange "Endlose Linie" durch die Räume und über Möbel malte. In den 1970ern erlebte Aktionskunst in "Happenings" einen Boom. Für Kunstaktionen der Neuzeit ist vor allem Regisseur Christoph Schlingensief bekannt.

Das "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) wurde 2008 von dem Dresdner Philipp Ruch gegründet. Erklärtes Ziel der Gruppe von rund 70 Künstlern ist es, Gleichgültigkeit in der Gesellschaft zu durchbrechen. 2012 setzt das ZPS dazu Kopfgeld aus, um die Eigentümerfamilie des Panzerherstellers Krauss-Maffei einsperren zu lassen. 2015 versuchte die Gruppe symbolisch, im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge vor dem Bundeskanzleramt zu beerdigen. 2017 installierte das ZPS einen Nachbau des Holocaust-Mahnmals neben dem Haus des thüringischen AfD-Politikers Björn Höcke. tim

Bewertung des Artikels: Ø 2.4 Sterne bei 10 Bewertungen
14Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 5
    1
    Klapa
    10.12.2018

    Schaut man sich die Seite von ZPS an, so kommt man zu dem Urteil, dass sie in Sprache, Selbstdarstellung, Argumentation und Aktion für Extremisten eine Anleitung zum Handeln darstellt und deshalb staatsgefährdend wirkt.

  • 10
    5
    BlackSheep
    08.12.2018

    Selten eine Interview von einem derart selbstgefälligen und arroganten "Künstler" gelesen. Das sich Kunst mit dem aktuellen Tagesgeschehen befasst ok. Aber wenn man diese Dingen losgelöst vom Auslöser betrachtet kann ja keine objektive Ansicht herauskommen, da ist es halt einfacher die Demonstranten zu diffamieren. Ich hatte so den Eindruck bei dieser Gruppe sollte der Verfassungsschutz auch aktiv werden, wenn man die amtierende Regierung des Landes bekämpfen will klingt das doch recht deutlich.
    Ach noch eine Frage Herr Ruch, als Frauen in Köln belästigt und bestohlen wurden, als Migranten Morde begingen, wo waren Sie da?

  • 11
    4
    Malleo
    08.12.2018

    Nach 12(!) Jahren Philosophiestudium sollte man erwarten, dass auskömmlich kognitive Intelligenz vorhanden ist.
    Leider lassen die Interviewaussagen des
    Philosopen Ruch es nicht zu,diese Erwartungshaltung positiv zu beantworten.
    Warum?
    Will er etwa nicht gesellschaftsfähige Menschen "entsorgen"?
    Linksextremisischer faschistoider Holocaust?
    Herr Ruch bedient sich mit dem Recht auf Narrenfreiheit genau jener Formen der politischen Auseinandersetzung, die er glaubt, bei anderen zu verorten.
    Bei Herrn Hofmann trifft er offensichtlich auf eine ausgeprägte Verständniskultur.
    Warum?
    Einspruch?
    Fehlanzeige, selbst bei solch menschenverachtenden Thesen der
    " Nichtgesellschaftsfähigkeit".

  • 15
    2
    Klapa
    07.12.2018

    Herr Ruch hat Recht. Der Rechtsextremismus gehört nicht zur demokratischen Debatte. Der Linksextremismus übrigens auch nicht.

    Wer sich herausnimmt, Menschen als nicht gesellschaftsfähig zu bezeichnen, ernennt sich selbst zum Richter über sie, weil er sie für nicht veränderungs- und entwicklungsfähig hält. Das ist die Funktion der selbsternannten Gesinnungsüberwacher und ihrer Einteilung in Gute und Böse.

    Bei aller kritischer Bewertung der Tätigkeit der sächsischen Regierung - sie bekämpfen zu müssen, weil man ihr unterstellt, einen "ultranationalistischen, neofaschistischen und völkischen Staat" schaffen zu wollen, was ohne Widerspruch des recht nachsichtigen interviewenden Journalisten bleibt, entbehrt jeder minimalen Sachlichkeit in der gewünschten demokratischen Debatte, zeigt maßlose Intoleranz gegenüber auch nur geringfügig Andersdenkenden und verstößt gegen die Akzeptanz der Tatsache, dass diese Regierung trotz aller berechtigter Kritik letztendlich von einer demokratischen Mehrheit gewählt worden ist.

    Auch wer zwölf ?? Jahre politische Philosophie studiert hat, ist, wie in dem Interview bewiesen, vor eigenen extremistischen Bewertungen und Einschätzungen offenbar nicht gefeit. Mehr als in diesem Interview in der Person des Herrn Ruch offenbart, muss man zur Charakterisierung dieser "Künstler"-Gruppe nicht wissen.

  • 11
    0
    Hinterfragt
    07.12.2018

    @Blackadder; "...Die Eingaben in der Suchmaske wurden anonymisiert...."
    Sie wissen was anonymisieren bedeutet?
    Wie geht dann das?:
    "...Die Suchanfrage förderte nicht nur jede Menge vollständiger Namen zutage..."

    "...Alles streng nach DSGVO. ..." Wo steht das in der DSGVO, das alles anonymisiert werden muss? Den Passus kenne ich nicht.

  • 12
    0
    norbertfiedler
    07.12.2018

    @DTRFC2005
    Die Profile sind schlicht mit 3 Ziffern von 000 bis 999 durchnummeriert und haben ansonsten dieselbe Webseitenadresse. Also muss man zum automatisierten Abruf einfach hochzählen.

  • 2
    8
    DTRFC2005
    07.12.2018

    @norbertfiedler: Könnten Sie bitte das mit "automatisiert über 500 Profile abzufragen" für den Laien etwas näher erläutern? Ich bin technisch nicht so versiert und habe keine Ahnung was genau Sie anders gemacht haben, als andere.

  • 14
    4
    Interessierte
    07.12.2018

    Das ist schon raffiniert gemacht , das Ganze als Falle darzustellen und um Leute zu entlarven - und sich nun so ´rauszureden …
    Was hätte man denn ´nun` geäußert , wenn ´niemand` darauf reagiert hätte ????

    >
    Ich bin in Dresden geboren. Ich komme aus Sachsen.
    ( da war der Dresdner mit Schweizer Wurzeln Schulanfänger , als er Sachsen verlassen hat

  • 16
    6
    norbertfiedler
    07.12.2018

    @Blackadder
    Ihre Aussage mit "nur 20 Profile" ist falsch. Wie kann es sonst möglich gewesen sein, automatisiert über 500 Profile abzufragen? Philipp Ruch straft Ihre Aussage, dass diese angeblich allesamt bekannt sein sollten, Lügen, da er in dem Interview behauptet, Belohnungen ausbezahlt zu haben. Welche Ihrer Aussagen hat denn nun zur Abwechslung etwas mit der Wahrheit zu tun?

  • 9
    20
    KarlChemnitz
    07.12.2018

    Warum ist die Empörung über diese Aktion so massiv? Warum aber hält sich die Empörung in unserer Stadt über diese hasserfüllten "Wutbürger" doch ziemlich in Grenzen?

  • 5
    23
    Blackadder
    07.12.2018

    @Hinterfragt: Nochmal ganz genau: WO liegt die Straftat? Man konnte niemanden denunzieren, niemand hat Geld bekommen. Es wurden nur 20 Profile von bekannten Leuten angezeigt. Die Eingaben in der Suchmaske wurden anonymisiert. Alles streng nach DSGVO.

    Die Aktion der Polizei Sachsen am Rosenhof war vermutlich auch illegal, weil ohne jeglichen richterlichen Beschluss und wird ein Nachspiel haben.

    Nochmal: das ZPS hat bislang alle 30 gegen sie angestrengten Prozesse gewonnen, weil sie immer peinlich genau auf rechtlich sichere Ausführung der Aktionen achten, auch wenn es für Laien nicht so aussehen sollte.

  • 24
    6
    Hinterfragt
    07.12.2018

    Dass man das Ganze dann auch noch unter KULTUR bringt, finde ich einfach erschreckend!
    Straftat=Kultur, geht doch gar nicht!

  • 23
    6
    fpfreiberg
    07.12.2018

    "Ich habe zwölf Jahre politische Philosophie studiert, um das zu verstehen. Man kann nicht erwarten, dass diese Erkenntnis bei anderen weiter verbreitet wäre." - Welche Arroganz nach 12 (!) Jahren "Studium"

  • 22
    6
    norbertfiedler
    07.12.2018

    Die Überschrift finde ich für das ZPS sehr zutreffend. Wobei die Überschrift für Extremisten und Fanatiker jeglicher Couleur zutrifft.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...