Drahtig, agil und allürenfrei: Sting begeistert Fans in Halle

Von "Message in a Bottle" über "Englishman in New York" bis zu "Fragile" - eine Einladung zum Gutmenschenmedley.

Halle.

Der Abend ist lau, der Himmel freundlich bewölkt, der Altersdurchschnitt eher hoch. Im Gewimmel der Tausende vor der Freilichtbühne Peißnitz in Halle (Saale) ist die Stimmung bestens. Das Fachsimpeln umkreist auch die Frage, welches Stings beste Platte gewesen sei. Überraschend schnell einigt man sich auf "Bring On The Night" von 1986, weil die Begleitband so hervorragend war. Vorausgesetzt natürlich, man lässt die fünf Alben von The Police außen vor. Lang ist's her, weißt du noch? Und so vergeht die Zeit.

Dann machen auch schon die Techniker ihren Job. Auch sie sehen aus, als wären sie nicht erst seit gestern dabei. Alles relaxt, kein Brimborium, erst recht keine Vorband; dann erkennt man im Maschinenpark den Gitarristen Dominic Miller, der lange schon dabei ist als eine Art gute Seele der Band. Seit Jahren werden seine Nebenprojekte geschätzt, neuerdings ist er mit seinen Jazz-Platten richtig erfolgreich. Der zweite Gitarrist dieser Band ist sein Sohn Rufus. Tatsächlich: Man ist in Familie. Und war das da am Bühnenrand nicht Trudie Styler, mit der er seit 1992 verheiratet ist und vier seiner sechs Kinder hat? So wird es 20.08 Uhr, und wie beiläufig steht Sting fast auf die Minute pünktlich im Zentrum der schwarz gehaltenen, von zwei Videoflächen eingerahmten Bühne.

Drahtig, agil und allürenfrei steht er da und holt sein Publikum ab zum Einsteigen in den Zeittunnel. Es beginnt mit "Message In A Bottle" aus guten alten Police-Tagen, gefolgt von "If I Ever Lose My Faith In You", und schon da greifen diese den Abend durchziehenden Mitklatschanimationen des Charismatikers, der zu seinem Gutmenschenmedley einlädt. Hier gibt's auch die erste Anrede ans Volk: "Halle!" Dann bringt ein Subalterner aus dem Tross den Tee, und es ist klar, was folgt: "Englishman in New York". Da macht er zum ersten Mal die Leute zu Leadsängern. Die Stimmung ist zugeneigt bis selig, alte Bekannte treffen und hören. Und je länger das so läuft, umso klarer wird, welch großer gemeinsamer Nenner dieser 67-jährige Gordon Matthew Sumner ist, der Sting genannt wird wegen eines gelb-schwarz gestreiften Pullovers, der ihn mal wie eine Biene aussehen ließ.

Das war noch im nordenglischen Industriekaff Wallsend, wo die Arbeiterarmee mit Blaumann, Butterbrot und Thermosflasche zur Werft zog. Hier hatte sein Vater einen spartanischen Milchladen, seine Mutter war Friseuse. Keiner von beiden erlebte sein 60. Jahr. Ein sensibler Junge las und träumte sich weg, wurde Lehrer und infizierte sich mit dem Soundtrack einer neuen Generation. Im Radio liefen die Beatles. Jack Bruce, Ginger Baker und selbst Jimi Hendrix konnte er sogar leibhaftig sehen. Kein Wunder also, dass einer die Künstlerpose suchte in Trioformaten wie Experience und Cream. Sein angehäuftes Bildungsgut kanalisierte der Sänger mit der hohen Stimme und den treibenden Basslinien in markante Texte. Und die Musik von The Police spannte den Reggae vor die Muskelkraft des Rock 'n' Roll, um einen Weg heraus aus dem Trümmerfeld des Punk zu weisen.

Im Prinzip ist das so geblieben bis hin zu Stings lockerer Kollaboration mit Shaggy im Vorjahr unter dem Titel "44/876". Der Gelegenheitsschauspieler und manchmal auch überambitioniert Kunst wollende Sting ist am besten, wenn er unbeflissen, beiläufig und mit ansteckendem Musikantentum bei seinem Kerngeschäft bleibt. So wie in Halle, wo er die Stoffe seines Lebens hinbreitete, um an einer der sechs deutschen Stationen seiner Europatournee seine letzte CD "My Songs" zu promoten. "Every Little Thing She Does Is Magic", "Fields Of Gold", "Shape Of My Heart", "Wrapped Around Your Finger", "Walking On The Moon", "So Lonely", "Roxanne", "Demolition Man" und dann natürlich als Finale "Every Breath You Take". Da spielt das Zugeneigte längst Als Zugabe Sting an der ein bisschen spanisch klingenden Akustikgitarre mit "Fragile" und noch einmal balladeskes Gänsehautfeeling pur. Dann ist des Guten genug und Schluss um 21.28 Uhr.

Siebzehn Songs in achtzig Minuten, keine großen Solos, alles behält Singlelänge, keine Show, keine Botschaftshuberei, stattdessen perfektes Handwerk, Authentizität und richtig gute Songs, die sich neben der Zeit in hoher Emotionalität einfräsen. Dazu muss Sting das Rad nicht neu erfinden, und hippe Trends schon gar nicht. Sein Publikum dankt es ihm begeistert, dass er wirklich erschienen ist, und verstreut sich beglückt in die Nacht.

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