Dresdner Komponist Sven Helbig: Schlüssel zum Leben

Der Dresdner Komponist Sven Helbig geht für seine neue EP "Tres Momentos" erstmals auf Solo-Tournee abseits der großen Häuser: Er ist auf der Suche nach einem Publikum, das seine Musik ohne jede kulturelle Szenekonvention annimmt. Hat er eine Chance?

Dresden/Leipzig.

Eigentlich könnte sich Sven Helbig aussuchen, in welcher Szene er sich im Glanz großer Namen durch jene Netzwerke hangelt, die auch in der Kultur längst zu lebenserhaltenden Adern geworden sind: Vor wenigen Wochen erst hat der Komponist und Musiker mit seinem aktuellen Konzertprogramm die Hamburger Elbphilharmonie ausverkauft. Vor wenigen Tagen kam er aus Minsk zurück, wo er mit der Band Rammstein an deren neuem Album gearbeitet hat. Aktuell schreibt er an einem Auftragswerk für Star-Cellist Jan Vogler, und nun will sich Neil Tennant von den Pet Shop Boys mit ihm treffen, neue Projekte besprechen.

Doch wenn sich Sven Helbig aus etwas nichts macht, dann ist es eben jene kulturelle Wolke aus Namensglanz und ehrfürchtigem Hörensagen. Der gebürtige Eisenhüttenstädter mag es lieber direkt verwurzelt, er bewundert etwa den Isländer Ólafur Arnalds dafür, sich aus eigener Kraft abseits aller Konventionen ein ebenso vielschichtiges wie facettenreiches Publikum erspielt zu haben. "Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Leute von meinen Sachen ja wirklich sehr berührt sind. Dieses Publikum will ich, raus aus der Glamour-Blase des subventionierten Kulturbetriebes."

Mit einer so packenden wie eigenwilligen Klangsymbiose aus Klassik und Elektronik in Indie- und Rockclubs der Republik zu gehen, ist riskant. Aber: "Das bleibt einem nicht erspart. Wenn ich Menschen erreichen will, die nicht über die Magnetkraft einer Elbphilharmonie zum Zuhörer verlockt werden, sondern direkt durch mich, dann kann ich diesen Graswurzelschritt nicht überspringen. Mir fehlt ja erst einmal eine Projektionsfläche, ich habe keinen Film wie etwa Max Richter."

Helbig übt dabei schon länger den verbindenden Spagat zwischen jenen Stühlen, die zwar mit "U"- und "E"-Musik denkbar falsch gelabelt sind, nichtsdestotrotz hierzulande immer noch zwei sehr verschiedene Sitzgelegenheiten darstellen. Mit seinen "Pocket Symphonies" von 2013 gelang es ihm etwa, die schillernde Farbenpalette sinfonischer Musik mit einer packenden Harmoniesprache in Popsong-Format zu packen. Zuvor reicherte Helbig 2005 mit seinem klassischen Können "Battleship Potemkin" von den Pet Shop Boys zum sinfonischen Großwerk an. Und immer, wenn man bei Rammstein die Ohren spitzt ob der Raffinesse, etwa bei den morbide verdrillten Endchören in "Mein Teil" oder der verstörend tiefen Klavierversion von "Mein Herz brennt", dann kommt das von dem Dresdner.

Dass er oft seine Musiksprache wechselt, mag kommerziell wenig hilfreich sein - diese Bandbreite aber macht Sven Helbig erst aus. Der Mann, der allein aus dem Kopf heraus nur mit Zettel und Stift komponiert, muss seine Musik innen empfangen. Musik, die raus muss. Insofern kann Helbig auch nicht erklären, dass aktuell ausgerechnet ein für seine Verhältnisse eher sperriges, als Zwischenwerk gedachtes Stück ihm gerade bei namhaften Klassik-Auguren von New York bis London Aufmerksamkeit verschafft: "Tres Momentos", soeben als EP veröffentlicht, war ein Gedankenausflug für das Moritzburg-Festival des letzten Jahres und wurde dort von Jan Vogler im Streichquartett uraufgeführt. "Es geht um die drei Momente, die man im Leben immer wieder findet: Erst entwickelt man ein Interesse an einer Sache, weil sie einen fasziniert. Dann beginnt man, Energie hineinzustecken - und daraus entwickelt sich ein System, das auf ganz eigene Weise zu schwingen beginnt: Entweder hebt es zum Gleitflug ab, oder es kommt zur Selbstzündung eines Kollaps - was man dann nicht mehr beeinflussen kann. Im dritten Moment steht man mit der Erkenntnis da, was da eigentlich passiert ist: Man hat den Schlüssel für diese Situation - doch der passt aber nicht für das, was danach kommt. Du beendest dein Leben mit einem großen Bund voller Schlüssel für Türen, die es nicht mehr gibt."

Helbigs Label wollte das Stück veröffentlichen, also schrieb er es für Streichorchester um und fügte Elektronik hinzu, um die Geschichte zu verstärken. "Das haben wir aufgeführt, und die Leute sind durch die Bank weg ausgerastet. Selbst meine Mutter, die sonst nüscht von mir hört, hat mich tränenüberströmt angerufen", sagt er. "Tres Momentos" ist nun die Basis, um die er mit dem Forrklang-Quartett das Klub-Programm zusammengestellt hat, das ansonsten einen Querschnitt seines Schaffens darstellt. Helbig selbst mixt dabei Elektronik ein, formt aus Field Recordings Klangskulpturen: "Wenn ich schreibe, denke ich nie an Elektronik. Die baue ich später quasi als störendes Element ein, um das die Klassik ihren Weg finden muss!"

Im Konzert Sven Helbig spielt zusammen mit dem Forrklang-Quartett am 16. Oktober im Kleinen Haus Dresden und am 17. im UT Connewitz Leipzig. Am 21. Oktober tritt er zusammen mit dem Pianisten Lubomyr Melnyk an der Volksbühne Berlin auf. Karten gibt es in allen "Freie Presse"-Shops in Ihrer Nähe. www.freiepresse.de/meinticket

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