Dresdner Professor: "Beleidigungen machen ja auch Spaß"

Wissenschaftler Gerd Schwerhoff über den Sinn von Herabsetzungen, die "Großmeister" Luther und Trump und das Aushalten von Hassreden.

Dresden.

Wutreden und öffentliche Schmähungen scheinen zuzunehmen, nicht nur, aber vor allem bei Internet-Kommentaren. Doch eine Gesellschaft ohne Schmähungen ist kaum denkbar, sagt Gerd Schwerhoff, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Technischen Universität Dresden. Er ist Sprecher eines Sonderforschungsbereiches, in dem sich seit zwei Jahren rund 50 Mitarbeiter mit öffentlichen Beleidigungen und Herabsetzungen beschäftigen. Die erste Forschungsphase, die mit sieben Millionen Euro gefördert wird, läuft bis 2021. Katrin Mädler hat Gerd Schwerhoff zu ersten Ergebnissen befragt.

Freie Presse: Herr Schwerhoff, beschimpft haben sich Menschen schon immer. Worum geht es in Ihren Forschungen konkret?

Gerd Schwerhoff: Als Forscherverbund arbeiten wir zur Herabsetzung anderer im öffentlichen Raum. 13 Teilprojekte aus verschiedenen Fächern gehören zu dem Sonderforschungsbereich - darunter sind Historiker, Philosophen, Literaturwissenschaftler, Soziologen. Wir erstellen kein Rezeptbuch, wie Herabsetzungen und Schmähungen vermieden werden können, sondern wollen diese besser verstehen und einordnen. Wir gewinnen so Erkenntnisse zu den Schmähschriften der Romantiker vor 200 Jahren, zu Spießer-Beschimpfungen einiger Intellektueller im 19. Jahrhundert, zu Herabsetzungen im Umfeld des Senats in den letzten Jahren der römischen Republik und auch zu aktuellen Entwicklungen.

Hat es mit der derzeitigen Stimmung im Land zu tun, dass dieser Forschungsbereich gerade in Dresden entstanden ist?

Ausgangspunkt waren zunächst historische Probleme. Schnell wurde aber klar, wie aktuell das Thema ist. Ein Grund ist natürlich die Pegida-Bewegung, die sich stark über Herabsetzung definiert. Bei den ersten Planungen dachten wir, das Thema könnte zu schmal sein für einen so großen Forscherverbund. Inzwischen sehen wir die Vielfalt des Phänomens, darunter die Beleidigung, die Schmähung, die Polemik, die Satire. Ich muss betonen, die Idee zu unserem Projekt ist älter als Donald Trump, auch wenn er sich inzwischen zu unserer geheimen Leitfigur entwickelt hat.

Was haben Sie nach zwei Jahren schon herausgefunden?

Bisher galt die Ansicht, bei der Herabsetzung anderer handele es sich um ein Oberflächenphänomen, hinter dem sich dann wahre Gründe verbergen, die man herausarbeiten müsste. Doch Herabsetzung scheint vielmehr eine grundsätzliche Erscheinungsform aller menschlichen Gesellschaften zu sein. Selbst die Wissenschaft ist davon betroffen. Es gibt inzwischen nicht nur die sogenannten Fake News: Innerhalb und außerhalb unserer Universität wollen wir uns mit dem Schlagwort "Fake Science" beschäftigen, bei dem der Wissenschaft fehlerhafte Forschung unterstellt wird - man denke an Klimawandel oder Feinstaubdebatte. In einer Reihe von Veranstaltungen soll darüber diskutiert werden, inwieweit wir selbst einen Anteil an diesem Vorwurf haben. Wissenschaft lebt ja vom Streit, es ist nicht alles eindeutig.

Welche Funktion hat denn die Herabsetzung anderer?

Sie ist beispielsweise wichtig zur Bildung und Mobilisierung von Gruppen. Auch in der Aufklärungszeit, in der sich Intellektuelle zugutehielten, besonders sachlich miteinander umzugehen, spielten gezielte Beleidigungen, sogenannte Invektiven, eine große Rolle. Darüber werden Angst, Hass, Wut und Zorn kanalisiert. Am Beispiel Martin Luthers kann man zeigen, dass der Verstand dabei nicht ausgeschaltet werden muss. Luther war überhaupt ein Großmeister der Schmähung. Ich behaupte, dass er seine Theologie ohne die Herabsetzung anderer niemals hätte so scharf entwickeln können. Menschliche Kommunikation kommt selten ohne Feindbilder aus. Herabsetzungen können auch subtil daherkommen: Darf ich als gebürtiger Kölner im Karneval ein Indianerkostüm tragen? Das könnte man als Beleidigung der indigenen Bevölkerung Amerikas verstehen. Oder ist es umgedreht eine Herabsetzung des rheinischen Kulturgutes, wenn ich solche Kostüme ächte? Ähnlich bei Pegida: Die Gemeinschaft definiert sich stark über die Schmähung von Gegnern und Migranten. Andererseits präsentiert sie sich als Opfergemeinschaft, die sich ausgegrenzt fühlt und so selbst zum Gegenstand von Schmähungen wird. Es ist eine Frage des Aushandelns, wer sich von wem beleidigt fühlt und ob sich das öffentlich durchsetzt oder nicht.

Gibt es Unterschiede zu früheren Formen der Herabsetzung?

Die sogenannte Invektivität gab es schon immer, aber in jeweils zeittypischer Ausprägung. In der Reformationszeit fand mit der Erfindung des Buchdrucks ein großer Medienumbruch statt, ähnlich wie heute. Eine neue Öffentlichkeit entstand, in der Schmähungen und Herabsetzungen blühten. Aber der Buchdruck war durch die technischen Abläufe besser kontrollierbar als heute das Internet: Ich musste als Urheber damit rechnen, entdeckt zu werden. Heute agieren viele scheinbar anonym im Internet, was Eskalationsdynamiken möglich macht. Interessanterweise haben sich frühere Gebildete in lateinischer Sprache am unmäßigsten beschimpft. Schrieb man aber für das Volk, war man bei der Wortwahl vorsichtiger. Das hat sich heute umgedreht: Wenn ich mir Donald Trump in einem Gelehrtenkreis vorstelle, dann würde er sich wohl zurücknehmen, während er die große Masse mit populären Schmähungen bedient.

Gibt es denn keine menschenfreundlichere Art der Kommunikation?

Natürlich. Aber Herabsetzungen sind schwer zu verbieten, und Beleidigungen machen ja auch Spaß. Das ist eine Funktion, die wir in Zeiten von Hassreden und Trump nicht gerne hören. Populismus, der sich nicht zuletzt als Lust an der Schmähung definieren lässt, ist durch öffentliche Gegenrede schwer zu bekämpfen. Man gießt weiteres Öl ins Feuer und schürt Aufmerksamkeit. Interessant ist aber, dass wir neben den heftigen Schmähungen beobachten, dass die Sensibilität bei sprachlichen Verletzungen deutlich zugenommen hat: Verletzte Gefühle sind zur mächtigen, öffentlichen Waffe geworden. Als Politiker muss ich mich vorsichtiger ausdrücken als in den 1970er-Jahren, um meine Karriere nicht vorschnell zu beenden. Von der wachsenden Sensibilität und sprachlichen Vorsicht fühlen sich bestimmte Milieus wiederum abgestoßen und herausgefordert nach dem Motto: Das wird man doch noch sagen dürfen!

Also je mehr Empfindlichkeit, desto mehr Gegenreaktion?

Ich denke dabei an die aktuelle Entscheidung der New York Times, zukünftig auf Karikaturen zu verzichten, weil eine Karikatur des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahus als antisemitisch kritisiert wurde: Karikaturisten, die von Stereotypen leben, bewegen sich auf einem schmalen Grat. Aber ganz auf Karikaturen zu verzichten, die ja oft herabsetzend sind, um Konflikte und Meinungen zu vermeiden, führt auf eine völlig schiefe Ebene. Ähnlich ist es mit historischen Texten, die an einigen Universitäten der USA nicht mehr gelesen werden, weil ihre gewaltsame Sprache als problematisch empfunden wird. Wäre ein Buch von William Shakespeare dann verboten? Das wäre eine völlige Fehlentwicklung.

Müssen wir auch mit Hassreden leben, weil sie Teil der Meinungsfreiheit sind?

Das müssen wir bis zu einem gewissen Maße tatsächlich. Man kann sie nicht ausschalten, ohne die Meinungsfreiheit zu beschneiden. Das heißt aber, dass wir ständig darüber reflektieren müssen, wo die Grenze ist. Die wird in unterschiedlichen Kulturen anders gezogen. Ich glaube, dass wir in Deutschland grundsätzlich gut aufgestellt sind. Abgesehen davon, dass die Kontrolle in einzelnen, sozialen Netzwerken nicht immer gut funktioniert. Aber wir sind dazu verurteilt, Grenzen immer wieder neu zu überdenken und zu begründen, warum einiges geht und anderes nicht.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...