Dröhnende Stille vor dem großen Knall

John Adams' Oper "Doctor Atomic" liegt jetzt erstmals als CD vor

Los Alamos.

Schreibt der US-Komponist John Adams eine Oper, dann geht er vom Thema her zuverlässig dahin, wo's wehtut. Ob 1987 mit "Nixon in China", wo es um den ersten Besuch eines - zum Zeitpunkt der Uraufführung bereits komplett diskreditierten - US-Staatsoberhaupts im kommunistisch regierten Reich der Mitte ging, ob 1995 in "The Death Of Klinghoffer", einer Oper über die Entführung des Kreuzfahrtschiffs "Achille Lauro" 1985 durch ein Palästinenserkommando. "Doctor Atomic", uraufgeführt 2005 und jetzt unter Leitung des Komponisten mit dem BBC Symphony Orchestra and Choir bei Warner Classics/Nonesuch erstmals auf CD eingespielt, handelt nach dem auf US-Regierungsunterlagen basierenden Libretto von Peter Sellars von der ersten Testzündung einer Atombombe am 16.Juli 1945 in der Wüste des US-Bundesstaates New Mexico.

Konzeptionell ähnelt die Oper insofern seinen zwei ersten, als es darin weniger um die Darstellung des äußeren Hergangs der jeweiligen historischen Begebenheit geht, sondern um das Innenleben der Protagonisten. Das sind in "Doctor Atomic" unter anderem der wissenschaftliche Leiter des so genannten Manhattan Project, Robert Oppenheimer (Gerald Finlay, Bariton), und seine Frau Kitty (Julia Bullock, Sopran), der militärische Projektleiter Leslie Groves (Aubrey Allicock, Bass) sowie die Physiker Edward Teller (Brindley Sherratt, Bariton) und Robert R. Wilson (Andrew Staples, Tenor). Sie alle waren maßgeblich daran beteiligt, die Atombombe zu entwickeln, die, am 6. und 9. August 1945 über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki explodierte und den Zweiten Weltkrieg in Asien beendete.

Gleichwohl ist die Oper fern davon, diese militärisch-technologische Leistung zu verherrlichen. In einem postminimalistischen, harmonisch sehr vielseitigen Musikstil, spätromantisch gefärbt, mit Reminiszenzen etwa an Mahler, Schostakowitsch und Strawinsky, nehmen die gesanglichen Psychogramme der Hauptfiguren breiten Raum ein, die Ängste, Schuldgefühle, Hoffnungen und Zweifel, die einen Monat sowie einen Tag vor dem Test die Verantwortlichen bewegten. Adams gelingt es eindrücklich, den bevorstehenden, beispiellosen Zivilisationsbruch, der mit der ersten Zündung der vernichtendsten Waffe der Menschheit einherging, klanglich Gestalt zu verleihen. In einigen Szenen stellt Adams ein stark verlangsamtes Zeitempfinden der Protagonisten dar, das in scharfem Kontrast zur hektischen Betriebsamkeit auf dem Testgelände steht. Die Oper endet im letzten, stark in die Länge gezogenen, Moment vor der Explosion der Bombe: dröhnend-endlose Stille. Als Kunst- und Vorgriff auf das, was folgen sollte, betritt zum stillen Finale eine Japanerin die Szene. In ihrer Muttersprache erklärt sie höflich, sie vermisse ihren Mann, und ihr Kind benötige Wasser. Mehr braucht es hier nicht. Die Geschichte wurde tausendmal erzählt.

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