Ein fliegendes Schiff am Himmel

"Höhenrausch" nennt sich ein Kunstprojekt in Linz, das dem Besucher neue Perspektiven über den Dächern der Stadt eröffnet, denn man wandelt über luftige Holzpfade. Angefangen hat alles mit dem Titel "Europäische Kulturhauptstadt".

Linz.

Einen Kirchturm besteigen und oben die Aussicht über den Dächern genießen, das ist nichts Besonderes. Doch wenn man von dort den Turm in schwindelnder Höhe verlässt und auf einem Holzsteg zum nächsten Gebäude wandelt, dann ergeben sich völlig neue An- und Ausblicke. "Höhenrausch" nennt sich ein Kunstprojekt im österreichischen Linz, das aktuell mehr als 40Kunstwerke aus aller Welt in einem ungewöhnlichen Rundweg über und unter den Dächern der Stadt einbindet.

"Das Fliegende Schiff" von Alexander Ponomarev ist der Hingucker schlechthin - vor allem für die Besucher am Boden. 2,5 Tonnen Stahl schweben am Linzer Himmel. Der in Moskau lebende Künstler ist Nautiker und hat mit seiner Installation das diesjährige Thema "Das andere Ufer" beeindruckend umgesetzt. Denn das Schiff schwebt nicht nur scheinbar durch Zeit und Raum, es gibt auch kein Oben und Unten - Masten sind auf jeder Seite. Aufbruch zu Neuem.

So viel Philosophie verspürt man nicht bei allen Kunstwerken. Der kubanische Künstler Kcho setzt auf eine plakativere Botschaft. Seine sieben Meter hohe menschliche Figur "Der Denker" entstand aus den Überresten kubanischer Fischerboote und Treibgut aus den Weltmeeren. Kuba, als Insel umgeben von Wasser und doch nicht abgeschottet von den Problemen dieser Welt. Um den Denker zu sehen, folgt man dem Holzpfad zwischen den Häusern, bis man das Dach eines Einkaufszentrums erreicht.

Das Wasser steht im Mittelpunkt des "Höhenrausch 2018". Die künstlerischen Beiträge zeigen, wie widersprüchlich das Element Wasser sein kann: ein Raum des Scheiterns, des Aufbruchs, des Austausches, der Überwindung und der Utopie. Orientierung bietet das andere Ufer, manchmal leicht zu erreichen, manchmal hinter dem Horizont in unendliche Ferne gerückt. Der Höhenrausch-Parcours mit seinen Wegen, Brücken und Treppen, den verschiedenen Kunsträumen, Dachböden und der weiten Dachlandschaft über Linz bildet für dieses außergewöhnliche Kunstprojekt einen einmaligen Rahmen.

Geboren wurde die Idee im Vorfeld der Planungen, als Linz 2009 Europäische Kulturhauptstadt wurde. Mit ihren 205.000 Einwohnern wollte die Stadt an der Donau, die zwischen Salzburg und Wien liegt, ein Projekt kreieren, das Besucher anlockt und nachhaltig zu nutzen ist. Seitdem wird der Pfad in luftiger Höhe für verschiedene Kunstaktionen jährlich ausgebaut und wiederbelebt. Eine Million Besucher hat das bislang angelockt.

Nicht nur weil die Stadt am Fluss liegt, wird dieses Jahr nun das Wasser in Linz zum Kunstobjekt. Denn das Naturelement hat viele Seiten - Todbringer und Ernährer. Die Schönheit des Wassers vor allem als Spiegelfläche zeigt Jeannette Ehlers aus Kopenhagen. Auf ihren großformatigen Fotos, die sie digital bearbeitet, laufen Menschen scheinbar über die Wasseroberfläche. Das mag surreal erscheinen, erinnert aber auch an das ständige Streben, am Meer zu überleben und dessen Fläche zu überwinden - bis zum nächsten Ufer.

Es ist der Wechsel, der den Höhenrausch-Parcours so spannend macht. Mal läuft man über die Holzpfade und genießt den weiten Blick über die Stadt und die auf den Dächern installierten Kunstobjekte, um dann wieder einzutauchen in enge verwinkelte Dachböden oder lange schmale, dunkle Gänge. In so einem fließt plötzlich ein breiter Fluss auf. Man bleibt unwillkürlich stehen, traut sich nicht das Wasser zu betreten, weil man um die Gefahren weiß. "Untiefen" nennt Mischa Kuball aus Düsseldorf seine Videoinstallation. Doch man muss hineintreten, um weiterzukommen.

Eine besonders fesselnde Installation erwartet die Besucher am Ende ihres Rundgangs: Die koreanisch-deutsche Künstlerin Chiharu Shiota verwebte unzählige Fäden mit Bootsskulpturen. Blutrote Lebensbahnen steigen als luftiges Gebilde aus den Booten empor und hängen wie ein zarter Nebel im Raum. Die Asiatin, die in Berlin lebt, schafft mit ihren netzartigen Geflechten ein seltsam massives und doch zartes Gebilde - alles ist miteinander verbunden, auch wenn scheinbar jeder seinen eigenen Weg geht.

Das Kunstprojekt"Höhenrausch 2018" ist noch bis 14. Oktober täglich 10 bis 20.30 Uhr geöffnet. Starten kann man mit der Tour im OÖ Kulturquartier in Linz, OK-Platz 1. Der Eintritt kostet 12 Euro.

www.hoehenrausch.at

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