Ein Genre der Vielfalt - online und "zu Fuß"

Das Internationale Puppentheaterfestival in Zwickau ist zu Ende. Und hat das Zeug, zur Erfolgsgeschichte zu wachsen.

Zwickau.

Grundsätzlich fällt es schon auf, wenn ein Demonstrationszug sich am späten Donnerstagnachmittag durch die Zwickauer Innenstadt bewegt. Nur, dass da zu dieser Zeit in weiten Teilen des Stadtzentrums kaum jemand ist, dem es auffallen könnte. "Was ist hier los?", fragt eine junge Mutter mit der kleinen Tochter an der Hand. Eingeweihte erklären ihr, dass es sich bei der vermeintlichen Demo mit vielen eigentümlich gewandeten Menschen jeden Alters mit Trommeln, Tafeln mit Fahnen europäischer Länder und vielen Handpuppen um die Parade handelt, mit der das Puppentheater Zwickau sein internationales Festival eröffnet. " Ah", sagt sie interessiert und bewegt sich auf die Menge zu, um jemanden zu finden, der Programmflyer verteilt.

Aber nicht nur für junge Mütter mit Kindern hatten die vergangenen fünf Tage in der Schumannstadt einiges zu bieten. Sie traten den Beweis an: Das Bühnengenre hat jedermann etwas zu sagen. Und das sind Dinge von Relevanz. Etwa gleich am Eröffnungsabend das Stück "Cyberterror" von Puppentheaterdirektorin Monika Gerboc, mit dem die Gastgeber ihr rundum saniertes Haus wiedereröffnen. Erzählt wird die Geschichte eines verliebten Schülerpärchens, dessen zartes Glückspflänzchen durch über die bekannten nicht immer wirklich sozialen Plattformen gestreute Gerüchte, Fake News und Identitätsklau im Keim erstickt wird. Dargestellt zwar von Menschen, aber in einer Bühnensprache, die durch Personenwandlung und -verfremdung sowie Reduktion über konventionelles Schauspiel hinausgeht. Bereits vor Festivalbeginn ausverkauft war etwa die Puppen-Fassung von Friedrich Dürrenmatts "Besuch der alten Dame", inszeniert vom Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen - nicht das einzige Stück mit literarischer Vorlage: Auch "Der Prozess" von Franz Kafka kam "verpuppt" auf die Bühne, inszeniert von den Landesbühnen Sachsen in Radebeul.

Muss Puppentheater immer mit Puppen stattfinden, die unsichtbar von Menschen geführt werden? Nein. Eher ist es heute ein Genre, das von Interaktion zwischen Mensch, Puppe und/oder Requisit lebt, wie in der Solo-Inszenierung "Paper Cut" der Israelin Yael Rasooly, die am Schreibtisch mit einem Telefon und einer Mappe voller Fotos und anderen Papierobjekten die Odyssee einer in ihren Chef verliebten Sekretärin zwischen Büroalltag und Hollywood-Fantasien durchlebt. Oder wohin sonst steckt man das britische Duo Pickled Image, das im Stück "Coulrophobia", so nennt man die krankhafte Angst vor Clowns, zwei ziemlich fiese Vertreter dieser Kunst mimt, das in einer Welt aus Pappkarton parodistisch zwischen Western und Liebesfilm, Musikklamauk und Gags hart an der Grenze des guten Geschmacks operiert - inklusive Einbeziehung des Publikums. Zwar gehen am Ende alle Zuschauer trocken und unverletzt nach Hause, aber einige brauchen gute Nerven.

Und da sind weitere Formate. Thalias Kompagnons aus Nürnberg etwa erklären in "Rabenschwarz und Naseweis" mit schwarzer Tafel und weißer Farbe, Spachtel und Pinsel die Entstehung der Welt aus Gegensätzen. Auch nackte Füße haben eine Physiognomie. Mit den ihren erzählt Solokünstlerin Anne Klinge hochdramatische Geschichten. Und Puppentheater erlaubt es auch, dass in einem Klavier die tierische Bevölkerung einer ganzen Wiese wohnt, die in "Das Lied der Grille" eine Geschichte vom Teilen und Helfen erzählt - diesmal wirklich für Kinder.

Monika Gerboc, mit der gemeinsam zahlreiche haupt- und ehrenamtliche Helfer dieses vorerst einmalige Festival schulterten, prägte eingangs des Festivals den Begriff vom "Tropfen in einem Ozean", den man dem Publikum hier präsentiere. Man ahnt nach diesen fünf Tagen, welche Möglichkeiten noch in diesem Genre stecken. Und hofft, das Festival möchte nicht das letzte dieser Art in Zwickau gewesen sein. Am Publikum dürfte es nicht liegen: Fast alle Veranstaltungen waren so gut wie ausverkauft.

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