Ein großer deutscher Erzähler

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Die Biografie "Rebell im Maßanzug - Leonhard Frank" erzählt die spannende Lebensgeschichte des Schriftstellers.

Plötzlich rollten die Fuhrwerke unüberhörbar auf dem holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich - man hörte keinen Laut. Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von Würzburg läuteten dröhnend zum Samstagabendgottesdienst." Wer diesen Anfang einmal gelesen hat, wird sich an das berühmte Buch erinnern. Denn so beginnt Leonhard Franks erster Roman "Die Räuberbande" (1914), und damit beginnt auch die literarische Biografie des Sohnes eines Schreinergesellen aus Würzburg, der dort am 2 .September 1892 geboren wurde. Das Buch sollte ein Erfolg werden. Frank bekam dafür den Fontane-Preis.

Katharina Rudolph hat mit ihrem Buch "Rebell im Maßanzug", das auf ihrer Dissertation basiert, eine Biografie des Schriftstellers vorgelegt. Der Untertitel lautet "Die Biografie". Aber wissen heutige Leser überhaupt, wer Leonhard Frank war? Wie es scheint, sind seit Jahren seine Bestsellerzeiten vorbei. Damals in den Fünfzigerjahren in der DDR bewunderten wir seinen knappen, eleganten Stil; die Weltsicht dieses Sozialisten des Herzens, wie man ihn nennen könnte. Da hatte er sein treustes Publikum, eine knappe Million Gesamtauflage in den DDR-Verlagen, insbesondere die Herausgabe seiner Bücher beim Aufbau-Verlag, allesamt mit jeweils mehreren hunderttausend Exemplaren. Der Roman "Mathilde" und die literarische Autobiografie "Links wo das Herz ist" wurden für viele zu Lieblingsbüchern. Katharina Rudolph beschreibt leider die Gründe für diesen Erfolg nur unzureichend. Warum wurde "Mathilde" in der DDR ein Kultbuch? Hatte es mit der Emanzipation der Frau in der DDR zu tun? Wir wüssten es gern.

Ansonsten bietet das Buch eine weitgespannte, lesenswerte Lebensgeschichte des "Rebells im Maßanzug", die mit den Ereignissen in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng verbunden ist. Nach dem Erfolg seiner "Räuberbande", dieser Geschichte der Würzburger Jungen, die von Oberlehrer Mager und Mechanikermeister Tritt geprügelt und gequält werden, wurde sein Name bekannt. Dieses Buch hatte damit auch eine Nähe zu Werken wie Musils "Zögling Törleß" und Hesses "Unterm Rad". Doch es hat auch seine Originalität, die aus der Kindheit des Autors kommt.

Da sind diese vierzehnjährigen Würzburger Buben, die in ihren kindlichen Träumen die Einäscherung der Stadt und die Bestrafung des Lehrers Mager beschließen. Aber die Räuberbande ist nur ein Traum. Später wird Frank diese Figurenwelt im "Ochsenfurter Männerquartett" (1927) und "Die Jünger Jesu" (1949) fortsetzen. Doch der Schriftsteller, der sich anfangs erfolglos als Maler versucht hatte, musste als konsequenter Kriegsgegner 1915 in die Schweiz fliehen. Hier erschien 1919 seine berühmte Erzählung "Der Mensch ist gut".

Nach seiner Rückkehr begann der Aufstieg. "Die goldenen Jahre der Republik waren für Frank also tatsächlich golden", schreibt Katharina Rudolph. Nun saß er im Maßanzug im Romanischen Café in Berlin, bis die Nazis ihn zum zweiten Mal aus Deutschland vertrieben. Exil in der Schweiz, in Frankreich und schließlich in Amerika, wo er eine enge Freundschaft mit Thomas Mann pflegte. Er war, wie der Mann-Biograf Klaus Harpprecht schrieb, einer seiner wichtigsten Gesprächspartner.

Aber er wollte, wie viele andere Emigranten, nach Deutschland zurück. Besonders diese Lebensabschnitte, mit der Liebe zu Maria, werden von der Biografin ausführlich dargestellt. Doch seine Hoffnungen, dass man ihn mit Freuden aufnehmen werde, sie blieben unerfüllt. In der Bundesrepublik war der bekennende Sozialist wie auch Alfred Döblin eine Randfigur in einer Literatur, die die zurückgekehrten Emigranten mit Misstrauen aufnahm.

Und so kam die letzte Lebenszeit, eine geistige Wanderung zwischen Ost und West, freilich mit der Leserzuwendung in Ostdeutschland. Katharina Rudolph schreibt: "Für seine Bücher allerdings interessierten sich zumindest im Westen nur wenige, man wollte nach der vermeintlichen Stunde Null nichts mehr wissen von denen, die zum alten Deutschland gehörten."

Leonhard Frank hat in dem Roman "Links wo das Herz ist" (1952) ein literarisches Resümee des eigenen Lebens und Schreibens vorgelegt, und da finden sich am Schluss die Sätze: "Michael glaubt, dass der Mensch erst menschlich zu sein vermag und sein wird, wenn er durch nichts mehr gezwungen sein wird, unmenschlich zu sein." Am 18. August 1961 stirbt Leonhard Frank in einer Münchner Klinik. Katharina Rudolphs umfangreiche Biografie beschreibt in spannenden Szenen dieses Leben. Und vielleicht werden ihre Leser auch wieder die der unvergesslichen Bücher dieses großen deutschen Erzählers.

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