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Ein Jahr Rammstein-Skandal: Will die Popkultur ihre Stars ändern?

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Schon wieder Rammstein? Jein: Auch wenn ihr Buch markant "Row Zero" heißt, bemühen sich die Autoren Daniel Drepper und Lena Kampf doch ausdrücklich, die Debatte um "Gewalt und Machtmissbrauch in der Musikindustrie" zu ihrer nötigen gesellschaftlichen Wurzel zu führen. Auch, wenn sie dabei schnell an bemerkenswerte Grenzen stoßen.

Buch "Row Zero".

Als ab Mai 2023 die "Lindemann-Affäre" rasant Fahrt aufnahm und durch die deutsche Öffentlichkeit rauschte wie ein vermeintlich böser Geist, geschah wieder, was heutzutage so oft passiert: Schnell bildeten sich zwei Lager. Eines hielt nach den Missbrauchsvorwürfen gegen den Rammstein-Sänger und sein "Groupie-Casting-System" das Schild "Glaubt den Opfern!" hoch, die Gegenseite kniete sich demonstrativ vor die Bühnen der Band.

Dazwischen: Medien, die in Ermanglung juristischer Klärbarkeit immer detaillierter in Einzelfälle eintauchten. Kann es da verwundern, dass das Problem des Machtmissbrauch in der Musikindustrie wie eine Aneinandernagelung von Zuspitzungen wirkt, unter der zwar niemand mehr ein Nichts vermutet - dessen konkrete Dimension aber auch nicht erkennbar wurde. Vorerst, so schien es, gewann das "weiter so": Die Rammstein-Konzerte sind weiter ausverkauft.

Doch nun, ein Jahr später, legen Lena Kampf, stellvertretende Recherche-Chefin der "Süddeutschen Zeitung", und Daniel Drepper, Chef des "Netzwerk Recherche", unter dem Titel "Row Zero" ein Buch vor, das die Erkenntnisse bündeln und den Blick aufs Ganze schärfen soll. Bemerkenswert ist dabei, wie das gelingt. Erstens: Die Autoren, die an vielen Stellen wieder in die Detailtiefe von Opferschilderungen abtauchen, schaffen es zwar nicht faktisch, die kritische Hintergrundstruktur offenzulegen. Aber sie nähern sich diesen mit gut unterfütterten Schilderungen von so vielen Seiten, dass ein Bild von deren Stütz-Skelett entsteht, welches der Wahrheit zweifellos recht nah kommt.

Und zweitens bekommt ihre Zusammenfassung seltsamerweise gerade dadurch ihre Wucht, dass "Row Zero" kaum Neues enthält: Kampf und Drepper fassen nicht nur bekannte Skandale und unstrittige Fälle aus der Branche zusammen, sondern fügen viel Material aus teil schon recht alten Rockmusiker-Biografien hinzu. Das sind oft frappierende freie Bekenntnisse eines Missbrauchsverhalten, die gerade mit ihrer poetischen Verklärung eindrücklich zeigen wie der Schleier der Verklärung bisher funktioniert hat.

Dieser, auch das macht "Row Zero" klar, lässt sich nicht so einfach wegziehen, weil er eben einer Suche nach sexueller Befreiung entspringt. Die Autoren gehen unter anderem auf die Ursprünge des Groupie-Wesens ein und schildern, dass dieses aus der Fanseite gewachsen ist. Aber: Der Schleier reißt heute auch an immer mehr Stellen ein. Denn Befreiung ist heute, wenn Menschen von ihren Verletzungen durch von übergriffiges Verhalten sprechen können.

Die größte Qualität des Buches ist daher, dass sich bei der Lektüre wie nebenbei eine Idee herausschält, warum ein System wie das der "Row Zero", bei dem einem Rockstar um die 60 junge Frauen unter 25 scheinbar willenlos zugeführt werden können, möglich ist - ohne, dass das an bestimmten Einzeltätern, deren Beispiele natürlich eine Rolle spielen, festgemacht wird.

Im Wesentlichen gibt es vier Komponenten.

Erstens: Es ist geradezu die Aufgabe von Kunst, Grenzen zu überschreiten und die so aufgerissenen Freiräume zu erkunden. Tabubrüche sind also natürlicher Treibstoff für bedeutende Kunst. Daran ändert auch die Tatsache nicht, dass das von der Unterhaltungsindustrie erkannt und zum gezielten Image-Aufbau verwendet wird. Sehr plastisch schildern das die Autoren etwas an diversen Rappern. Allerdings bedeutet das auch, dass die Trennung zwischen Kunstfigur und Künstler ist oft schwer möglich ist: Mit seiner Figur betritt oft auch der reale Mensch die offenen Räume hinter der überschrittenen Grenze, und nach dem Moralbruch fehlt dann eben erst einmal neue Moral.

Zweitens: Grenzüberschreitungen gleiten schnell im Konservativismus, die Suche nach Befreiung ist nur ein rebellischer Moment. Der wird dann in ein Ritual eingefroren und als Wert weithin unhinterfragt weitertransportiert. Aus dem Prozess, der einst einer Reflexion folgte, wird so ein Reflex; eine Art Heilsversprechen. In der Popkultur lautet dieses "Sex ‘n‘ Drugs ‘n‘ Rock ‘n‘ Roll"!

Drittens: Es bildet sich ein Strudel zwischen Künstlern und Fans, mit dem beide Seiten schlecht umgehen können. Die (oft frisch gebackenen) Stars sind von der Nachfrage nach ihrer Person, die eigentliche eine nach ihrer Kunstfigur ist, gleichermaßen überfordert wie angefixt. Auf der anderen Seite suchen Fans in den gebotenen Symbolen die Bestätigung und hoffen im Ritual ihre Freiheitsversprechen erfüllt zu bekommen. In diesem Strudel kann es systembedingt nicht ohne schädliche Missverständnisse ausgehen, die Grenze zwischen rauschhaftem Genuss und Missbrauch ist papierdünn und das Verantwortungsbewusstsein wenig ausgeprägt.

Und viertens gibt es hier ganz real das Besondere - weil Stars tatsächlich vereinen, was es an sich nicht geben kann: Sie sind gleichermaßen vertraut wie fremd. Das entwickelt
sowohl sexuell als auch zwischenmenschlich eine nicht zu unterschätzende Verlockungskraft. Der birgt zwar ein extremes Verletzungsrisiko, verbindet aber auf geradezu traumhafte Weise eine ungezwungene Abenteuerlust mit der Sucht nach besonderer Geborgenheit.

Auf diesem Boden ist aus der sexuellen Befreiung von den 60ern bis weit in die 80er in der Popkultur ein selbstreferenzielles System entstanden, das männlich dominiert wird und Grenzüberschreitungen auch dann glorifiziert, wenn sie in keinem künstlerischen Zusammenhang mehr stehen, sondern schlicht Missbrauch darstellen. Die Beispiele im Buch ausführlich angeführten Beispiele von Aerosmith-Sänger Steven Tyler über Brian Warner aka Marilyn Manson bis zum deutschen Rapper Kristoffer "Gzuz" Klauß sprechen eine deutliche Sprache.

Das Buch trennt dabei sachlich zwischen der Schuld der Täter und einem unterstützenden System, dass aus Geschäftsinteressen nicht nur weggesehen, sondern mitgetan hat: In hinter der Aura von Stars ergaben sich auf allen Ebenen viele Gelegenheiten, ungut mitzutun im eingangs geschilderten "Freiraum" - vom Plattenfirmenmanager bis zum Roadie. Alle erliegen der "Blindheit des Hypes", wie Kampf und Drepper schreiben - und haben sich lange gegenseitig geschützt und gedeckt. Der Spruch "Was auf Tour passiert, bleibt auf Tour!" war Gesetz.

"Row Zero" zeigt aber auch Hoffnung: Vor allem unter Mitarbeitern von Plattenfirmen, Promoagenturen, Klubs und Veranstaltungsfirmen steigt der Druck im Kessel. Viele wollen das nicht mehr mittragen. Auch, weil in den letzten zehn Jahren immer mehr Frauen in der einstigen Männerbastion mitarbeiten. Das Buch macht dabei aber auch klar, wie alternativlos eine Veränderung der Branche von innen heraus ist - weil es die beste Möglichkeit ist zwischen Kunstfreiheit, juristisch kaum zu fassenden Einzelfällen und dem Bedürfnis des Publikums nach Träumen, Rebellion und eben auch Grenzüberschreitung. Und das geht: Drogenmissbrauch etwa hat in den ersten 30 Rock-Jahren so viele Stars und Fans geschädigt, dass die Szene gegensteuerte. Nun ist halt Sex dran!

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