Ein nüchterner «Jedermann» in Salzburg

Auch im zweiten Jahr vermag Michael Sturmingers modernistischer «Jedermann» nicht wirklich zu überzeugen. Der Charme des Festspiel-Dauerbrenners ist bei seiner radikalen Entschlackungskur weitgehend abhanden gekommen.

Salzburg (dpa) - Am Abend hatte der Dauerregen zwar aufgehört, doch da war die Entscheidung schon gefallen. Wie im vergangenen Jahr musste die Premiere der Wiederaufnahme des Salzburger Festspiel-Dauerbrenners «Jedermann» vom romantischen Domplatz ins Große Festspielhaus verlegt werden.

Dort wirkte die Inszenierung von Michael Sturminger, die erstmals ohne alte Kostüme und sonstige historischen Bezüge auskommt, noch nüchterner als ohnehin. Trotzdem feierte das Publikum das Regie- und Schauspielerteam um Tobias Moretti in der Titelrolle und Stefanie Reinsperger als Buhlschaft mit Standing Ovations.

Sturmingers Interpretation erscheint nach mancherlei Änderung stringenter und noch radikaler als im vergangenen Jahr. Damals war der österreichische Regisseur kurzfristig eingesprungen und hatte zur allseitigen Überraschung dann den ersten «Jedermann» im Stile des modernen Regietheaters präsentiert. Für ihn sind all die Versatzstücke von Max Reinhardts legendären «Jedermann»- Inszenierungen aus der Anfangszeit der Festspiele nur noch ironische Chiffren.

Die «Jedermann»-Rufe und das Glockenläuten, das den Eintritt des Todes in «Jedermanns» Prass- und Lotterleben markiert, lässt Sturminger schon am Anfang und nicht erst zur Tischgesellschaft ertönen, quasi als Motto des Stückes. Und das neue Kleid der Buhlschaft, der Geliebten «Jedermanns», um das alljährlich ein großes Pressetrara veranstaltet wird? Das existiert nur noch als Modell, an dem zwei Schneiderinnen herumzupfen. Reinsperger entsteigt ihm als normale, moderne Frau in einem eher unvorteilhaften roten Hängerchen mit schwarzem Negligé darüber.

Tobias Moretti gibt wieder einen schon von Anfang an vom drohenden Unheil gezeichneten, fahrig stammelnden und oft schwer zu verstehenden «Jedermann». Als er schließlich, von türkisgrünen EKG-Kurven umzuckten Krankenhausbett liegt und seine dürftige Lebensbilanz zieht, fragt man sich, an welcher Krankheit er wohl leidet? Die Stimme Gottes kommt in diesem aseptischen, gänzlich entzauberten Leuchtröhren-Ambiente nur vom Tonband. Und Hanno Kofflers Teufel, eigentlich eine Paraderolle des Stückes, ist auch im zweiten Jahr eine Enttäuschung, obwohl er recht modisch im Publikum herumturnen darf.

Mit viel Technik und einem etwas aufdringlichen, modernistischen Musikteppich mit Zitaten aus Kirchenchorälen, barocker Tafelmusik und einer Bruckner-Symphonie ist dieser «Jedermann» tatsächlich im Heute angekommen. Doch der Witz von Hugo von Hofmannsthals pseudo-mittelalterlicher Schauergeschichte, die antikapitalistischen Aha-Effekte des Stückes und die Gänsehautmomente sind bei dieser Radikalkur weitgehend abhanden gekommen, wenn man von dem großartigen Peter Lohmeyer absieht, der einen aasig-androgynen Tod gibt und zu recht bejubelt wird.

Für den Part des Glaubens, gespielt von Johannes Silberschneider als konfessionsübergreifende Kreuzung von Rabbi und Mönch, und die immer etwas rätselhafte Bekehrung «Jedermanns» im Angesicht des Todes fällt auch Sturminger nichts ein. Man fragt sich, was nach diesem «Jedermann» noch kommen könnte. Wird es endgültig den Hofmannsthalschen Knittelversen, jetzt schon stark gekürzt, an den Kragen gehen? Wird «Jedermann» zur «Jederfrau» oder zur «Jeder»-Gendersternchen-Existenz? Absetzen wird man das Stück, das seit fast 100 Jahren gegeben wird, nicht können, schließlich ist es notorisch ausverkauft. Bislang zumindest.

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