Ein Paradies mit Ecken und Kanten

Es ist wieder Ibug-Zeit: Künstler aus aller Welt haben eine Brache in Reichenbach mit ihren Arbeiten in eine Fantasielandschaft verwandelt. Am heutigen Freitag öffnen die Tore für die Besucher. Für die Macher aber wachsen die Herausforderungen.

Reichenbach.

Xuan, eine Künstlerin aus New York, steht in Reichenbach im Vogtland auf dem Gelände des einstigen Bahnbetriebswerkes und wähnt sich im Paradies. Wann komme es schon mal vor, dass Künstlern ein riesiges Gelände zur Verfügung gestellt wird, auf dem sie quasi machen können, was sie wollen? "Eigentlich bekommt man in einer Galerie nur eine Wand für seine Arbeit zugewiesen, und das war's dann", sagt sie. Nicht auf der Ibug, dem Festival für urbane Kunst. Das findet in diesem Jahr in dem Bahnbetriebswerk statt, das 1999 geschlossen wurde und seitdem vor sich hin verfällt. Elf Hektar groß ist das Gelände - keines, das die Ibug bisher bespielt hat, war größer. Am heutigen Freitag öffnen die Tore für die Besucher.

Ibug steht für Industriebrachen-umgestaltung, zum 14. Mal findet sie statt. Die Ibug-Organisatoren laden Künstler aus aller Welt ein, in einer für dieses Festival zeitlich begrenzt freigegebenen Industriebrache in Sachsen ihre Kunst zu zeigen - es sind vor allem Street-Art, Graffiti, Malerei und Installationen, die die Künstler kurz vor der Eröffnung an verfallene Wände und in verlassene Räume bringen. Zigtausende Besucher konnte die Ibug in den vergangenen Jahren verzeichnen.

Eigentlich immer, aber in diesem Jahr besonders, wird ihnen dabei festes Schuhwerk empfohlen. Auf elf Hektar ist einiges abzulaufen. Für die Künstler standen Fahrräder bereit, damit sie auf dem Gelände schneller von A nach B gelangten. Und das Gelände im Vorfeld zu beräumen und begehbar zu machen, sei nicht weniger kompliziert und ein Kraftakt zahlreicher Ehrenamtlicher gewesen, sagt Projektleiter Thomas Dietze. Aber man habe sich bewusst für diese Größe entschieden: "Wir sehen das als Herausforderung." Eine Herausforderung ist auch die Finanzierung. Die Kosten beliefen sich auf schätzungsweise 200.000 Euro. Rund 50.000 Euro Fördergeld stünde in Aussicht, sei aber noch nicht ausgezahlt worden, weil es hinter den Kulissen Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Organisatoren gab und die Klärung noch laufe, so Dietze. Davon abgesehen sei aber davon auszugehen, dass rund 150.000 Euro über Eintritt und Gastronomie erwirtschaftet und über Spenden eingeholt werden müssen, das seien etwa 50.000 Euro mehr im Vergleich zu den Vorjahren. Klappe das nicht, so Dietze, wollen die Organisatoren für den Fehlbetrag aufkommen. Im Falle eines großen Schuldenberges stünde eine Ibug im kommenden Jahr auf der Kippe. Spruchreif sei aber noch nichts.

Xuan als eine von rund 80 teilnehmenden Künstlern und Kollektiven steht derweil am Eingang des Kellers eines Verwaltungsgebäudes des Bahnbetriebswerkes und strahlt. Dieser Keller ist ihr Stück vom Paradies, hier präsentiert sie ihre Arbeit. Ein Flüstern, Säuseln und sachtes Singen dringt aus den Räumen. Es sind ihre eigene Stimme und die Echos, die sie dort unten aufgenommen hat und nun als Klanginstallation wiedergibt. Der Keller und die Töne spielen mit den Ängsten der Menschen, doch Xuan stellt ein Gegengewicht dazu, hat kleine Bäume von draußen nach drinnen geholt als Sinnbild für Vertrautes. So komme der Raum in eine Balance. Überhaupt scheint es etlichen Künstlern darum zu gehen, freundliche Botschaften auszusenden - und nicht zu sehr zu irritieren.

Floor Milou Smit aus den Niederlanden zum Beispiel verwendet beim Ausmalen eines Raumes "Farben, die dem Betrachter ein gutes Gefühl vermitteln sollen". Rot, Orange und Ocker sind dabei, mit denen Smit Alltagsobjekte wie einen Apfel und einen Stuhl an die Wände malt, überdimensional groß, sodass sich der Betrachter wie ein Kind fühlen kann. Hülpman hingegen, Künstler aus Berlin, hat eine Wand in ein schwarz-weißes Figuren-Durcheinander verwandelt. Vermitteln wolle er "Positivität, ein Augenzwinkern, das Gefühl, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen", sagt er. Das Kollektiv Los Calladitos aus Mexiko wiederum gehört zu jenen, die an schwindelerregend hohen Wänden von Hebebühnen aus arbeiteten. Auf eine Innenwand hat es zwei riesige, freundlich wirkende Gestalten gemalt. Die hüten in ihren Händen ein Licht - das innere Licht der Menschen, sagen die Künstler, das für Liebe und Frieden stehe.

Dieser Schutz ist ja auch dringend nötig in dieser Welt, und auch auf der Ibug entrinnt man Machttypen wie Donald Trump nicht, dessen Abbild an einer der Wände mit der US-amerikanischen Flagge in Stacheldrahtoptik prangt. Und eher traurig blickend begegnet einem auf anderen Wänden ein schwarz-weiß gemalter Junge, der einen Vogel auf Händen trägt. Der Vogel, erklärt Künstler Alex Senna aus Brasilien, stehe für das Bewusstsein. Und warum schaut der Junge so traurig? Alex Senna lacht: "Weil das Leben hart ist!" Aber auch ein anderer Vogel verfolgt einen hier, und wer vergangenes Jahr auf der Ibug in Chemnitz war, für den ist er ein alter Bekannter. Es ist die Ente, die Robin Kowalewsky aus Berlin malt und die auch zum Spaß auf der Welt ist, wenn man die ihr in den Schnabel gelegten Sprüche liest. "What a view" steht da zum Beispiel, und tatsächlich: Was für eine Aussicht, wenn man neben der Wand mit dem Entlein auf gigantisch hohe Pfeiler schaut! Es sind weitere Reste des Bahnbetriebswerkes - das mal ein Paradies für Freunde der Lokomotiven und Bahnen gewesen sein muss.

Willkommen, betonen die Ibug-Organisatoren, sind sie nun alle: Kunstfans, Bahnfans, Menschen aus der Region, die gucken wollen, was aus dieser Brache geworden ist. Wie viele Besucher diesmal kommen werden, sei schwer einzuschätzen, sagt Dietze. Aber vielleicht darf man auf den Lockruf des Paradieses hoffen.

Die Ibug 2019 findet in Reichenbach/Vogtland auf dem Areal des einstigen Bahnbetriebswerkes an der Friedensstraße/Greizer Straße statt. Geöffnet ist vom 23. bis 25. August und 30. August bis 1. September; freitags 15 bis 21 Uhr, samstags 10 bis 21 Uhr und sonntags 10 bis 20 Uhr. Der Biergarten auf dem Gelände ist freitags und samstags bis 24 Uhr offen. Ein Tagesticket an der Tageskasse kostet 12 Euro.

 

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