Ein Schiff wird kommen ...

An der Oper Leipzig gibt es einen neuen "Fliegenden Holländer". Die alte Geschichte wird dabei ziemlich alt erzählt.

Leipzig.

Es wirkt wie ein Masterplan: Der Leipziger Opernchef Ulf Schirmer wird zum Finale seiner Intendanten-Jahre 2022 dem Haus ein komplettes Wagner-Paket hinterlassen. Im XXL-Format und mit Festspielschleifchen drum. Das ist Stadttheater mit weltweitem Vermarktungseifer. Und selbst ein wenig größenwahnsinnig wie der "schnupfende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter", wie Thomas Mann den Leipziger Richard Wagner so hassliebevoll beschrieb. Also es geht nicht nur um den Bayreuther Kanon, sondern auch um die Frühwerke. Zum Wagnerissimo-Rekord fehlen jetzt, nach dem Holländer-Landgang, noch die geplanten Neuinszenierungen von "Lohengrin", "Tristan" und "Meistersinger".

Zum optischen Markenzeichen für den neuen "Fliegenden Holländer", der am Samstag Premiere hatte, dürfte der Dreimaster werden, der im dritten Akt mit geblähten roten Segeln direkt Kurs aufs Publikum nimmt und erst stoppt, als dessen Bugspriet schon über den Köpfen in der siebenten Parkettreihe schwebt. Ein mit Szenenapplaus begrüßter Hunderttausend-Euro-Coup, den der Freundeskreis der Oper großzügig spendiert und die Technik des Hauses perfekt realisiert hat. Dass es für Johnny Depp als lebenden Gruß, pardon: Fluch der Karibik, dann nicht mehr gelangt hat, war zu verschmerzen. Musicalkompatibel ist der Dreimaster jedenfalls.

Als Bühnenbildner kann der Holländer Michiel Dijkema damit wieder ein spektakuläres Großobjekt auf der Habenseite verbuchen. Vor dem Kahn verblassen die gestrandeten, auch schon gewaltigen, bis zu acht Meter langen Pottwale regelrecht. Die trugen im ersten Akt - nicht ganz so logisch - den Schatz des Geisterfahrers in ihrem Inneren.

Als Regisseur müsste Dijkema diesen "Holländer" eher auf der anderen Seite der Bilanz verbuchen. Mit der Grundidee hat er zwar Kurs auf Wagner und dabei dessen literarische Quelle, Heinrich Heines "Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelewopski", ins Visier genommen und die häppchenweise ausgiebig auf segelartige Hintergrundprospekte zum Mitlesen projiziert. Was dann aber davor abläuft, ist nicht mehr als eine betont altertümliche Illustration. Motto: nur nicht mit Gegenwartsbezügen verschrecken!

Also: Das große Opern-Märchenbuch aufschlagen und eine alte Geschichte so erzählen, dass sie möglichst auch so aussieht! Dabei fängt alles mit einem spannenden Effekt an. Da simuliert nämlich die Bühnentechnik aus Scheinwerferbatterien von hinten und von oben, mit Drehbühne und Hubpodien, den Seegang und das Wellenwogen, das man aus dem Graben hört. Doch dann übernehmen die Kostüme (Jula Reindell) die optische Herrschaft und schlagen gnadenlos zu. Wie verunglückte Secondhand-Meistersinger von anno dunnemals kommen Daland und der Holländer angestapft. Und beim Rest der Truppe sieht es auch nicht besser aus. Außenseiter? Aufbegehren? Sehnsucht? Druck der Gesellschaft? Oder auch nur das Knistern bei einer Begegnung zwischen zwei seltsamerweise auf einander abfahrenden Liebenden? Nichts von alledem. Hier wird nur im Geiste umgeblättert und auf der Bühne meist beziehungslos rumgestanden. Oder beim Seemannschor und den Spinnerinnen bei Frau Mary unter einer imposanten Riesenspinnmaschine gewuselt und gewimmelt.

Christiane Libor als Senta und Iain Paterson als Holländer liefern nobel vokale Pracht, Randall Jakobsh einen soliden Daland. Eriks (mit intensivem Schmelz: Ladislav Elgr) Bemühen um Senta, ist eher eine vokale als szenische Aktion. Dan Karlström ist als Steuermann mit einer Partnerin versehen, die ihn mit Apfelsinenschalen bewirft, so wie es im eingeblendeten Heine-Text vorkommt. Warum Frau Mary (solide: Karin Lovelius) eine Augenklappe trägt, das bleibt ihr Geheimnis.

Am Pult des Gewandhausorchesters ist der Abend Chefsache. Ulf Schirmer lässt es auch mal richtig knallen und zelebriert einen breit wogenden musikalischen Seegang - im Zweifel laut und langsam.

Am Ende mischten sich ein paar Buhs unter den Jubel der Leipziger.

Nächste Aufführungen von "Der fliegende Holländer" in der Oper Leipzig am 22.April, 12., 17. und 30. Mai sowie am 10. Juni. Kartentelefon 0341 1261261.

www.oper-leipzig.de

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...