Ein Sonderling und komischer Vogel

Daniel Mellem erzählt in "Die Erfindung des Countdowns" die Geschichte eines bemerkenswerten Lebens.

Wie alle Jungs verschlang er die Bücher von Jules Verne. Lernt man doch vom Utopisten mehr als von den Lehrern. Mit aufkeimenden wissenschaftlichen Ahnungen hat er gespürt: Da stimmt was nicht. Verne hatte sich geirrt in seinem Schmöker von der Reise zum Mond. Ein Kanonenschuss war bestimmt nicht die richtige Methode, lebend ans Ziel zu kommen. So ein Stoß wäre zu gewaltig, aber mit vielen kleinen hintereinander könnte es klappen. So einer war Hermann Oberth (1894 - 1989).

Ein gar nicht so gutes halbes Jahrhundert später saß er neben Wernher von Braun in Huntsville, wo das Apollo-Programm entwickelt wurde. Als 1969 der erste Mensch zum Mond flog, beobachtete er das von der Tribüne in Cape Canaveral. Er war desillusioniert, denn seinen Anteil an der Entwicklung hätte er sich größer gewünscht. Zwei Weltkriege musste der in Siebenbürgen geborene Oberth durchhalten. Als Schütze war er untalentiert, als Sanitäter ganz gut. Der Vater war schließlich Spitalsdirektor in Schäßburg gewesen. Weil der es nun mal am besten konnte, hat er sich einmal selbst operiert. Das nennt man Disziplin. Die hat er dem Sohn vererbt.

Der wurde zum Sonderling, zum Besessenen oder, um im Bild der Luftfahrtträumerei zu bleiben: ein komischer Vogel. Er forschte und forschte. Dass man die Ergebnisse missbrauchen konnte, störte ihn nicht. Er hatte andere Sorgen. Zum Beispiel die, nie die ihm zustehende Position zu bekommen. Andere waren in der Selbstvermarktung besser. Er blieb starrsinnig, wurde von einer Universität zur nächsten gereicht, weil er den früh erteilten Rat eines Konsuls in Kronstadt nicht wirklich beherzigte: "Es reicht nicht, etwas nur zu verstehen ... Man muss auch darüber sprechen können."

Die Dinge des Lebens sind Hermann Oberth mehr passiert, als dass er sie gesteuert hätte. So gelangte er unter deutschnationale Korpsstudenten, in die Wohngemeinschaft mit einem Philosophen, ins Romanische Café an die Seite von Fritz Lang, dem er eine Werberakete für seinen Film bauen sollte, oder in die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, wo er zur Forschung an abseitigen Dingen abgestellt wurde, nur damit er nicht für den Feind arbeitete. Er begegnete Einstein, Walt Disney, Albert Speer und Willy Brandt. Und er hat seine Frau getroffen. Als Tilla ihn küsste, erlebte er, wie schön es ist, eine Theorie in der Praxis bestätigt zu finden. Später wird sie den praktischen Part in ihrem gemeinsamen Leben übernehmen.

In seinem Debütroman erzählt der Physiker Daniel Mellem in zehn von hinten her nummerierten Kapiteln den Countdown dieses bemerkenswerten Lebens. Er tut das sehr brav, manchmal wie in Seminarprosa. Tilla zum Beispiel macht er zur Stichwortgeberin und zur Verkörperung des gesunden Menschenverstandes. Er hat genug zu tun mit dem schwer zu fassenden Außenseiter Hermann Oberth, einem der "wenigen Utopisten, die ihre Utopie verwirklicht sahen". Einem Türken legt er in den Mund, die Deutschen seien "das Volk der großen Taten und der kleinen Seelen". Das trifft zu für Hermann Oberth. Wenn Daniel Mellem in lapidaren Sätzen um diesen Kern kreist, entwickelt sein Text einen Sog. Doch leider nur dann.

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