Eine ehrliche Killerserie

In der Amazon-Serie "Killing Eve" stehen eine Serienmörderin und ihre Verfolgerin im Mittelpunkt. Besonders wird die Serie aber durch einen ganz anderen Umstand.

Chemnitz.

Was treibt einen Menschen dazu, zum Auftragskiller zu werden? Müssen das nicht völlig gewissenlose Gesellen sein, die einen Menschen, den sie überhaupt nicht kennen, für Geld einfach auslöschen? Will man sich eigentlich als Konsument diverser Actionstreifen und Krimis mit solchen Typen auseinandersetzen? Eher nicht. Regisseure und Drehbuchautoren geben diesen zweifelhaften Helden deshalb nicht selten ein menschliches Antlitz. In "Leon - der Profi" nimmt Profikiller Leon (Jean Reno) ein zwölfjähriges Mädchen auf. Im Klassiker "Ein eiskalter Engel" verliebt sich der Killer (Alain Delon). Und John Wick (Keanu Reeves) liebte sein kleines Hündchen. In "Killing Eve" wird für einen solch rechtfertigenden Hintergrund kein großer Aufwand betrieben. Das und die Tatsache, dass ein weibliches Duo im Mittelpunkt steht, machen die BBC-Serie zu etwas Besonderem.

Bereits die Anfangsszene ist bezeichnend. Da sitzt Auftragsmörderin Villanelle in einem Café und liefert sich mit einem kleinen Mädchen ein Blickduell - mit böser Miene. Doch dem Mädchen ist dies schnell unangenehm, und sie sucht den Blick einer offensichtlich sympathischeren Person. Daraufhin ändert Villanelle die Strategie und lächelt das Mädchen engelhaft an, das erfreut zurücklächelt. Beim Verlassen des Lokals schmeißt die Killerin das Eis des kleinen Mädchens um, die süße kalte Masse landet auf dem Kleidchen. Als der von der Profession Villanelles nichts ahnende Freund an einem Fläschchen mit Gift riecht - er hält seine Freundin für eine Parfümeurin - und daraufhin qualvoll verstirbt, entlockt ihr das nur ein leicht überraschtes "Ups!". Keine Frage, Villanelle ist hochgradig gestört, absolut gefühlskalt, egozentrisch - sie ist eine Soziopathin in Reinkultur. Zunehmend hat sie Spaß am Töten - und am Duell mit der britischen Ermittlerin Eve. Beide Frauen sind auf eine sehr ungesunde Art voneinander fasziniert. Aber nur Eve vermag sich deshalb in die Psyche der Killerin hineinzuversetzen und kommt ihr bei einer Jagd durch ganz Europa immer näher. An diesem Spiel findet Oksana, so der wahre Name der russisch-stämmigen Serienmörderin, zunehmend Gefallen und hinterlässt bewusst nach ihren Taten kleine Hinweise für Eve. Doch ihre Auftraggeber, nicht näher bestimmte finstere Mächte aus dem Umfeld russischer Geheimdienste, sind beunruhigt. Sie wollen ihre effizienteste Geheimwaffe an die Leine nehmen und im schlimmsten Fall auch ausschalten. Nein, an Villanelle, die grandios von Jodie Comer verkörpert wird, ist so überhaupt nichts Sympathisches. Und das macht die Serie viel ehrlicher als die meisten Killerfilme und -serien mit männlichen Akteuren in den Hauptrollen.

"Killing Eve" ist spannend, actionreich, intelligent, ziemlich brutal - aber auch überraschend lustig. Der sehr spezielle Humor stammt übrigens aus der Feder der gerade 33-jährigen, hochtalentierten Schauspielerin, Dramatikerin und Autorin Phoebe Waller-Bridge, die bereits die Drehbücher für die Comedy-Serien "Crashing" (Netflix) und "Fleabag" (Prime Video) geschrieben hat.

Die acht neuen Folgen der zweiten Staffel von "Killing Eve" sind ab 26. Juli beim Amazon-Kanal Starzplay abrufbar. Die 1. Staffel gibt es auch als DVD.

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