Eine Kultband wird erwachsen

Seiler und Speer, Großmeister der Ironie aus Wien, veröffentlichen ihr drittes Album - und beweisen Mut zum Ernst.

Wien.

Als der Kabarettist Christopher Seiler 2014 den Filmemacher Bernhard Speer fragte, ob er ihn zu einem seiner Projekte an der Gitarre begleiten könnte, ahnten beide gewiss nicht, dass sie einmal ernst zu nehmende Musiker, geschweige denn einmal eine der populärsten Bands Österreichs werden würden. Obwohl bald der Gedanke an ein gemeinsames Bandprojekt stand, war ihnen das, über was sie da voller trockenem Humor und Ironie im Wiener Dialekt sangen, "wuascht". Allerdings erwies sich dieser Spaß an der Musik, verbunden mit der karikaturesken Alltagskomik und leisen Romantik in den Texten, als Schlüssel zum ernsthaften Erfolg: Seiler und Speers Debütalbum "Ham kummst" von 2015, inklusive seines jetzt schon kultigen Titelsongs, wurde zum Überraschungserfolg im süddeutschen und österreichischen Raum: mehrfacher Platinstatus, sechs Wochen Platz 1 in den Albumcharts Österreichs, zahlreiche Preise sowie deutsche Chartplatzierungen. Die Erfolgsstrecke des Duos setzte sich mit dem zweiten Album "Und weida?" von 2017 fort und etablierte sie endgültig als nationale Stars: eine Goldauszeichnung nach nur wenigen Tagen, zwei Wochen Platz 1 und auch die erste Tour der Band durch Österreich. Am Erfolg sind vor allem die stets humorvollen, überspitzten Texte über bekannte Alltagssituationen und davon geprägte Pechvögel nicht ganz unschuldig. Gerade weil ihr Kern so vertraut ist, finden sich viele Hörer in ihnen wieder.

Am heutigen Freitag erscheint nun das dritte Album "Für immer", auf dem sich auf den ersten Blick an der vertrauten textlichen Tonalität nichts geändert zu haben scheint, außer die besungenen Charaktere: Anstelle der plötzlich geschiedenen Säufer, hoffnungslos verliebten Pleitegänger und enttäuschten Luxusurlauber der letzten beiden Platten hört man nun unter anderem von singenden, die Justiz verhöhnenden Kleinganoven ("Herr Inspektor"), Spießern, die jeden persönlichen "Störenfried" verklagen ("Ich zeig eich au") sowie Lebensfaulen ("Fünf Minuten"). Der erneut überspitzte und dennoch trockene Humor regt neben dem Schmunzeln auch zum Nachdenken an.

Dazwischen allerdings gibt sich die Band nun deutlich persönlicher und auch erwachsener, als man bisher angesichts der einprägsamen Melodien, des Sarkasmus und des Spaßes an der Vorwitzigkeit hätte vermuten können, wozu wahrscheinlich auch Christopher Seilers Autounfall in betrunkenem Zustand im Oktober 2017 als Läuterungseffekt beigetragen hat: Er schafft beispielsweise in "Weust a Mensch bist" eine berührende Hommage an seine Mutter, zutiefst dankbar für ihre Selbstlosigkeit. Für subtile, aber ebenso scharfe Kritik an oberflächlichen Persönlichkeiten ("Principessa"), bittersüße Sehnsucht nach der Kindheit ("Oid wean") oder gar Optimismus im Leben ganz ohne Pathos ("Ois ok") ist ebenso Platz, alles gepaart mit einem Gleichgewicht aus heiterenund schwermütigen Melodien unter prägnantem Gitarreneinsatz. Den emotionalen Höhepunkt erreicht das Album mit dem vorletzten Stück "Servas Du" im Duett mit der Austropop-Ikone Wolfgang Ambros, das Seilers verstorbenem Großvater gewidmet ist. Hier kommt der Wunsch nach einem letzten Gespräch mit dem Verstorbenen zwischen dezenten Gitarren und Streichern zum Ausdruck. Schließlich wird das Album mit lässiger Selbstironie in "Maunchmoi (Reprise)", das einen Teil von "Principessa" als Refrain und frühere Songtitel in den Strophen zitiert, beendet. Solch ein Facettenreichtum macht "Für immer" zum bisher besten Album der Wiener und auch zum perfekten Kontrast zur Band selbst: Selten vereinen sich Spaß und Ernst so stimmig.

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