Eine Party zu zweit

Der deutsche Vorzeigetrompeter Till Brönner hat mit Günter "Baby" Sommer ein gemeinsames Album aufgenommen: Würdiger hätte man den 75. Geburtstag des legendären Dresdner Freejazz-Schlagzeugers kaum feiern können!

Meister am Schlagzeug: Günter "Baby" Sommer in Interaktion mit Till Brönner (links).

Von Ulrich Steinmetzger

"Ich weiß nicht genau, ob das Publikum von mir erwartet, dass ich auf der nächsten Platte genau das tue, was es nicht erwartet hatte." So kokettierte Trompeter und Everybody's Darling Till Brönner in seiner als Dialog mit Claudius Seidl getarnten Autobiografie "Talking Jazz" 2010 mit dem Rollenzwang, in dem er als äußerst Erfolgreicher im üblicherweise nicht so einträglichen Jazzgenre gefangen war: smooth, smart und seidenweich. Das Buch war so eine kalkulierte Belieferung der Erwartungshaltung, weil es inzwischen dazu gehört, dass sich sogenannte Promis altersunabhängig und von professionellen Schreibern unterstützt auf geduldigem Papier verbreiten. Sei's drum - seither hat Till Brönner geschmackssicher, gekonnt und mit sehr viel Stil die auf ihn gerichteten Vorurteile weitgehend weggeblasen, unlängst erst im Duo mit Kontrabassist Dieter Ilg auf dem dunkel betörenden Album "Nightfall".

2010 war auch das Jahr, als von Sachsen aus eine andere Duo-Konstellation initiiert wurde: die des Trompeters mit dem wichtigsten deutschen Schlagzeugrhapsoden, Günter "Baby" Sommer. Da hatten sich zwei gefunden, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein konnten. Diametrale Sozialisationen in Ost und West, unterschiedliche Generationserfahrungen und Spielhaltungen, einerseits freier Jazz, andererseits softes Spiel mit anverwandelten gängigen Mustern. Brönner, geboren 1971 in Viersen am Niederrhein, Sommer geboren 1943 in Dresden - immerhin: beide daselbst als Professoren Kollegen an der Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber". Das Duo beider blieb sporadisch konstant bestehen, nun gibt es im achten Jahr endlich eine erste gemeinsame CD beim Schweizer Label Intakt, und die übertrifft alle Erwartungen. Es gibt wohl doch mehr Gemeinsamkeiten, als der ohnehin fast nie genügende erste Blick vermuten ließ.

Da ist beider tiefe Verwurzelung in der Jazzgeschichte. Da ist eine Lust am Zusammenspiel, die auf gegenseitiger Achtung und Zuneigung basiert, sodass keiner von beiden den anderen übertrumpfen oder bloßstellen will. Da werden Gemeinsamkeiten gesucht und spielerisch ausgebreitet ohne Geschwätzigkeit und Kraftmeierei. So entsteht ein ebenso traumwandlerisches wie riskanten Miteinander, ein Geben und Nehmen, dem die Ideen nicht ausgehen. Da wird tatsächlich eine intime Party in höchster Spielkultur gefeiert im Zuhören und Reagieren, wie es diese reduzierteste Form des Zusammenspiels fordert und ohne die es nicht denkbar ist.

Vordergründig ist es Günter "Baby" Sommers Platte. Meist legt er vor, forciert, fordert, legt die Fährten, zieht das Tempo an und multipliziert sich in vokalen Unterstreichungen. Dabei schichtet, verschiebt oder variiert er die rhythmischen Muster, dass es eine Freude ist. Mal lässt er es sensibel rascheln, mal maultrommelt er ein ganzes Stück durch, dann wieder holt er die flinken Besen aus dem Köcher. Er glöcknert, klöppelt, klappert, gongt, grummelt tief oder prescht los, dass man sich die Ohren reibt bei so viel Fintenreichtum im Dienste des Rhythmus. Und Till Brönner kann die jeweils neue Wendung antizipieren, kommentieren und seinerseits weitertreiben. Das ist ein Gipfeltreffen in der Kultur des Dialogs.

Sommer hat reiche Erfahrung in vergleichbarer Zweisamkeit. Mit den großen US-Avantgardisten Wadada Leo Smith und Cecil Taylor hat er sie gepflegt, immer wieder mit dem Pianisten Ulrich Gumpert, mit dem Merseburger Domorganisten Hans-Günther Wauer, mit der Pianistin Irène Schweizer, dem Saxofonisten Johannes Enders und vielen mehr, aber auch mit den Dichtern Günter Grass, Rafik Schami, Christoph Hein und Nora Gomringer. All diese Erfahrungen speist er ein, wenn er hier mit Till Brönner eine Party zu zweit feiert.

Am Beginn wird der "Apéro con brio" gereicht, und wenig später folgt mit dem gefühligen irischen Traditional "Danny Boy" Brönner in Bestform. Schlussendlich wird mit Ellingtons "In a Sentimental Mood" noch einmal der Balladenton aufgenommen. Aber wie! Auf dem Weg dahin ziehen zwei Könner alle Register. Sommers Klassiker "Der alte Spanier" machen die beiden unterwegs zu einem künftigen Referenzstück für das Spiel in dieser kleinstmöglichen Gemeinschaft: Fanfaren, Finessen und Groove. Am 25. August hat Günter "Baby" Sommer seinen 75. Geburtstag gefeiert.

0Kommentare Kommentar schreiben