Einsam unterwegs findet er die Liebe

In seinem neuen Roman "Quichotte" erweist sich Salman Rushdie einmal mehr als ein bildreicher Erzähler der Extraklasse.

Sie alle kommen aus Bombay wie Salman Rushdie. Und sie alle sind Reisende, die es woanders hintreibt. Der vom Ayatolla Khomeini gegen den Autor verhängte Fatwa-Mordaufruf ist bekannt. Er trieb ihn in den Untergrund. Doch mit dem Unterwegssein sind auch Reisen im Kopf gemeint, von denen Handlungen bestimmt werden, die gegenwärtig sein können. So ist das auch in Rushdies Roman "Quichotte", in dem er seine Stärken als Erzähler in gewohnt verspielter Weise und auf zuverlässiger Höhe hinbreitet.

Ausdrücklich dankt er Miguel de Cervantes, der seinen von der Zeit überholten Ritter losschickte, um vergebliche Kämpfe zu führen, die Größeres verdeutlichen sollen. Seine Update-Figur des Vorbildes soll man sich vorstellen, als wäre sie von Giacometti oder einem El Greco-Gemälde entstiegen. Groß und hager, tadellos gekleidet, gepflegt und kultiviert, wozu ein großer Wortschatz zählt und die Fähigkeit, ihn so einzusetzen, dass der Rest der Welt befremdet reagiert, mindestens. So einer passt nicht in die Zeit - und hält ihr genau deswegen den Spiegel vor.

Der Quichotte heißt Ismael Smile, ist Verkaufsleiter in einem Pharma-Unternehmen, ein kinder- und frauenloser Handelsreisender, der aus dem Kofferraum lebt, während er die USA durchquert und in Motels Quartier nimmt. In seiner Einsamkeit hat dieser in die Neuzeit Verirrte eine Obsession für das Fernsehen entwickelt und in der Talkshow-Königin Salma R. seine große Liebe gefunden. Irgendwann war die 30 Jahre Jüngere von Bollywood nach Hollywood gegangen. Inzwischen hat sie zwei Ehen hinter und eine Drogenkarriere vor sich. Das weiß ihr Verehrer ebenso wenig wie ihre Fans. Sie sehen in ihr eine Gerechtigkeitsfanatikerin. Quichote sieht die Frau seiner Träume, und weil er nicht nur ein Mann der Worte, sondern auch der Taten ist, muss er hin. Der Weg ist seine "Quest", seine Heldenreise durch sieben Täler mit Aufgabenlösungen. Bald schon sitzt der kopfgeborene Sancho neben ihm, der irgendwann einer Parallelverliebtheit mit anderem Ende hinterherjagen wird, wobei er seinem Vater entgleitet. Das alles erzählt ein Bruder genannter Autor, der unter dem Pseudonym Sam DuChamp bisher acht Spionageromane veröffentlichte und nun über seinem Opus Magnum brütet. Sein Hauptproblem ist, dass seine Geschichten manchmal klüger sind als er selbst.

Rushdies fintenreiches, postmodernes Buch ist ein von Kabinettstücken sowie intelligenten Kreuz- und Querverweisen durchblitzter großer Liebesroman der anderen Art, der furios und überbordend mit Elementen von Science Fiction-, Action-, Satire- und Persiflage-Romanen jongliert. "Der Einwurf, lieber Leser ... Geschichten sollten nicht so ausufern", wird vom Autor gekontert: "Viele der heutigen Geschichten sind und müssen von dieser pluralistischen, ausufernden Art sein, denn im Leben der Menschen und in ihren Beziehungen hat so etwas wie eine nukleare Spaltung stattgefunden ..." Mit seiner Kunst verschafft Rushdie nicht nur Zutritt zu verborgenen Kammern der Cyber-Lügner und Endzeitpropheten, sondern zum Verstehen einer entgleisenden Epoche. Was will man mehr?

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