Entgrenzung der Erotik

Nackte Stars auf Instagram, Soft-Pornos auf Youtube, Werbung für Sexspielzeug. Der Diskurs über sexuelle Erfüllung kennt wenige Tabus und betont die Konsumierbarkeit von Lust. Bedeutet das Emanzipation zur freien Liebe oder jugendgefährdender Narzissmus?

Im Jahr 1990 konnte eine Erotik-TV-Show einen Skandal auslösen. Hugo Egon Balder und seine strippenden "Tutti Frutti"-Damen riefen die Medienwächter auf den Plan. Wochenlang wurde hitzig diskutiert, die Einschaltquoten erreichten Topwerte. Heute wirbt der Internethändler Amorelie im Nachmittagsprogramm für Vibratoren, und Kleopatra darf in der ZDF-Dokumentation "Frauen, die Geschichte machten" mit Caesar und Marc Anton nackt und Opium rauchend Orgien feiern, ohne eine gesellschaftliche Debatte auszulösen. Brüste für die öffentlich-rechtliche Breitenbildung. Es gibt aber Eltern, Pädagogen sowie Kinder- und Jugendpsychologen, die es dennoch bedenklich finden, wenn die Kandidatinnen bei Germany's Next Topmodel ein Nackt-Shooting absolvieren müssen oder Youtuberin Katja Krasavice frei zugängliche Porno-Songs ins Internet stellt. Fakt ist: Soziologen beobachten seit etwa 15 Jahren eine "Pornografisierung" des öffentlichen Raums. Texte, Fotos und Videos, die früher als jugendgefährdend eingestuft worden wären, sind heute Teil des Alltags. Eine Form sozialen Wandels, der neue Wertvorstellungen sowohl spiegelt als auch formt.

Sex hat einen festen Platz in der Werbung, in der Mode, im Kino. Denn Sex liefert Aufmerksamkeit, garantiert Klicks, Einschaltquoten und höhere Umsätze. Bei zehn Stunden Mediennutzungszeit pro Tag bedeutet das, dass der Diskurs über Leidenschaft und Lust unseren Blick auf Sexualität verändert. Der französische Philosoph Michel Foucault ging davon aus, dass Diskurse die Macht haben, neue Praktiken hervorzubringen. In diesem Sinne wäre der Erfolg des Erotikversandhandels - allein Amorelie hat 2017 einen Umsatz von 36 Millionen Euro erzielt - auch aus dem Diskurs über freie Liebe und körperliche Autonomie erklärbar. Gleichzeitig liefert Werbung für Sexspielzeug diskursive Deutungsangebote, die Frauen und Männer dazu anregen, neue Verhaltensweisen zu integrieren, um das Ideal der selbstbestimmten, allseits verfügbaren sexuellen Erfüllung leben zu können. Sex wird konsumierbarer, abrufbarer und entkoppelt von Liebe und Partnerschaft. Ein Symptom der individualisierten Gesellschaft. Die Frage ist nur, ob die Allgegenwart des Sexuellen und die auf maximalen Lustgewinn ausgerichteten Praktiken uns tatsächlich befreien. Oder uns im Gegenteil zu Sklaven sexueller Selbstoptimierung machen.

Sex als Ausdruck von Autonomie - einen entsprechenden Trend erkennt die Soziologin Paula Villa. Sie lehrt und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München und beobachtet eine "Veralltäglichung pornografischer Logik". Bilder und Posen, die vor 20 Jahren nur in Porno-Filmen oder Erotikmagazinen vorkamen, seien heute Bestandteil der Inszenierung von Pop-Musikerinnen wir Rihanna. "Lust gerät in den Sog von Leistung und Profit. Ziel ist es, möglichst schnell größtmögliche Erregung zu erreichen. Diese Art der Sexualität ist weit weg vom Ideal der bürgerlichen Liebe." Villa erkennt einen Zusammenhang mit den Forderungen der 68er-Frauenbewegung. "Wenn Frauen ihre Sexualität autonom leben können, ist das eine Errungenschaft feministischer Kämpfe um Emanzipation." Heidi Klums Model-Show sei ein Beispiel für Selbstbestimmung - nur eben politisch ganz anders gelagert. "In dem Format geht es in erster Linie nicht um Schönheit oder Sex, sondern um die Challenge. Die jungen Frauen sollen zeigen, dass sie bereit sind, alles zu geben, dass sie unbedingt gewinnen wollen, dass sie sich dem Wettbewerb gänzlich unterwerfen - weil sie es selber wollen. Das ist das neoliberale Credo unserer Gesellschaft."

Villa ist andererseits überzeugt davon, dass Jugendliche sehr gut trennen können zwischen Medienformat und empirischer Wirklichkeit. "Jugendliche sind keine robotisch versklavten Rezipienten. Sie nehmen durchaus eine distanzierte Position ein, selbst wenn sie fasziniert sind." Bedenklich werde die Entwicklung dann, wenn die in den Medien dargestellten entgrenzten Formen von Sexualität zur Blaupause mutierten. "Auch das war bereits eine Diskussion der Zweiten Frauenbewegung: Führt der Diskurs über die freie Liebe dazu, dass Frauen verfügbarer und lustorientierter sein müssen, mit Betonung auf müssen? Machen uns die medialen Formate glauben, dass Sex immer ausgefallen, abwechslungsreich und kreativ sein muss? Solche Erwartungen führen zu Enttäuschungen und Leistungsdruck, gerade bei jungen Menschen."

Wenn die Pornografisierung des öffentlichen Raumes als Problem gesehen wird, dann in der Regel im Kontext mit der Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen. So stellte die Potsdamer Psychologie-Professorin Barbara Krahé einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Konsum gewalthaltiger Pornografie und der Akzeptanz sexueller Aggression fest. Bemerkenswert: Von den befragten 197 Jugendlichen hatten fast alle schon mindestens einmal pornografische Darstellungen gesehen, knapp die Hälfte mindestens einmal erzwungene sexuelle Handlungen. Nicola Döring, Professorin für Medienpsychologie an der Technischen Universität Ilmenau, wertet "dramatisierende Darstellungen" als "Moralpanik". Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigten, dass sich das Sexualverhalten Jugendlicher durch wachsende Verantwortung und Partnerschaftlichkeit auszeichne.

Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff hat dagegen die Erfahrung gemacht, dass Kinder bereits im Grundschulalter sexualisiert sind und keine Möglichkeit mehr haben, ihre Sexualität selbst zu entdecken. "Ich erlebe Jugendliche, die nur aus Lust und Lustbefriedigung bestehen und total selbstbezogen sind. Wir müssten sie besser schützen."

Auch die Erziehungswissenschaftlerin Karla Etschenberg warnt vor einer weiteren Entgrenzung. Sie beobachtet eine Aufmerksamkeitsspirale, die zu weiteren Tabubrüchen führe und Kindern und Jugendlichen bedenkliche Normen vermittle. "Es ist völlig in Ordnung, wenn Kinder und Jugendliche ihren Körper entdecken und sich selbst befriedigen. Aber ich halte es für bedenklich, wenn sie auf dieses selbstbezogene Gefühl fixiert sind." Etschenberg beobachtet, dass der Jugendschutz immer weiter an Boden verliert, zugunsten wirtschaftlicher Interessen. Dabei hätten Studien gezeigt, dass der Konsum von Pornografie individuelle sexuelle Skripte hervorbringt, die zu einer geringeren Lebenszufriedenheit führen: "Die Jugendlichen merken schnell, dass sie beispielsweise nicht so oft Lust empfinden und befriedigen können, wie das in den Filmen dargestellt wird. Das frustriert sie." In der Folge würden sie versuchen, sich sexuelle Attraktivität und Erfüllung einzukaufen. "Mädchen und Jungen wünschen sich 'verschönernde' Intimoperationen oder ein Analbleaching und kaufen Sexspielzeug, damit der Orgasmus auf Knopfdruck klappt. Aus meiner Sicht ist das eine ungesunde, narzisstische Entwicklung."

Etschenberg beschreibt einen Diskurs, der das Ausleben sämtlicher sexueller Praktiken als Emanzipation von einer restriktiven Sexualmoral begreift. Ernsthafte Gegenströmungen kann sie nicht erkennen. Es gebe zwar kirchliche Gruppen und Eltern, die sich gegen die proaktiv sexualisierende Sexualerziehung wenden - ein Konzept, bei dem das Interesse an sexuellen Handlungen vom Kleinkindalter an geweckt wird, indem Kindern beispielsweise Bilder gezeigt werden, auf denen andere Kinder ihre Genitalorgane stimulieren -, eine breite öffentliche Diskussion bleibe jedoch aus. Zu dominant sei die illusionäre Vorstellung von der befreienden Wirkung sexueller Selbstbestimmung. Sex als Ideologie des modernen Menschen? "Wie Frauen und Männer Sexualität wahrnehmen oder Partnerschaft erleben, ist mittlerweile stark fremdbestimmt. Wir werden mit ständig neuen Reizen gefüttert, damit wir immer weiter konsumieren. Dass Kinder in diesen Sexualisierungsprozess einbezogen werden, bedaure ich."

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