Entschleunigtes Babylon

Shakespeares "Othello" mit einem bösen Verführer war als Ballettfassung am Samstag in einer Uraufführung in Chemnitz zu sehen. In der Ankündigung wurde großes Kino versprochen. Zu Recht?

Chemnitz.

Der Vorhang geht auf und - ups: Das sieht ja aus wie "Babylon Berlin". Dieser gold-braune Schimmer, der sich über die Tische und Stühle in der Tanzbar zieht. Diese mächtige Treppe, die von der Bar zu einem kalt leuchtenden Mond führt. Diese Kleider, die an den Frauen schwingen. Ob man von der Anmutung her hier ein bisschen auf der Erfolgswelle der Fernsehserie "Babylon Berlin" mitreiten will? Egal. Das Ballettstück "Othello" nach der Tragödie von William Shakespeare, das am Samstag im Opernhaus Chemnitz in einer Choreografie von Julio Arozarena uraufgeführt wurde, in die 1920er zu setzen, ist plausibel. "Othello" ist ja eigentlich die Geschichte des großen Verführers Jago. Dessen Uniform hat in dieser Inszenierung schon mal die passende Farbe: braun.

Jago will Rache an General Othello nehmen, weil der ihn nicht befördert hat. Deshalb spinnt Jago Intrigen und lässt Othello glauben, dass dessen Frau Desdemona ihn betrogen hat. Jago manipuliert so geschickt, dass Othello seine Frau letztlich tötet. Als er erfährt, dass sie unschuldig war, tötet er auch sich selbst. Die Tragödie erzählt also über den Umweg einer Liebesgeschichte vom Bösen im Menschen: von Jago, der mit Berechnung Leid über die Menschen bringt. Und von Othello, dem Außenseiter, einem erfolgreichen General zwar, dennoch nur geduldet, weil er als "Mohr" den anderen ein Fremder bleibt. Sein Schwarzsein stachelt Jagos Hass noch an. Es ist also eine universelle Geschichte, deshalb hat sie Gastregisseur Arozarena von Raum und Zeit losgelöst angelegt. Aber die Nähe zu den 20ern ist unübersehbar, der Zeit, die wenig später ins Verderben führte.

Arozarena - 1965 in Havanna geboren, in den 90ern Solist des Béjart Ballet Lausanne - hat mit "Othello" ein Handlungsballett für Chemnitz inszeniert; heißt, die Handlung wird auf der Bühne nachvollziehbar erzählt. Es gibt klassische wie zeitgenössische Tanzelemente, das Ganze ist dazu sehr unterhaltsam. Das liegt auch an der ausgewählten Musik, vor allem der von Claude Bolling, dem Jazzpianisten, der sehr viel Filmmusik schrieb.

So gibt es mitreißende Szenen in der Tanzbar, wo sich Paare amüsieren, schwofen, mal sind in der Choreografie viele der Paare synchron ausgerichtet, mal tanzen die Damen adrett in einer Reihe, mal die Herren kraftvoll in der Gruppe, zwischendurch gibt es Dominoeffekte, wo die Bewegung des ersten Tänzers auf den nächsten übergeht und so durchs Ensemble rollt. Immer dabei und zwischendrin: Jago, überaus großartig gespielt und getanzt von Ivan Cheranev! Die Listigkeit ist ihm von der ersten bis zur letzten Minute ins Gesicht geschrieben. Wie er geschmeidig an seinen Mitmenschen klebt und sich einschmeichelt. Wie er zwischen sie springt und sie auseinandertreibt. Wie er sie drängt und lenkt. Wie er seine Arme und Hände schnappmesserartig aufklappen lässt. Da kann es einem schaudern, und ja, da blitzt es schon auf, das große Kino. Im übrigen angenehmer als beim atemlos übertriebenen Fernseh-Babylon. Das liegt auch an den Einzelszenen des Balletts, die die Psyche der Protagonisten weiter ausloten, Othello etwa als starken, aber auch empfindsamen, unsicheren Mann zeigen - sehr würdig und überzeugend von Milan Malác getanzt. (Falls hier jemandem die Frage kommt: Nein, diese Rolle wurde nicht mit einem schwarzen Tänzer besetzt, und nein, Milan Malác wurde auch nicht schwarz geschminkt. Ist auch nicht nötig: Othello steht heute nicht per se für das Schwarzsein, sondern für das Anderssein, für dunkle Gedanken, und das muss eine Inszenierung unabhängig von der Hautfarbe klar machen können - und tut es hier auch.)

Dafür, dass "Othello" eine tiefernste, gefährliche Geschichte erzählt, sind die Szenen mit Savanna Haberland als Desdemona, in denen sie ihre Verliebtheit und Naivität zeigt, ein bisschen zu zuckrig und lang geraten. Aber dann! Als die Geschichte ihre Wendung nimmt, Desdemona erkennt, dass sie die Liebe Othellos verloren hat, ihm flehend auf Knien entgegen rutscht, während er machtvoll leeren Blickes die Treppe hinunter auf sie zuschreitet: Das sind die großen Momente von Savanna Haberland und Milan Malác. In ihren Todestanz, in dem sie mit ihren goldenen Umhängen wie ein lebendig gewordenes Klimt-Gemälde wirken, sind alle Verzweiflung und Traurigkeit verlorener Liebe hineingeschrieben. Da braucht es keine Pirouetten und Sprünge mehr, da reichen die formvollendeten, wenigen, innigen Bewegungen dieses Tanzes. Große Präsenz. Große Ausstrahlung. In diesem Moment definitiv großes Kino.

Begeisterter Applaus.

Weitere Aufführungen des Balletts "Othello" am Opernhaus Chemnitz finden am 1. und 22. November, 15 Uhr, und am 17.Dezember, 19 Uhr, statt. Tickets unter der Telefonnummer 0371 4000430.

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