Es knarzt auch mal, ganz wie im echten Leben

Alexa Feser erobert auf Anhieb das Chemnitzer Publikum

Chemnitz.

Der Sprung ins kalte Wasser - dieses Sprachbild passt nicht recht, wenn ein aufstrebender Künstler auf Tournee einen ihm unbekannten Gastspielort anläuft. Es ist ein Sprung ins Ungewisse: Ist das Wasser kalt? Eiskalt? Lauwarm? Auf Wohlfühltemperatur? Und: Ist überhaupt Wasser im Pool? - Ziemlich schnell durfte die Singer-Songwriterin Alexa Feser am Freitagabend im Kleinen Saal der Chemnitzer Stadthalle feststellen: Alles im grünen Bereich. Mit Runde 2 ihrer aktuellen Akustik-Tournee "Zwischen den Sekunden" erstmals Chemnitz anzulaufen, erwies sich als goldrichtige Idee: Bis auf ganz wenige Randplätze war das 600-Mann-Sechseck voll.

Und das, obwohl die 38-Jährige, die 2017 mit ihrem zweiten Album, "Zwischen den Sekunden" sechs Wochen lang Platz 3 der deutschen Albumcharts belegte, sich mit einem musikalischen Experiment nach Chemnitz wagte, das ihr Repertoire praktisch noch einmal un-erhört neu erfindet. Denn Akustik-Tour bedeutet hier: Alexa am Klavier, begleitet vom Streichquartett Berlin Strings und im Einzelfall dem Tourneeleiter als Perkussionisten.

Nun weiß man seit den Beatles, welches Potenzial ein Streichquartett als Begleitensemble entfalten kann - und auch in diesem Fall ging das Konzept auf. Mit dem ruhigen, nachdenklichen Titel "Mensch unter Menschen" eingestiegen, spürte man förmlich, wie die Stimmung im Saal von Lied zu Lied stieg. Das Publikum, größtenteils zwischen Anfang 30 und Mitte 50, quittierte Stücke wie "Leben", "Herz aus zweiter Hand", "Straßenkind", wie auch Titel von Alexa Fesers Debütalbum "Das Gold von morgen" mit begeistertem Applaus und stiller Zuwendung, die die Berlinerin anmerken ließ, solche Aufmerksamkeit erhalte sie bei ihren Moderationen nicht überall.

Das kommt nicht von ungefähr: Ihre weisen, geerdeten Texte erzählen von Menschen, die schon etwas erlebt haben, sind grundiert mit Melancholie, abgesetzt mit gesundem Optimismus und der Haltung, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. "Wunderfinder", "Nach Norden" oder "Linie 7" stehen dafür. Dass diese hymnischen Lieder durchschlagende Wirkung hatten, war nicht nur dem vielschichtigen Chanson-Alt der Sängerin und ihrem pianistischen Feingefühl zu danken, sondern auch den klugen Streichquartett-Arrangements der studierten Musikwissenschaftlerin. Sie hüllen ihre Lieder ein wie geschmackvolles Geschenkpapier. Indes hatten mit ihnen Lisa Marie Vogel, Johanna Wundling (Violinen), Tabea Haarmann-Thiemann (Viola) und Luisa Babarro (Violoncello) nicht nur cremigen Wohlklang auf den Pulten. Da knarzte und kratzte es auch mal absichtsvoll - wie im echten Leben, von dem die Lieder handeln. Aber die Vier können auch einen Kracher wie "Medizin" vorantreiben - eines der besten Lieder, die es über die heilsame Wirkung von Musik gibt.

Fazit: Zwei magische, rundum gelungene Stunden. Dabei hatte Cellistin Luisa Babarro, die auch singt, bereits im Vorprogramm mit ungekünstelt-klarer Stimme und frappierender Pizzicato-Begleittechnik die Latte sehr hoch gelegt. Auch ihr hätte man gern länger zugehört. Aber was nicht war, kann ja noch werden.

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