Es knistert, brummt, flackert und strahlt

Der in Karl-Marx-Stadt geborene Carsten Nicolai zeigt mit "Parallax Symmetry" in Düsseldorf seine erste große Werkschau seit 2007.

Düsseldorf.

Beim Betrachten eines menschlichen Totenschädels fiel Rainer Maria Rilke die Kronennaht auf, die quer über den Kopf von einem Ohr zum anderen verläuft. Die Naht erinnerte den Dichter an die Tonspuren, die in die Walze eines Phonographen (Vorläufer des Grammophons) geritzt sind. Er fragte sich, was geschehen würde, wenn man auf dieser Kronennaht die Nadel eines Phonographen entlangführe? "Ein Ton müsste entstehen, eine Ton-Folge, eine Musik ..." In seinem Aufsatz "Ur-Geräusch" (1919) dachte Rilke über die Möglichkeit nach, Naturerscheinungen in Töne zu verwandeln und menschliche Erkenntnisfähigkeit so zu erweitern.

Der 1965 in Karl-Marx-Stadt geborene Carsten Nicolai greift Rilkes Gedanken vom "Ur-Geräusch" wieder auf. Beim Betreten seiner Ausstellung "Parallax Symmetry" im Düsseldorfer K21 können die Besucher sich über einen QR-Code mit dem Smartphone eine Audiodatei herunterladen und bei ihrem Rundgang Rilkes Text als Hörstück lauschen. Entstanden ist so eine Art "Soundtrack" der Ausstellung, die mit 40 multimedialen Werken die erste große Werkschau des Künstlers seit den nun schon mehr als zehn Jahre zurückliegenden Einzelausstellungen in der Schirn-Kunsthalle Frankfurt und im Museum Haus Konstruktiv in Zürich ist. Als Höhepunkt wird Nicolai, der zuletzt gemeinsam mit Ryūichi Sakamoto die Filmmusik von "The Revenant" komponierte und Fans der elektronischen Musik auch unter seinem Pseudonym "Alva Noto" bekannt ist, am 18. Januar ein Konzert im Lichthof des Museums geben.

Schon vorher aber lohnt ein Besuch im K21, in dessen Untergeschoss es beim Betreten überall knistert, brummt, flackert und strahlt. Den großen Raum dominiert die 2018 entstandene Arbeit "tele", bei der zwei Hohlspiegel sich abwechselnd einen Laserstrahl zuschießen. Trifft der Strahl einen Spiegel, wird dort der nächste Strahl ausgelöst. Weil die elektromagnetischen Wellen sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, werden sie vom Auge als beständiger Strahl wahrgenommen. Immer wieder spielt der mittlerweile in Berlin lebende Nicolai, dessen konzeptionelle Arbeiten sich an der Schnittstelle von bildender Kunst, Musik und Naturwissenschaften bewegen, mit optischen Täuschungen. Mit Tönen und Licht schafft er minimalistische Installationen, denen sich der Besucher nur schwer entziehen kann.

Etwa in "Unicolor" von 2014, der größten Arbeit, die in Düsseldorf zu sehen ist. Ausgehend von den Farbenlehren Johann Wolfgang von Goethes, des Bauhausmeisters Johannes Itten und dessen Schülers Josef Albers, hat Carsten Nicolai verschiedenen Farben Töne zugeordnet. Ändern sich die Farben auf der gut 15 Meter langen Leinwand, die durch Spiegel an den Seiten ins Unendliche fortgesetzt wird, ändert sich auch die Tonhöhe. Der Besucher erfährt das am eigenen Körper, in dem er auf einer Bank sitzt, die durch eingelassene Subwoofer - spezielle Lautsprecher - vibriert. Farben werden so mit dem Körper erlebbar, der Klang sichtbar, die Arbeit selbst wird auf faszinierende Weise zu einem synästhetischen Erlebnis. Aus Licht und Ton schafft Carsten Nicolai einen eigenen Kosmos. Seine Werke regen Naturwissenschaftler und Kunstliebhaber in gleicher Weise an. Sie deuten über das menschliche Sein hinaus und vermitteln eine Ahnung davon, dass die Welt sich auch auf eine ganz andere Art erfahren lässt und alles mit allem zusammenhängt.

Die Ausstellung"Carsten Nicolai: Parallax Symmetry" ist bis zum 19. Januar 2020 dienstags bis freitags von 10, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr im K21 in Düsseldorf, Ständehausstraße 1, zu sehen.

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