"Es war eben nur ein Beitritt"

Ingo Schulze über die Wende und einen Helden, der ein Träumer ist und doch immer wieder auf die Füße fällt

Chemnitz.

Ingo Schulze hat mit "Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst" einen modernen Schelmenroman geschrieben, mit dem er für den Deutschen Buchpreis nominiert war und der ab heute als Fortsetzungsroman in der "Freien Presse" erscheint. Im Gespräch mit Welf Grombacher spricht er auch darüber, was es mit diesem etwas anderen Helden auf sich hat.

Freie Presse: Herr Schulze, in der vergangenen Woche wurde der Deutsche Buchpreis verliehen. Auf der Shortlist standen sechs Autoren aus dem Westen. Ist das Ausdruck davon, wie es 30 Jahre nach der Wiedervereinigung um die deutsche Einheit bestellt ist?

Ingo Schulze: Für mich wäre es eher die Frage, wie die Jury besetzt war. Wie sie dann entscheidet, ist ihre Sache. Auf der Frühjahrsliste, für den Leipziger Preis, waren mit Lutz Seiler und mir immerhin zwei von fünf aus dem Osten. Natürlich kommt immer die übergroße Mehrheit der Kritiker aus dem Westen. In den Neunzigern und auch noch danach war das kein gravierendes Problem, weil die Kritiker noch ein Wissen über die DDR und die Folgen des Beitritts hatten, das ging sie selbst noch was an. Für viele der Jüngeren ist das Schulstoff und Wissen aus zweiter und dritter Hand. Da ist die Neugier weg, da haben es dann in aller Regel sogar Übersetzungen leichter, Neugier zu wecken.

Wie haben Sie den 3. Oktober verbracht? Haben Sie es ordentlich krachen lassen oder sind Sie eher still in sich gegangen?

Ich muss gestehen, dass öffentliche Feiertage in unserem Alltag keine besondere Rolle spielen. Wir hatten gar nicht bedacht, dass am 3. Oktober, der auf einen Samstag fiel, die Geschäfte geschlossen waren. Ich war froh, als dann endlich der Montag da war und die ganzen Fragen danach vorüber waren. Es war eben nur ein Beitritt, keine Vereinigung. Gemessen daran, was in der DDR Ende 1989 und Anfang 1990 möglich gewesen wäre, ich meine, was wir da wieder aus der Hand gegeben haben, das ist schon ein Grund für Traurigkeit, mitunter auch von Zorn.

Immer wieder haben Sie über die "Wende" geschrieben. Zuletzt sind zwei herrliche Schelmenromane dabei herausgekommen. Bleibt einem bei dem Thema nur Galgenhumor?

Komik und Tragik lassen sich, wenn man genau hinschaut, nie wirklich voneinander trennen. Diese Zeit vor 31 und vor 30 Jahren ist ja auch - abgesehen von ihren sehr konkreten Folgen - ein Schauplatz von Deutungen. Wer erringt die Deutungshoheit über diese Zeit? Und das ist enorm wichtig. Deutet man es als einen endgültigen Sieg des Kapitalismus, der durch die Selbstbefreiung des Ostens in seinem Neoliberalismus, überhaupt in seinem "Weiter so!" bestärkt wurde, also als "Ende der Geschichte"? Oder war das eine vergebene Chance, schon vor 30 Jahren die Weichen so zu stellen, um ein Überleben unserer Zivilisation in Frieden und sozialer Gerechtigkeit zu ermöglichen?

Ihr "Peter Holtz" ist ein naiver Idealist, der immer auf die Füße fällt. Ohne zu viel zu verraten: Was erwartet die Leser?

Ich will jetzt nicht anfangen nachzuerzählen. Aber Peter Holtz ist jemand, der beide Systeme beim Wort nimmt, den realen Sozialismus und den realen Kapitalismus. Deshalb ist er stolz, als ihn die Staatssicherheit anwirbt, so stolz, dass er es herumerzählt und natürlich sofort wieder rausfliegt. Er wird zum vielfachen Millionär, weil er sich selbstlos in Berlin-Treptow um alte Häuser gekümmert hat, die 1990 plötzlich viel wert sind. Er versucht, mit Anstand sein Geld wieder los zu werden, was nicht einfach ist. Er lernt, dass Geschäftsbeziehungen angeblich die besten Beziehungen sind, was auch auf sein Verhältnis zu Frauen einen gravierenden Einfluss hat.

Später wird Peter Holtz zum "Wendehals". Selbst das kann man ihm nicht übelnehmen. Wie haben Sie es geschafft, so ohne Wut über diesen Typus zu schreiben?

Wendehals würde ich nicht sagen. Er will alles verschenken, bis man an sein Verantwortungsgefühl appelliert und ihm klar macht, dass der verantwortungsvolle Unternehmer der eigentliche gute Mensch der neuen Gesellschaft ist. Er versucht das zu praktizieren, wird damit immer reicher und reicher, aber all seine Versuche, die Welt zum Besseren zu verändern, verkehren sich in ihr Gegenteil.

Der Roman liest sich mitunter wie ein launiger Grundkurs in Ökonomie. Haben Sie beim Schreiben noch mal Karl Marx gelesen oder hatten Sie den aus der Schule noch parat?

Weder noch. Ich habe mir die Theorien der marktradikalen Ökonomen zu Gemüte geführt, von Friedrich August von Hayek und Milton Friedman bis hinab zu Friedrich Merz. Und diese dann beim Wort genommen. In Chile zum Beispiel, wo Pinochet den Chicago Boys freie Hand gelassen hat, kann man das Desaster sehen, das ist ein Verbrechen.

Sollte Karl Marx wieder Schullektüre sein? Die Zeit wäre eigentlich reif.

Es gibt ja diese Redewendung, dass sich viele eher den Untergang der Welt als den Untergang des Kapitalismus vorstellen können. Mittlerweile ist das aber tatsächlich die Alternative, entweder oder. Wachstum und Maximalprofit können nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Deshalb sollte man sich alles in Ruhe und gelassen und voller Neugier anschauen, was andere Vorschläge betrifft - und nicht gleich alles wieder in die Tonne stampfen, weil man die Wiederkehr der DDR befürchtet, womit wir wieder bei der Deutungshoheit über die Jahre 1989 und 1990 wären.

In Altenburg waren Sie Dramaturg am Landestheater. Mittlerweile fusioniert mit den Bühnen der Stadt Gera. Könnten Sie sich vorstellen, mal wieder fürs Theater zu arbeiten? Vielleicht ein Theaterstück von Ingo Schulze?

Ich habe ja das Glück, dass meine Romane dramatisiert werden. Ich würde schon gern mal ein Stück versuchen. Aber wenn ich es dann versuche, falle ich irgendwann wieder in die Prosa, weil ich da auch gleichzeitig der Regisseur sein kann.

Haben Sie das aktuelle Buch von Monika Maron ("Artur Lanz") gelesen? Was denken Sie, wenn Kollegen wie Maron oder Uwe Tellkamp sagen, man könne in der BRD bald bestimmte Dinge nicht mehr sagen, so wie früher in der DDR?

Nein, habe ich noch nicht gelesen, obwohl es mich interessiert. Es wird doch, und Ihre Frage ist im Grunde ein Beleg dafür, über kaum jemanden so viel gesprochen wie über diejenigen, die aus konservativer oder rechter Position heraus klagen, man könne nichts sagen. Ich weiß nicht, ob denen bestellte Artikel abgelehnt worden sind, das ist mir zwei Mal passiert. Es gibt schon die Schwierigkeiten, bestimmte Themen ausgewogener in der Öffentlichkeit zu diskutieren, aber dieses Gejammere kommt mir allmählich wie ein PR-Trick vor, um mehr Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken.

Diskutiert man unter Schriftstellern über so was, wenn man sich über den Weg läuft?

Mit den befreundeten Kolleginnen und Kollegen auf jeden Fall. Es sind aber eher wenige, mit denen es da ein kontinuierliches Gespräch gibt.

Haben Uwe Tellkamp, Peter Handke oder Saša Stanišiæ Sie angesprochen, nachdem Sie in Ihrem Roman "Die rechtschaffenen Mörder" ironisch auf sie angespielt haben?

Oh, habe ich ironisch auf sie angespielt? Angesprochen haben sie mich jedenfalls nicht. Das heißt, Saša hat mir auf Hiddensee, als ich nach ihm im Sommer für ein paar Tage in das Gerhart-Hauptmann-Haus einzog, seine Grüße auf eine Büchse mit Bohnen geklebt, die war sehr gut. Da muss ich mich noch bedanken.

Was empfinden Sie, wenn Sie nach Dresden zurückkehren, wo Sie aufgewachsen sind?

Ich bin eben erst zurück aus Dresden, von einer gemeinsamen Lesung mit Kurt Drawert. Die Corona-Bestuhlung lässt das Publikum zusammenschrumpfen, aber immerhin gab es die Veranstaltung. Ich bin sehr gern in Dresden, ich habe da alte Freunde, neue Freunde, es hat irgendwie auch immer etwas Familiäres für mich.

Lebt es sich in Berlin besser?

Anders. Berlin bietet natürlich mehr Möglichkeiten, allein wenn ich mir anschaue, wer alles hierherkommt, um zu lesen. Vielleicht ist aber anderswo die Konzentration größer, der Bezug direkter, die Auseinandersetzung intensiver.

Ab und zu setzten Sie sich in die Vorlesungen Ihrer Frau Jutta Müller-Tamm, die an der FU Berlin Neuere deutsche Literatur unterrichtet. Sie selbst sprachen mal von "Nachhilfeunterricht für einen Schriftsteller". Was können Sie von ihr lernen?

Man kann ja nie genug wissen, sich nie bewusst genug einer Sache sein. Ich liebe auch die Anstrengung des Begriffs, die ich selbst nicht so leisten kann. Für mich ist das alles anregend, ob das Hinweise auf Autoren und Bücher sind oder die Analyse einer Szene. Letzteres kann auch eine Art Lehrbuch für das eigene Schreiben sein. Und die Literatur ist ein Ozean, allein schon die deutschsprachige. Wenn man da herumschwimmt ist ein Boot in der Nähe noch dazu mit Radar nicht schlecht.

Wer von Ihnen beiden liest mehr?

Eindeutig sie. Aber sie muss vieles lesen, zum Beispiel meine Manuskripte. Ich bin etwas freier in meiner Wahl.

Und wer hat den besseren Literatur-Geschmack?

Sie natürlich. Denn das meiste, was ich schreibe, gefällt ihr.


Ingo Schulze

Der Autor wurde 1962 in Dresden geboren und lebt in Berlin. Nach dem Studium der Klassischen Philologie in Jena arbeitete er als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur. Bereits sein erstes Buch "33 Augenblicke des Glücks" (1995) wurde sowohl von der Kritik als auch dem Publikum mit Begeisterung aufgenommen. (old)


Das Buch Ingo Schulze: "Peter Holtz - Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst". Fischer Verlag. 576 Seiten. 22 Euro.

11 Kommentare
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  • 1
    0
    Freigeist14
    19.10.2020

    Ich freue mich außerordentlich über den Fortsetzungsroman . Ingo Schulze spricht vielen Ostdeutschen aus der Seele .Und ich vermute , ein Welf Grombacher kann sein Unverständnis kaum verbergen : Zu den "Chicago-Boys " , die in Chile nach dem Putsch wüteten , kein Nachfragen .