"Es war immer ein Miteinander"

Dirigent Eckehard Stier über seine Chemnitzer Anfänge, Arbeit an zwei Enden des Erdballs und bildhafte Musik

Chemnitz.

Zum ersten Mal seit zwölf Jahren steht der Dirigent Eckehard Stier wieder am Pult der Robert-Schumann-Philharmonie, als deren Kapellmeister er direkt nach seinem Studium von 1995 bis 2003 tätig war, bevor er als Generalmusikdirektor für zehn Jahre ans Görlitzer Theater wechselte. Heute und morgen dirigiert er in der Stadthalle das 4. Sinfoniekonzert mit Werken von John Corigliano und Sergej Rachmaninow. Torsten Kohlschein hat sich mit dem 46-jährigen Freiberufler unterhalten.

Freie Presse: Herr Stier, auf Ihrer Homepage bin ich über eine Formulierung gestolpert: "Im sächsischen Dresden geboren und aufgewachsen, fühlt sich der Dirigent Eckehard Stier als musikalischer Weltbürger. Vom Kruzianer und erstem Preisträger des Rudolf-Mauersberger-Stipendiums führte sein Weg zum GMD eines deutschen Dreispartenhauses und Music Director des Auckland Philharmonia Orchestra in Neuseeland." Muss man Görlitz verbergen?

Eckehard Stier: Nein, das war eine Formulierung, weil Görlitz als Stadt und als Haus im internationalen Kontext, in dem diese Biografien gelesen werden, zu wenig bekannt. Aber für mich waren diese zehn Jahre in Görlitz sehr schön, mit viel Tätigkeit, viel Energie verbunden, mit einem großen Aufschwung, was die Abonnentenzahlen anging. Eine Zeit mit viel Erfolg, natürlich auch mit einigen Rückschlägen. Ich habe viel Zeit und Energie investiert.

Das Rüstzeug dafür hatten Sie ja in Chemnitz bekommen. Sie waren 23 damals. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Es fühlte sich für mich ganz normal an. Im Kreuzchor in Dresden hatte ich ja schon das professionelle Geschäft gelernt, mitbekommen wie's läuft. Dann kam der Ruf vom damaligen Vize-Generalmusikdirektor Alexander von Brück. Der hatte mich bereits während des Studiums darauf hingewiesen, dass Chemnitz da eine Repetitorenstelle zu besetzen hat. Darauf habe ich mich beworben. Studium ist das eine, aber Praxis ist etwas anderes. Und in den acht Jahren in Chemnitz habe ich extrem viele glückliche Wendungen und Förderer gehabt. Oleg Gaetani steht da an erster Stelle. Er und von Brück haben mir die Möglichkeit eingeräumt, sehr schnell sehr früh sehr viel Repertoire zu dirigieren. In Eigenverantwortung eigene Produktionen zu erarbeiten, laufende Vorstellungen zu dirigieren. Ich habe hier die "Meistersinger" und "Turandot" ohne Probe übernommen, das war eine Schule mit sehr viel Repertoire und mit einem extrem freundlichen und professionellen Orchester, das nie Hochmut herausgekehrt hat. Es war immer ein Miteinander. Das Engagement endete dann mit der Übernahme der Stelle in Görlitz. Ich habe bis 2006 noch Gastproduktionen betreut, das eine oder andere Konzert gemacht, dann kam der Intendantenwechsel, und dann haben sich die Wege getrennt. Vorerst.

Wie hat das Chemnitzer Publikum auf einen so jungen Dirigenten reagiert?

Ich habe ja von Musical über Operette bis hin zur großen Oper alles dirigiert. Da hieß es am Ende schon, "der Publikumsliebling geht". Viele Konzertgänger sind gekommen, weil ich dirigiert habe - das war schon eine schöne Zeit. Allerdings lernt man mit den Jahren, das kollektive Gedächtnis existiert eine Weile, und dann wird es von anderem überschrieben. Was auch völlig in Ordnung ist.

Sie haben mehrere Jahre die GMD-Stelle in Görlitz mit der Chefstelle im neuseeländischen Auckland parallel ausgeübt. Wie bringt man das unter einen Hut?

Disziplin und Organisation - das ist das erste. Die verschiedenen Arbeitsstellen in meinem Fall haben unterschiedliche Portfolios gehabt - in Görlitz habe ich von mir verlangt, mindestens acht Monate präsent zu sein, Montag bis Sonntagabend. In Auckland ist das wie bei jedem anderen Sinfonieorchester, man hat eine gewisse Anwesenheitspflicht zehn, zwölf Dirigierwochen, zwei drei administrative Wochen. Dann bleib noch Zeit für drei, vier, fünf andere Orchester, und dann war das Jahr rum. Das hat dazu geführt, dass ich zwischen 2009 und 2013 keine Woche Urlaub gemacht habe. Aber es gibt Zeiten im Leben, in denen das funktioniert. Jetzt bin ich froh, dass ich nicht mehr pro Jahr drei-, viermal um die Erde fliegen muss. In den Spitzenzeiten habe ich es fünfmal pro Jahr geschafft.

Sie beschreiben Ihren Umgang mit Musik als "alles andere als konservativ". Können Sie das näher erklären?

Ich schaue, was die Programmplanung angeht, dass wir dem Konzertpublikum nicht nur vorsetzen, was es hören will. Ich vertrete aber die Meinung, dass das, was gespielt wird, es wirklich verdient. Dass es Musik ist, die Geschichten erzählt, emotional anrührt, so ist das bei John Corigliano. das ist ein ganz großer Bildermacher. Ich habe das Werk auch mitgebracht, weil da die Städtische Musikschule Chemnitz involviert ist. Mir ist wichtig, dass wir junge Leute auf die Bühne holen, dass wir auch ein jüngeres Publikum generieren, die Eltern von den Kindern nämlich, die sonst nicht zu solchen Konzerten gehen.

Warum Rachmaninows Zweite?

Meine Liebe. Sie bildet eine Klammer, es ist auch ein sehr bildgewaltiges Werk - übrigens 1906 in Dresden geschrieben und zu Unrecht zu selten gespielt. Es ist ein derartiges Abbild von russischer Seele und russischer Weite, ein melodiöses Stück, - wenn ich nicht dirigieren müsste, könnte ich mich darin verlieren.

Für die Konzerte am Mittwoch und Donnerstag, 19 Uhr in der Stadthalle Chemnitz gibt es noch Karten in allen Preisgruppen. Kartentelefon: 0371 4000430

theater-chemnitz.de

 

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