"Etwas Unerhörtes bis dahin"

Eine neue Ausstellung in der Villa Seligmann in Hannover erinnert an den Streit um die Einführung der Orgel in jüdischen Gemeinden.

Etwas Unerhörtes bis dahin - der Orgelstreit im Judentum" lautet der Titel einer gerade eröffneten Ausstellung über die Königin der Instrumente in Synagogen, die in der Villa Seligmann in Hannover zu sehen ist. Die Schau erinnert daran, dass Instrumentalmusik im jüdischen Gottesdienst tabu war - bis der Landrabbiner Israel Jacobson in der Synagoge Seesen im Harz 1810 eine Orgel aufstellen ließ. Ein anonymer Ohrenzeuge beschreibt die Premiere mit "mit 60 - 70 Musikern und Sängern" so: "Nun erscholl von der Orgel unter Begleitung der vollen Musik ein Chorale, das zuerst in hebräischer und dann auch in deutscher Sprache abgesungen wurde."

Jacobson, der 1768 in Halberstadt geboren wurde, löste mit der ersten Orgel in einer deutschen Synagoge den sogenannten Orgelstreit aus. Orthodoxe Juden sprachen von einem christlichen Instrument, das die Synagogenbesucher nur ablenke und die Andacht störe. Außerdem dürfe kein Jude am Schabbat die Orgel spielen, und christliche Organisten könnten die jüdische Gemeinde nicht angemessen begleiten. Befürworter rühmten dagegen den Klang der Orgel, die mehr Feierlichkeit in den Gottesdienst bringe.

Sie wurde zum wichtigsten Symbol für die Reformbestrebungen derjenigen Juden, die den Kontakt zur christlichen Mehrheitsgesellschaft suchten und auf die rechtliche Gleichstellung der Juden zum Beispiel im 1807 gegründeten Königreich Westphalen vertrauten. Das stand unter der Regentschaft von Napoleons Bruder Jérôme, hatte seinen Residenzsitz in Kassel, umfasste große Flächen von Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Nordhessen und reichte im Westen bis Bielefeld, im Süden bis Schmalkalden und im Osten bis Halle.

In Worms entzweiten sich 1877 durch die umstrittene Aufstellung einer Orgel in der Alten Synagoge nach einer Überlieferung "Örgler und Nörgler". Die Kritiker gingen fortan in die Neue Synagoge, wo bewusst auf eine Orgel verzichtet wurde. Über diesen Streit, hinter dem die Frage stand, ob man seine Eigenheiten betont oder sich der Umgebung anpasst, kam es in fast allen Großstädten zur Trennung zwischen strenggläubigen und liberalen Juden. Vorausgegangen war die israelitische Synode von Leipzig 1869, die die Verwendung der Orgel im Gottesdienst am Schabbat genehmigte. Der Riss spiegelte oft auch die Sozialstruktur der Gemeinde wider: Ärmere Mitglieder hielten eher an Traditionen fest, wohlhabendere Juden pflegten nicht selten als Geschäftsleute Kontakte zu ihren christlichen Nachbarn und waren stärker an einer Integration interessiert.

"In liberalen Gemeinden gab es neben der Orgel erstmals gemischte Chöre, Gesangbücher, eine Predigt oder eine Amtstracht für Rabbiner, die der eines Pfarrers ähnelte", sagt Ausstellungskuratorin Gabriela Kilian. Die Historikerin präsentiert in der Villa Seligmann historische Fotos, Zeitungsartikel, Briefwechsel, Noten sowie erklärende Texte. Dort steht auch eine der wenigen noch existierenden Synagogenorgeln der Vorkriegszeit, die regelmäßig zu Konzerten erklingt. Sie befand sich nach Kriegsende lange in einer katholischen Kirche in Mainz, bevor sie von Andor Izsák entdeckt wurde, dem ehemaligen Direktor der Villa Seligmann. "Der Klang der Orgel in der Synagoge ist von der Romantik geprägt, während sich christliche Gemeinden am Barockideal orientieren", sagt Izsák und fügt hinzu: "In der Kirche begleitet die Orgel die Gemeinde. In der Synagoge gibt der Kantor die musikalische Linie vor. Die Orgel schafft eine Verbindung zwischen ihm und dem Chor."

Bereits vor 200 Jahren feierten Juden in Sachsen mit Orgelbegleitung einen besonderen Gottesdienst, wie der Leipziger Zeitung vom 14. Oktober 1820 zu entnehmen ist: "Diese Messe ward in Leipzig der israelitisch-deutsche Gottesdienst mit Predigt und Gesang, nach dem verbesserten Rituale des Hamburgischen Tempelvereins, in einem akademischen Hörsäle, den die Universität zur Beförderung der guten Sache unentgeltlich für diese Messe hergegeben hatte, feierlich eröffnet und erregte die lebhafteste Teilnahme der Gebildeten aller Konfessionen."

Dieser Zeitungsausschnitt findet sich in der Dissertation "Orgel und Orgelmusik in deutsch-jüdischer Kultur" von Tina Frühauf aus dem Jahre 2005. Sie gibt dort auch einen Überblick über die Verbreitung der Synagogenorgel. Danach erklang im heutigen Sachsen erstmals in Leipzig 1856 in der Synagoge die Orgel, hergestellt vom Orgelbauer Friedrich Ladegast aus Weißenfels. Es folgten im 19. Jahrhundert Dresden (1870, Jehmlich aus Dresden), Leipzig mit einer zweiten Synagogenorgel (1898, Sauer aus Frankfurt/Oder) und Chemnitz (1899, Schlag und Söhne aus dem schlesischen Schweidnitz/heute Swidnica). Aus Chemnitz ist überliefert, dass es vor 1886 in der jüdischen Gemeinde bereits ein Harmonium oder eine Orgel gab. Ein Harmonium war entweder eine Alternative oder eine Vorstufe zum Kauf einer wesentlich teureren und größeren Orgel. Im Jahre 1904 wurden 132 Synagogenorgeln im Deutschen Reich gezählt. Die 1930 eingeweihte Orgel in der Synagoge von Plauen gehörte zu den jüngsten Instrumenten ihrer Art in Deutschland. Sie stand auf einer tiefen Empore, war für die Besucher nicht sichtbar und verlor so ihre in vielen Gotteshäusern raumbestimmende Kraft.

In der Reichspogromnacht im November 1938 setzten Nationalsozialisten 1400 jüdische Gotteshäuser in Brand, dabei verbrannten die meisten Orgeln. Auch die meisten Noten, die in der Regel handschriftlich aufgezeichnet wurden, gingen in Flammen auf. In Frankfurt/Main schleppte der Oberkantor Nathan Saretzki unter Lebensgefahr aus dem brennenden Gebäude zusammen mit seinem Sohn 16 schwere Notenbände nach draußen und übergab sie seiner Haushälterin mit den Worten "Heben Sie das gut auf, bis ich wiederkomme!". Saretzki und seine Frau wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Mehr als 50 Jahre später reichte der Sohn der Haushälterin die 25 Kilo schweren Noten an das Europäische Zentrum für jüdische Musik weiter, das in der Villa Seligmann seinen Sitz hat. Das Ende der Orgel in der Synagoge war da allerdings schon längst eingeleitet. Izsáks Nachfolger Eliah Sakakushev von Bismarck nennt Gründe: "Nach dem Krieg hatten überlebende Juden andere Probleme als sich um den Erhalt oder die Neuanschaffung von Orgeln zu kümmern. Heute stammen 80 Prozent der Gemeindemitglieder in Deutschland aus Russland, denen die Orgel fremd ist. In den wenigen Synagogen mit Orgel wird sie kaum genutzt."

Eine dieser seltenen Ausnahmen ist die liberale jüdische Gemeinde in Bielefeld. Sie feiert seit 2008 ihren Gottesdienst in einer ehemaligen evangelischen Kirche, in der nach wie vor eine Orgel steht, die voll funktionsfähig ist und gepflegt wird. "Wir haben keinen eigenen Organisten, aber zu manchen Gottesdiensten sowie zu Konzerten erklingt bei uns die Orgel. Zu den Konzerten kommen auch viele Menschen in unsere Synagoge, die nicht unserer Gemeinde angehören", sagt Irith Michelsohn, Vorstand der jüdischen Gemeinde.

www.villa-seligmann.de

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