Farben, Liebe und ein Krimi

Im Museum Buchheim am Starnberger See in Bayern ist derzeit eine umfangreiche Ausstellung zum Chemnitzer Maler Schmidt-Rottluff zu sehen. Sie wird ihm sehr gerecht, erzählt aber auch Geschichten um ein verschwundenes Kunstwerk und das sensible Band zwischen Museen und Sammlern. Denn viele der Bilder stammen aus der Sammlung Gerlinger, die in Halle ansässig war - bis ein Streit alles änderte.

Bernried.

Eigentlich war das Bild einst gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Ein Mann und eine Frau sind darauf zu sehen, einander zugewandt, in starken Farben gemalt. "Du und Ich" heißt das Bild von Karl Schmidt-Rottluff, fast 100 Jahre ist es alt, es zeigt ihn selbst und seine Frau Emy, die er 1919 geheiratet hatte. Das Bild war ein Hochzeitsgeschenk des Malers an seine Frau gewesen. Eine liebevolle, intime Geste. Nichts für die Öffentlichkeit; Schmidt-Rottluff neigte generell dazu, sein Privatleben eher verschlossen zu halten. Doch das Bild ist heute für jedermann zu sehen - zum Glück, denn durch seine Farbigkeit und die gezeigte Innigkeit leuchtet es nahezu aus sich selbst heraus. Es hängt in der aktuellen Ausstellung im Museum Buchheim in Bernried am Starnberger See: "Schmidt-Rottluff. Form, Farbe, Ausdruck!". Das ist dort die zweite Ausstellung mit Bildern aus der Sammlung Hermann Gerlinger, seitdem Gerlinger eben diese Sammlung dem Buchheim-Museum als Leihgabe überlassen hat.

Gerlinger, ein aus Würzburg stammender Unternehmer und Kunstsammler, gilt als Verehrer der "Brücke"-Künstler, insbesondere Schmidt-Rottluffs. Der aus dem heute zu Chemnitz gehörenden Rottluff kommende Maler hatte 1905 die Künstlergruppe "Brücke" mitgegründet. Die steht für Expressionismus - den Malern ging es nicht um wirklichkeitsgetreue Abbildungen, sondern um die Wiedergabe von Gefühlen, Stimmungen und Gedanken mit Farben und Formen. Gerlinger kannte Schmidt-Rottluff noch persönlich, kaufte Bilder von ihm, durfte ihn im Atelier besuchen. 1975 habe er, schreibt Gerlinger im aktuellen Ausstellungskatalog, das Bild "Du und Ich" erstmals bei Schmidt-Rottluff gesehen. Ob er es kaufen dürfe, fragte er. Schmidt-Rottluff erbat Bedenkzeit, stimmte dann zu. Es heißt, Gerlinger sei bis heute überwältigt davon, dass er dieses private Gemälde erwerben konnte.

Gerlingers Sammlung umfasst insgesamt rund 1000 Werke der "Brücke" und gehört damit zu einer der bedeutendsten Privatsammlungen Deutschlands. Rund 310 Werke stammen von Schmidt-Rottluff, davon sind jetzt 205 ausgestellt - zusammen mit Arbeiten aus der Sammlung Buchheim sind es rund 260 Werke. Denn der Namensgeber des Museums, der zeitweise in Chemnitz aufgewachsene Lothar-Günther Buchheim - Autor ("Das Boot") und Künstler - , sammelte ebenfalls Kunst, ebenfalls die Expressionisten, ebenfalls Schmidt-Rottluff. In der aktuellen Ausstellung sind nun Holzschnitte und Aquarelle Schmidt-Rottluffs in chronologischer Abfolge zu sehen, zudem Zeichnungen und Lithografien sowie knapp 30 Ölgemälde - unter ihnen strahlt "Du und Ich".

Der Sammlung Gerlinger wohnt allerdings auch eine gewisse Brisanz inne. Gerlinger hatte sie Anfang der 2000er-Jahre als Leihgabe dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle anvertraut; das passte unter anderem deshalb, weil das Museum neben anderen Sammlungen auch eine zur "Brücke" besitzt. Dauerhafte Präsentationen und zahlreiche Sonderausstellungen aus dem Bestand der Sammlung Gerlinger wurden gezeigt. Doch Gerlinger zog seine Sammlung Anfang 2017 aus der Moritzburg ab. Zum einen vertraten er und die Museumsleitung unterschiedliche Auffassungen darüber, wie seine Sammlung künftig gezeigt werden soll, hieß es damals in einer Pressemitteilung. Es gab also Streit darüber, wie oft es noch Sonderausstellungen aus dem Bestand seiner Sammlung geben soll, an welcher Stelle im Museum, in welcher Anordnung der Bilder, mit wie viel Platz für andere Ausstellungen. Zum anderen ging es um eine einige Zeit zuvor verschwundene Zeichnung Schmidt-Rottluffs, die ebenfalls Gerlinger gehörte - und das hallt jetzt im Buchheim-Museum wider: Im Katalog zur aktuellen Ausstellung ist die verschwundene Zeichnung mit dem Titel "Tu l'as volue" abgedruckt.

Es ist ein Selbstbildnis Schmidt-Rottluffs mit Farbkreiden von 1973/74, kurz vor seinem Tod 1976. Das Bild, schreibt Gerlinger in dem aktuellen Ausstellungskatalog, sei ein einziges Mal ausgestellt gewesen, in der Moritzburg, 2015. Als er anschließend diese Leihgabe zurückerbeten habe, habe die Moritzburg eingeräumt, dass sie auf nicht geklärte Weise dort verschwunden sei, schreibt Gerlinger weiter. Daraufhin habe er das Vertrauen in die Moritzburg verloren. Fragt man jedoch heute in der Moritzburg nach, heißt es dort lediglich, dass es unterschiedliche Auffassungen über den Verbleib der Zeichnung gab.

Es fanden polizeiliche Ermittlungen statt. Das Verfahren wurde mittlerweile jedoch eingestellt, heißt es aus der Staatsanwaltschaft Halle: Der Fall sei nicht aufklärbar, das Bild gelte weiter als verschwunden. Die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, so Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg, habe Gerlinger den Versicherungswert des Bildes gezahlt.

Die Gerlinger-Sammlung bezeichnet Bauer-Friedrich als ausgezeichnet, gern hätte man sie als Leihgabe behalten. Andererseits nimmt man sich in der Moritzburg nun die Freiheit, mit dem gewonnenen Platz neue Ideen umzusetzen und die museumseigenen Sammlungen umfassend und in neuer Form zu präsentieren. Im Museum Buchheim hingegen freut man sich, dass Gerlinger seine Sammlung nun dorthin gegeben hat - als Leihgabe für zehn Jahre. Dass es hier zu Komplikationen in der Zusammenarbeit mit Gerlinger kommen könnte, glaubt Museumsdirektor Daniel J. Schreiber nicht. Das liege daran, dass es explizit eine Aufgabe des Buchheim-Museums sei, permanent Arbeiten der Expressionisten, speziell der "Brücke"-Künstler, auszustellen. Es sei also ein Leichtes, dem Wunsch Gerlingers nachzukommen, die Werke seiner Sammlung umfänglich in Dauerpräsentationen und Sonderausstellungen zu zeigen. Es werde auch darüber verhandelt, die Sammlung über die zehn Jahre hinaus dauerhaft ans Museum zu binden, sagt Schreiber. "Wir könnten uns vorstellen, das im Namen des Museums widerspiegeln zu lassen." Das dann vielleicht "Buchheim-Museum und Sammlung Gerlinger" heißen könnte. Ob der streitlustige Buchheim zu Lebzeiten einen zweiten Namen neben sich geduldet hätte? Sei's drum. Museumsdirektor Schreiber hätte gute Gründe. Gerlinger habe systematisch Bilder gekauft, die alle Schaffensperioden und Altersphasen Schmidt-Rottluffs dokumentieren. Das sei ungewöhnlich für Sammler, viele kauften Kunst eher aus dem Bauch heraus, sagt Schreiber. "Buchheim hat weniger systematisch, dafür mehr Schwergewichte von Schmidt-Rottluff aus der klassischen Phase gesammelt, deshalb ergänzen sich beide Sammlungen so gut."

Tatsächlich ist es eine Freude, durch die Ausstellung zu gehen und die Entwicklung Schmidt-Rottluffs zu betrachten - angefangen von seinem technisch einwandfreien Malen über noch impressionistische Strichführung hin zu abstrakterem, expressionistischen Farbspiel und zu weiteren Reduktionen. Oft hat Schmidt-Rottluff sich dabei an Bäumen, Landschaften, Porträts und Akten abgearbeitet. So geht man vorbei an Aquarellen, die er als Jugendlicher malte, wie "Bach unter Bäumen mit Steg" von 1901, mit feinem Strich hält er die Landschaft noch im eher konventionellen Sinne fest. Vorbei an Bildern, die einige Jahre später um die Zeit der "Brücke" entstanden, so der Holzschnitt "Bäume im Winter", der nur wenig Stamm und Äste auf sonst leerer Fläche zeigt und so die Ruhe des Schnees spiegelt. Oder "Vareler Leuchtturm" von 1909, Bleistift und Aquarell, farbenfroh. Auch die Alterswerke sind zu sehen, Blumenbilder etwa, wie "Iris und Sonnenhut", Aquarell und Tusche, von 1968.

"Sonderausstellungen mit bekannten Namen wie Schmidt-Rottluff stoßen auf spürbares Interesse", sagt Schreiber. Im Museum Buchheim seien die Besucherzahlen mit solchen Ausstellungen seit 2013 wieder kontinuierlich gestiegen, derzeit bewege man sich ungefähr bei 125.000 Besuchern im Jahr. Warum Schmidt-Rottluff auch heute noch begeistert? "Weil es eine Sehnsucht der Besucher gibt, etwas Bewährtes zu sehen, das nicht mehr hinterfragt wird, und die 'Brücke' gehört unstrittig zur Klassischen Moderne dazu." Zudem sei Schmidt-Rottluff ein "unheimlicher Kolorist" gewesen, "die Farbe gibt seinen Bildern Kraft, das spricht jeden an". Wie auch die großen Themen Schmidt-Rottluffs: das Aufgehobensein in der Natur, die Suche nach Sinnhaftigkeit und die Liebe. Wofür "Du und Ich" beispielhaft steht.

Die Ausstellung "Schmidt-Rottluff. Form, Farbe, Ausdruck!" im Buchheim-Museum in Bernried am Starnberger See, Am Hirschgarten 1, ist bis 3. Februar zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags und feiertags, 10 bis 17 Uhr. Geschlossen: 24. und 31. Dezember.

www.buchheimmuseum.de

Erst kam die "Brücke", dann die Diffamierung, schließlich die Anerkennung 

Karl Schmidt wurde am 1. Dezember 1884 in Rottluff bei Chemnitz geboren. 1905 begann er ein Architekturstudium in Dresden. Er lernte Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl kennen, gemeinsam mit Schmidts Schulfreund Erich Heckel gründeten sie am 7. Juni 1905 die Künstlergruppe "Brücke", die sich dem Expressionismus verschrieb. Schmidt fügte seinem Nachnamen seinen Herkunftsort an: Rottluff. Bald brach er das Studium ab und entschied sich für die reine Künstlerlaufbahn. In der "Brücke"-Zeit entstanden viele Arbeiten, auch erweiterte sich der "Brücke"-Kreis. Über die Zeit aber gingen Ansichten und Entwicklungen auseinander. Am 27. Mai 1913 löste sich die "Brücke" auf.

Im Ersten Weltkrieg wurde Schmidt-Rottluff zum Kriegsdienst eingezogen. Nach Kriegsende heiratete er die aus Chemnitz stammende Fotografin Emy Frisch. Ab den 1930ern diffamiertendie Nazis Schmidt-Rottluff, erteilten ihm Berufsverbot. 1943 wurden Wohnung und Atelier in Berlin bei einem Bombenangriff zerstört; Schmidt-Rottluffs zogen daher in sein Elternhaus nach Rottluff.

1946 wurde der Maler zum Ehrenbürger von Chemnitz ernannt. Bald zog das Ehepaar zurück nach Berlin-Zehlendorf im Westteil der Stadt. Schmidt-Rottluff wurde in Berlin als Professor an die Hochschule für Bildende Künste berufen. Viele Ausstellungen und Anerkennungen wurden ihm zuteil. Zu Chemnitz/Karl-Marx-Stadt hielt er Kontakt, die Kunstsammlungen dort richteten einige Schauen mit seinen Werken aus.

Emy Schmidt-Rottluff starb am 30. September 1975, Karl Schmidt-Rottluff am 10. August 1976. kl

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