Fast ein Tübke

Eberhard Lenk war Werner Tübkes wichtigster Helfer beim Bauernkriegspanorama, das vor 30 Jahren in Bad Frankenhausen eröffnete. Unterschiede zwischen beiden Malern erkennen nur Experten - die Nähe zum Pinselschlag des Meisters wurde Lenk später zum Verhängnis. Er behielt die altmeisterliche Malweise bei - und lädt sie mit aktuellen Problemen auf.

Bad Frankenhausen/Berlin.

Acht Stunden reichten pro Tag nicht aus, zehn standen die Künstler mindestens auf dem Gerüst. Am Ende wurden Wochenenden gestrichen und Urlaube gekürzt, sagt Eberhard Lenk: "Alle wollten fertig werden. Früh ging es hoch, nur zum Mittagessen kurz runter. Es war harte, physische Arbeit. Jede begonnene Stelle musste in drei Stunden sitzen, ehe die Farbe trocknet. Abends ging der Meister herum zur Abnahme. War er nicht zufrieden, musste man länger bleiben." Die letzten zwei Jahre sei das nicht mehr vorgekommen, als der "Meister" Werner Tübke (1929 - 2004) seinem wichtigsten und längsten Helfer Eberhard Lenk vertraute und mit ihm allein war, um das Monumentalbild zu erschaffen, das mit offiziellem Namen "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" heißt. Irgendwann fiel Tübke aus - eine Handverletzung zeigte, bis zu welcher körperlichen Grenze an dem Werk bis 1987 gearbeitet wurde, das 14 Meter hoch ist und 123 Meter in der Breite umfasst. Eberhard Lenk blieb eine Zeit lang in Bad Frankenhausen allein, als einziger von 15 Nachwuchskünstlern und Absolventen der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, die sich in einem Trainingslager auf den Einsatz vorbereitet hatten. Gut bezahlt, mit regelmäßigen Ministerbesuchen und Kamerateams aus aller Welt entstand in der thüringischen Kleinstadt eine der eindrucksvollsten Künstlerwerkstätten jüngerer Zeit.

"Wie in der Renaissance, das schwebte Tübke vor. Für eine Person war es nicht zu schaffen", meint Lenk über den großen Staatsauftrag, der im September 1989 eröffnet wurde. "Man versorgte uns, wir wurden bekocht. Unsere einzige Aufgabe bestand darin, mit Farben, Pinseln, Bürsten und diesen Figuren, mit diesem Gewimmel, fertig zu werden. Wir lebten in dem Gehäuse oberhalb des Ortes abgeschottet von der Welt". Dabei erlebte der Auftraggeber des Jahrhundertwerkes selbst gerade seine letzten Monate. Den kleinen 1:10-Entwurf Tübkes auf der riesigen Leinwand vor Ort umzusetzen, daran seien viele gescheitert, sagt Lenk, der heute bei Berlin lebt. "Es ging nicht darum, die Figuren einfach auszumalen, die mit Hilfe von Diaprojektoren übertragen wurden. Wir mussten diese Welt erschaffen, und niemand sollte sehen, dass mehrere Personen daran gearbeitet hatten. Es ging um Feinheiten, die Fernwirkung der Szenen".

Kleine Figuren von Tübkes Entwurf waren meterhoch. Merkte der Meister, dass ein Bereich nicht mehr stimmig wirkte, beendete er die Zusammenarbeit. Auf dem Gerüst zeigte Lenk: Niemand konnte unbemerkter Tübkes Arbeit weiterführen, übernehmen oder vorbereiten. Altmeisterliche Darstellungen, hinter denen sich eine tiefere, vielleicht kritische Bildaussage verbarg, dazu die selbstbewusste, figürliche Malweise auf höchstem handwerklichen Niveau: Diese Merkmale der "Leipziger Schule" bekam Lenk in seinem Studium bei Prof. Heinz Wagner mit auf den Weg.

Aber in Frankenhausen verinnerlichte der junge, 1951 in Zwickau geborene, im Vogtland aufgewachsene Künstler den Pinselschlag des damaligen Rektors Tübke derart, dass es vielleicht Probleme geben musste - später, als sich der Lauf der Weltgeschichte änderte. Am Ende, als es fast geschafft war, stand Lenks Gerüst bei der Szene, in der Männer einen riesigen Fuchsschwanz ziehen. Er ließ ein Bein einer Figur weiß, malte darum alles fertig, signierte dort auch mit seinem Namen und Datum. "Diese letzte Stelle malte Tübke dann später vor laufender Kamera für eine Dokumentation." Auch eine Mönchsfigur trägt das Konterfei Eberhard Lenks, für den es 1988 noch den Kunstpreis der DDR gab: "Der Kulturminister wollte mich aufbauen". Fresken in Berlin waren geplant, dazu eine Professorenstelle. Dann kam die Wende: Die Staatsnähe setzte ihm beruflich zu, eine teure Scheidung privat. "Ich war in einer furchtbaren Verfassung, fast mittellos." Es folgte der Bruch mit Tübke: Anfang der 90er-Jahre kam nach dem Bauernkrieg ein Krieg der Künstler, titelten Zeitungen. Ein Hotel in Bad Frankenhausen hatte sich an Lenk gewandt: Er sollte die zentralen Brunnenfiguren des Bauernkriegspanoramas an einer Wand nachstellen. "Viele wollten, dass ich in diesem Stil privat für sie male. Tübke rief an, ich sollte die Arbeiten in dem Hotel sofort einstellen. Ich hätte zu ihm fahren und mit ihm reden sollen. Aber ich war naiv, hatte mit Urheberrecht nichts am Hut und nicht den richtigen Anwalt, niemand klärte mich auf."

Immerhin: Tübke selbst hatte die Brunnenfiguren von Cranach und Dürer entlehnt. Lenk verlor trotzdem vor Gericht. Die Hotelwand mit Streitwert von 145.000 D-Mark wurde aus dem öffentlichen Raum verbannt. "Ursprünglich wollte man unsere Übungsbilder einmal verteilen. Nach der Wende wurden sie im Archiv eingelagert." Trotzdem sei einiges davon verschwunden. "Die Zusammenarbeit mit Tübke war wie eine Abkürzung, die ich als Künstler genommen habe", sagt der heute 67-Jährige. Sein altmeisterlicher Stil ist geblieben. Mythologische Figuren wie Sisyphus, Europa, Diana oder Apollo malt er mit barocker Präzision und lädt sie mit aktuellen Themen auf. Narr und Harlekin tummeln sich auf seinen Bildern: "Sie sind herrlich, sie sehen etwas und dürfen das auch sagen, aber niemand glaubt ihnen".

Seinem muskulösen "Prometheus", der 2018 entstand, sieht man die politische Aussage zuerst nicht an: "Er erinnert mich an Edward Snowden, der den Menschen Licht bringen wollte und mit seiner Freiheit bezahlte. Aber die Menschen helfen ihm nicht." Hinter Prometheus wacht ein Weißkopfseeadler, das Wappentier der USA, mit großen Augen. Gute Kunst gebe Rätsel auf: "Ein schönes Design war für uns nur Mittel zum Zweck. Es ging um handwerklich hochwertige Arbeiten, bei denen keine Putzfrau auf die Idee gekommen wäre, diese versehentlich wegzuschmeißen." Private Auftraggeber und Sammler ermöglichen Lenk, von der Kunst zu leben. Wie nahe er Tübke die Jahre über geblieben ist, zeigt eine Anekdote: Frau Tübke sei auf eine Ausstellung ihres Mannes angesprochen worden - und die wusste nichts davon. Dann stellte sich heraus, die Galerie präsentierte keine Werke von Werner Tübke, sondern von Eberhard Lenk.

eberhard-lenk.com

 

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