Fasziniert von der Klarheit der Gedanken

Gedichte ermöglichen eindrucksvolle Begegnung mit Margaret Atwood

Margaret Atwood kennt man hierzulande vor allem wegen ihrer Romane. Vielfach wurde sie ausgezeichnet mit literarischen Preisen. Ihr Roman "Der Report der Magd" avancierte zu einem Kultbuch und wurde als Serie verfilmt. In diesem Band, eingeleitet durch ein kenntnisreiches Vorwort von Michael Krüger, lernt man ihre Persönlichkeit intensiv kennen. Er trägt den Titel "Die Füchsin" nach einem Gedicht aus dem Zyklus "Ein Morgen im verbrannten Haus". Es sind aufrichtige Gedichte aus drei Jahrzehnten, geschrieben aus einer feministischen oder ökologischen Perspektive, unsentimental, nicht gefühlsselig, eher sachlich, manchmal rau.

Neun namhafte Lyriker bilden das Übersetzerteam und bleiben dicht an den Originalen, liefern folglich keine Nachdichtungen. Man ist jedoch gut beraten, die Gedichte auch im Original in Englisch zu lesen, weil mitunter eine andere Bedeutung deutlich wird, wie in dieser Zeile: "Don''t ever ask for the true story" - "Frage niemals nach der Wahrheit" (eigentlich wörtlich: nach der wahren Geschichte aus dem Zyklus "Wahre Geschichten").

Man findet Momentaufnahmen, Reflexionen und Beobachtungen auf einer eher sachlichen Ebene. Es sind Kategorien des Überlebens und der Selbstbehauptung in einer feindlichen Umwelt, die im Zentrum der Gedichte stehen. Aufschluss darüber geben auch Atwoods Essays.

Oftmals stehen Tiere im Mittelpunkt wie Fuchs, Falke, Riesenschildkröte, sogar Würmer und immer wieder Schlangen (in "Interlunar", 1984). Diese Beobachtungen resultieren möglicherweise aus den Zeiten der Kindheit, denn Atwoods Vater war Waldentomologe, so war sie viel im Wald unterwegs.

Man begegnet Margaret Atwood nicht nur als Naturliebhaberin, sondern auch als Feministin und Umweltaktivistin. Sie ist Kämpferin, Kind und Mutter, Liebende und Geliebte. Man ist fasziniert von der Klarheit der Gedanken und wird von ihrem Ausdruck in den Bann gezogen. Sie kommt ohne Reime aus und schreibt in freien Rhythmen, die eine eigene Sprachmelodie entwickeln, mal still versunken, mal drängend bewegt und treibend. Ihre Sprache ist ironisch, oft lakonisch und scharfzüngig. Sehr persönlich wirken die Gedichte, in denen sie ihr Gegenüber mit dem Vertrauen erweckenden Du anspricht und so den Leser mit in ihre Gedankenwelt hereinnimmt. Dies manifestiert sich besonders in dem abschließenden Gedicht "Ein Morgen im verbrannten Haus" - eine Erinnerung an das Haus der Kindheit. Auch wenn die Farben verblassen mit dem schwindenden Sehvermögen, die Winter sich kälter anfühlen, da ist keine Hoffnungslosigkeit. Den vergangenen Jahren trauert sie nicht nach. Das Gedicht endet mit einem "Ja", mit der Gewissheit "It's still you" - "Du bist es noch immer".

30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 20,99€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt 0€ statt 20,99 €
00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.