Fenster in die Vergangenheit

Auf Entbehrungen und Erfindungsreichtum ruht Sachsens Glanz. Davon erzählt das neue Museum für mittelalterlichen Bergbau im Erzgebirge. Um die einzigartigen Funde ans Licht zu bringen, bedurfte es einer Katastrophe.

Dippoldiswalde.

Dieses Fenster öffnet sich nicht länger als vielleicht für einen Wimpernschlag. Wenn die Leute der Bergsicherung die alten Schächte und Abbaustrecken freigelegt und gesichert haben, folgen die Archäologen auf dem Fuße. Sie sichten, fotografieren, vermessen, bergen Funde. Und dann geht das Fenster auch schon wieder zu. Mit Beton ausgefüllt, schließt es sich für immer. Niemand wird die Unter-Tage-Welt von Dippoldiswalde je wieder zu Gesicht bekommen.

Verborgen bleibt sie nicht. Der Wimpernschlag reicht den Archäologen, diese Welt zu erkunden. Nun sind die Ergebnisse von einem Jahrzehnt Forschung in ein Museum gemündet, das nichts weniger als europaweit einzigartig sein will: Das Museum für mittelalterlichen Bergbau im Erzgebirge, kurz Miberz, das nun in Dippoldiswalde bei Dresden eröffnet wurde. Das Museum zeigt, worauf der spätere Glanz Sachsens beruht. Auf dem Erfindungsreichtum und den Entbehrungen der ersten Bergleute, die vor mehr als 800 Jahren dem Ruf des Silbers folgten, als das Land noch wenig erschlossen und unwirtlich war.

Vielerorts ließen sich die Bergleute des ersten Berggeschreys nieder. Nirgends sind ihre Hinterlassenschaften so gut erhalten wie in Dippoldiswalde. Der Bergbau in der Stadt wurde bald aufgegeben. So vergaß die Stadt, auf welchem Schatz sie saß. Bis das Augusthochwasser 2002 in den Untergrund drang, Material mit sich riss. Alsbald machten Risse und Einbrüche der Stadt zu schaffen. Das Oberbergamt sandte Spezialisten, den bröselnden Untergrund wieder in den Griff zu kriegen. Was folgte, nennt Landesarchäologin Regina Smolnik die Initialzündung für die Montanarchäologie. Der Fachbereich existierte bis dahin kaum.

Das Oberbergamt erkannte nämlich, dass die beim Aufräumen unter der Stadt gefundenen Scherben und Utensilien älter waren als anderswo im Erzgebirge. Das Landesamt für Archäologie kam hinzu, wo Christiane Hemker das grenzüberschreitende EU-Projekt "Archaeo-Montan" ins Leben rief. Sie und ihre Leute betraten Neuland. "Fragten wir damals Experten um Rat", sagt sie, "zuckten die mit den Schultern." Längst geht die Anzahl der Funde in die Tausende. Archäologen, Historiker, Geologen und Mineralogen setzten die Lebenswelt der Bergleute Puzzle für Puzzle zusammen. Von primitivem Bergbau, sagt Christiane Hemker, konnte im 12. und 13. Jahrhundert keine Rede mehr sein: "Da waren Spezialisten am Werk."

Die Forscher belegten, dass schon damals in aufwendiger Zusammenarbeit Entwässerungsstollen entstanden, um Wassereinbrüchen Herr zu werden. In einem Bergwerk bei Niederpöbel im Erzgebirge fand das Team hölzerne Bohlen, verlegt Stück für Stück je nach Vortrieb. Die Jahresringe verrieten, wie lange das dauerte: Für 40 Meter brauchten die Knappen 18 Jahre. Hemker: "Das ist wirklich ein harter Job gewesen."

Um die Zeit zum Leben zu erwecken, lassen die Ausstellungsmacher die Exponate für sich sprechen: Schaufeln, Schemel, Fahrten, Axtspitzen, lederne Fußbekleidung. "Das Tolle ist der außerordentliche Erhaltungszustand der organischen Materialien", sagt Kuratorin Cornelia Rupp. Zeitgenössische Abbildungen sind rar, schriftliche Zeugnisse ebenso. Entsprechend konzentriert sich das Museum auf die wichtigsten: Ein Duplikat der berühmten Urkunde, mit der Otto der Reiche nach dem ersten Silberfund das Gebiet des heutigen Freiberg wieder unter seine Kontrolle brachte. Eine Wiedergabe der Kuttenberger Kantionale, einer zeitgenössischen Darstellung des Silberbergbaus in Böhmen.

Die Ausstellungsmacher sind sicher: So sah es im 12. und 13. Jahrhundert an vielen Bergbauorten aus. Videos, Fotos und Animationen, die im Museums direkt aufs Handy geladen werden können, sollen das anschaulich machen. Eine Sequenz lässt sich auf einem Bildschirm verfolgen. Die Kamera schwenkt über eine Hüttensiedlung in idyllischer Landschaft, taucht dann senkrecht in den Schacht, fliegt durch Stollen und Strecken. Die digitale Nachbildung des Films entspricht exakt der gefundenen Grubenbaue von Dippoldiswalde. Das Fenster ist zu, doch das Bild ist für immer gespeichert.

Das Museum für mittelalterlichen Bergbau im Erzgebirge im Schloss Dippoldiswalde öffnet mittwochs 10 bis 16, donnerstags bis sonntags 13 bis 17 Uhr. Eintritt 5/2,50 Euro.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...