Festival "In Flammen": Höllische Gartenparty

Metal satt mit Kaffee und Kuchen obendrauf: Das Open Air "In Flammen" in Nordsachsen hat sich im Festival-Kalender als Unikat etabliert.

Torgau.

Umgedrehte Holzkreuze ragen aus dem Boden, sind verkohlt und blutverschmiert. Schwarze Gestalten wanken zwischen ihnen über das Feld, manisch angezogen von der kleinen Waldbühne. Von dort ziehen Schlagzeugdonner und Gitarrensägen, Bassgewummer und Lichtblitze auf, zerschneiden die Luft. Doch wollen die schwarzen Gestalten nur spielen, Bier trinken und ihre Bands abfeiern. Rund 1000 Menschen sind von Donnerstag bis Samstag auf dem In-Flammen-Open-Air in Torgau zusammengekommen, um der etwas härteren Musik zu frönen. Längst hat sich das Festival vom Geheimtipp zum wichtigen Undergroundfestival in Ostdeutschland entwickelt.

Wo früher die sächsischen Kurfürsten ihre Entenbraten züchteten, kocht Thomas Richter jährlich sein höllisches Süppchen. Zum 14. Mal lud er ins Naturschutzgebiet namens Entenfang am Rande Torgaus. "Höllische Gartenparty" nennt er selbst seine Veranstaltung, für die er jahrelang draufzahlte - auch als eine Art Geschenk an sich selbst. Nur dank ehrenamtlicher Helfer ist der Kraftakt zu leisten, drei Tage zwangloses Zusammenkommen mit guter Musik zu füllen. Denn das ist die Grundidee: jeden Schnickschnack wegzulassen und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Statt um Wettbewerbe ums kurvenreichste nasse T-Shirt oder das geschickteste Luftgitarrenspiel wie auf anderen Festivals geht es hier nur um Musik.

So waren auf zwei Bühnen alle Spielarten des Metal vertreten, wobei das Hauptgewicht auf Death- und Black-Metal lag. Insgesamt 39 Bands traten auf, die klingende Namen trugen wie Verheerer oder Pestilence. Genregrößen wie die Wikinger-Metaller von Unleashed stießen auf weniger bekannte Bands wie Profanation, über die Qualität sagte die Bekanntheit aber nichts. Einziger Minuspunkt war der Auftritt von Mgla: Die Band aus Polen ist umstritten, weil ihr Frontmann ein Soloprojekt mit neonazistischen Inhalten betreibt. Dennoch sehen sich Mgla als unpolitische Band - und verbreiteten auf ihrem Auftritt auch lediglich Musik, die zugestandenermaßen Black-Metal von Format war.

Am Freitag waren Wandar die Abräumer: Aufgrund eines technischen Defekts spielten sie erst spät auf der Nebenbühne in direkter Konkurrenz zum Black-Metal-Pendant 1349. Ihr melodiöses Schwarzgebräu lullte herrlich ein. Die Hallenser zeigten sich mit reifen Kompositionen, deren überraschende Wendungen stets durchdacht klangen, nicht nur auf Effekt aus waren. Als ähnlich versiert entpuppten sich Chapel of Disease mit einem melodischen Death-Metal. Trotz aller Harmonien fielen ihre Songs nicht im Druck ab oder wurden zu seicht. Am meisten überzeugte schließlich der Samstag-Headliner: Dying Fetus peitschten ihre Songs ins Publikum. Ihr hochtechnischer Death-Metal wurde von Drums in Hochgeschwindigkeit vorangeschoben. Ständige Rhythmuswechsel, triumphierende Gitarren und allerlei Brüche in den Songstrukturen machten ihren Auftritt zu einem abwechslungsreichen Schweißtreiber. Mit einer unübersichtlichen Zahl an Metal-Händen - Zeige- und kleiner Finger zum "Teufelsgruß" abgespreizt - bedankte sich das durchaus euphorische Publikum.

Einmal mehr überzeugte das In-Flammen-Open-Air mit Musikauswahl und gelassen-sympathischer Atmosphäre. Ohne lästige Zwischenkontrollen konnte man sich übers Gelände bewegen, das sowohl Bühne wie Campingareal war. Auch die Kaffe-und-Kuchen-Tafel wurde wieder aufgebaut. Weil der Festivalbetrieb nicht stressig genug ist, servierte die Crew den Metal-Fans Selbstgebackenes - gratis. Das gibt es wirklich nur in Torgau, wenn der Entenfang In-Flammen steht.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...