Filmfestival "Schlingel": Ein Kaleidoskop in die Welt

Mit seiner 24. Auflage baut das Filmfestival auf die Spannungsbögen der Realität von Kindern und jungen Erwachsenen aus der ganzen Welt. Zu sehen ist ein Reigen vom skurrilen Witz bis zur bitteren Brutalität, der viele glatte Filmklischees aufbricht - mit Geschichten, die die Menschheit insgesamt angehen.

Chemnitz.

Mit Samthandschuhen fasst das Internationale Filmfestival für Kinder und junges Publikum in Chemnitz seine Zuschauer auch 2019 nicht an: Der "Schlingel" mutet seinem Publikum einiges an Blicken in die Realität verschiedener Weltregionen zu, und die können mitunter ganz schön hart sein. Aber zum einen ist es ja auch nicht sinnvoll, dem Nachwuchs die Augen zuzuhalten, zum anderen merkt man dem Festival in seiner 24. Auflage die sorgfältige Filmauswahl an. Wo andere Festivals ihre Programmfolgen quasi am Schreibtisch zusammenstellen, werden für den "Schlingel" tausende Filme mehrfach gesichtet und dann sorgsam für das Programm selektiert. Die Folge: ein Fokus auf Streifen, die vor allem über eine echte Geschichte funktionieren. Wie in der Literatur kommt es dabei ja nicht darauf an, dass diese auch real so passiert sein muss - sondern, dass ihre Erzählung stimmt. "Schlingel"-Filme kommen dabei gern ohne Pathos oder übliche Emotionalisierungskniffe aus - sie stellen stattdessen ihre Protagonisten und deren Erleben so in den Vordergrund, dass Zuschauer von 6 bis 60 mitgenommen werden. Die Vielfalt entsteht dabei aus der Welt, die hier wie durch ein Kaleidoskop betrachtet wird - und so zu erfahren ist.

Das Material geht dem "Schlingel"-Team dabei nicht aus: Mit gleich zwölf deutschen Erstaufführungen und acht Premieren ist allein am gestrigen Montag das Programm im Kino gestartet. Bis zum Sonntag stehen insgesamt 233 Filme aus 52 Ländern auf dem Programm, 128 davon konkurrieren im Wettbewerb. Ein Fokus liegt auf Schweden, rund ein Dutzend Streifen soll einen Querschnitt schwedischer Kinder- und Jugendfilme zeigen. Die Auszeichnung des "Ehrenschlingels" geht daher auch an den schwedischen Zeichner Sven Nordqvist als Schöpfer der Kinderbuchreihe "Pettersson und Findus". Die 19 Preise im Gesamtwert von 64.000 Euro werden am 12. Oktober in der Galerie Roter Turm verliehen. Kinder und Jugendliche konnten auch selbstgedrehte und -animierte Filme einreichen. Die im Internet gekürten Produktionen sind am 11. Oktober unter dem Titel "Made by you" zu sehen.

Kein Wunder also, dass das Festival mittlerweile für seinen Sektor der Filmbranche ein wichtiger europäischer Meilenstein geworden ist, vor allem für den osteuropäischen, postsowjetischen Markt. Im Blick hat das Festival aber die ganze Welt und tut dabei immer wieder Perlen auf. Zum Beispiel die indisch-amerikanische Koproduktion "The Last Color" (deutsch: "Farbenrausch"), die die Unterdrückung von Frauen und Mädchen und Polizeiwillkür auf dem Subkontinent aufgreift. Der Streifen erzählt die Geschichte des kleinen Straßenmädchens Chhoti, das in der Hindu-Metropole Varanasi am Ganges versucht, mit kleinen Diebstählen und Seiltanzkunststücken genug Gebührengeld für einen Schulbesuch zusammenzubekommen. Zusammen mit seinem Freund Chintu muss es dabei immer wieder vor der Polizei fliehen, für die die Mitglieder der unteren Kaste der "Unberührbaren" quasi rechtloses Freiwild sind. Da freundet sie sich mit der Witwe Noor an, der ebenfalls die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verwehrt ist - nach dem Tod ihres Mannes muss sie als "Farblose" leben und darf auch nicht am Holi-Fest teilnehmen. Mit natürlichem Frohsinn versucht Chhoti, Sonne in beider Leben zu holen, doch als sie Zeugin wird, wie der Polizeichef eine Prostituierte umbringt, muss sie um ihr Leben und das der neuen Freundin fürchten.

Der Film zeigt Gewalt, vor allem gegen Frauen, nicht sonderlich explizit, macht sie aber schmerzhaft ungefiltert deutlich. Dass Regisseur Vikas Khanna dabei ein ebenso unkitschiges wie gutes Ende findet, ist danach eine regelrechte Wohltat, wie man sie immer wieder beim "Schlingel" erlebt, die aber die Gedankenflut im Kopf keinesfalls bremst. Das Festival lohnt immer wieder. Rund 25.000 Besucher werden 2019 erwartet.

ff-schlingel.de

 

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