Filmfestival "Schlingel": Von deformierten Lebensbahnen

Das 23. Internationale Filmfestival "Schlingel" nimmt sich zum Auftakt schweren Stoff vor, der aber bemerkenswert leicht über die Leinwand geht.

Chemnitz.

Was tut der Mensch, wenn er nicht sein kann, was er ist? Er leidet - bis es ihm gelingt, sich zu verändern, oder er zerbricht. Gleich zwei thematisch schwere Filme haben am Montag zum Auftakt des Filmfestivals "Schlingel" diesen Fragenkomplex aufgegriffen. Sie übersetzen ihn so ernsthaft wie griffig und zugänglich in Bilder, dass man nur von allerbester Werbung für das Medium Film sprechen kann. Dabei wird gerade im Jugendbereich immer wieder dessen Wirkung unterschätzt, wenn es um tiefgründige Auseinandersetzung geht.

Da war zum einen der kanadischen Film "The Fall of Sparta" nach dem gleichnamigen, preisgekrönten Jugendbuch des frankokanadischen Rappers Sébastien "Biz" Fréchette, die deutsche Erstaufführung: Bücherwurm Steeve will mit den philosophischen Weisheiten, die er sich als Einzelgänger aus der griechischen Mythologie gesaugt hat, im Hexenkessel seiner High School bestehen. Natürlich klappt das weder bei Frauen, noch im Sport. Die Botschaft: Wie man das Leben meistert, steht nicht in Büchern - diese können aber für entscheidende Momente einen wesentlichen, kräftigenden Hinweis geben. Der überaus anspielungsreiche Film, dessen Bilder mal an Eminems "8 Mile", mal augenzwinkernd an die DDR erinnern, lässt Steeve zuerst fast klamaukmäßig mit einem wütenden Football-Star zusammenstoßen - bis der Selbstmord eines anderen Football-Talents das Drama kippen lässt und klar macht, warum im Männlichkeitswahn des Sports allein die Angst vor der Möglichkeit, eventuell homosexuell zu sein, Lebensbahnen dramatisch deformieren kann.

Regelrecht grandios dann der belgische Streifen "Girl", der dieses Jahr im Cannes-Wettbewerb die Goldene Kamera für den besten Debüt-Film gewann und beim "Schlingel" nun ebenfalls deutsche Erstaufführung erlebte: Victor fühlt sich als Mädchen und will als Lara leben, was das empathisch-aufgeklärte Umfeld von den Eltern bis zu Schulkameraden akzeptiert und unterstützt. Lara besucht eine Ballettschule, darf mit den Mädchen in die Umkleide und wird medizinisch auf eine Geschlechtsumwandlung vorbereitet. Dennoch ist in dem aufgewühlten jungen Wesen mitten in der Pubertät gar nichts gut: Die langwierige Metamorphose schließt Lara von einer selbstbestimmten Sexualität nahezu aus, parallel gelingt es dem vorzüglich gespielten und gefilmten Streifen eindrücklich, die Intensität der inneren Verletzlichkeit aller Heranwachsender zu zeigen. Die ebenso erträumte wie quälende Ballettausbildung zwischen Selbstdisziplin und blutenden Füßen zeigt zudem auf poetische Weise die Normalität des vermeintlich harschen Vorgangs: Formt der Mensch nicht von jeher mit rigoroser Mühe seinen Körper, um sein inneres Selbst zu finden? Wo ist der Unterschied zwischen einem Sportler oder Tänzer, der Muskeln, Ausdauer oder Beweglichkeit bis weit über das durchschnittliche Maß zu überdehnen sucht - und dem Versuch, einen Körper dem empfundenen Geschlecht anzugleichen? Denn nicht darin zweifelt Lara - sie leidet an der Langsamkeit des Übergangs, die es ihr verwehrt, ihren Platz im Leben einzunehmen. Lukas Dhont bannt das schmerzliche Verharren in einem Schwebezustand, der Losfliegen wie Landen gleichermaßen zu verhindern scheint, in ebenso leichte wie eindringliche Bilder, die selbst dem brutalen Ende einen hoffnungsvoll friedlichen Anfang einhauchen.

Das Festival Der 23. "Schlingel" zeigt bis zum 7. Oktober mehr als 230 Filme aus 51Ländern. Am Mittwoch ab 11.15 Uhr sind dabei unter dem Motto "Made by You" selbstgemachte Kurzfilme von Kindern und Jugendlichen verschiedener Alterskategorien zu sehen.www.ff-schlingel.de

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