Fliegen mit Gagarin

Ein Kind auf dem Weg zum Mars trifft auf den ersten Menschen im Weltraum: Im Puppenstück "Juri - die erste Reise" stellt das Chemnitzer Figurentheater kindgerecht große Lebensfragen.

Chemnitz.

Sascha hat keine Lust, sich für irgendetwas zu begeistern, dass sie selbst nicht mehr erleben wird: Das elfjährige Kind ist auf dem Weg zur Oma, die auf dem Mars lebt und dort mit anderen versucht, den roten Planeten für die Menschheit fruchtbar zu machen. Sascha soll dabei helfen. Das ist jedoch mühsam und nicht ungefährlich - Sascha mag nicht. Bis das Kind mit Juri Gagarin spricht. Natürlich nicht mit dem richtigen - im Stück "Juri - die erste Reise", dass am Samstag am Chemnitzer Figurentheater seine Uraufführung erlebte, schreibt man das Jahr 2111. Der berühmte Kosmonaut ist daher wie bei "Star Trek" ein Hologramm, das zum Unterhaltungsprogramm der Raumfähre gehört, die zwischen Erde und Mars pendelt. Doch davon weiß er selbst aber nichts: Juri Gagarin spricht und denkt, als wäre er noch am Leben.

Von Saschas Unlust zeigt er sich entsetzt. " Du weißt doch jetzt noch nicht, welche Bedeutung du für die Zukunft hast", gibt er ihr mit auf dem Weg - und gleichzeitig auch den Kindern im Publikum. Und um etwas zu bewegen, müsse man eben die eigene Komfortzone verlassen. Der holografische Juri liefert auch gleich einige Personen der Geschichte, die die Welt mit Erfindungen und Taten voranbrachten, ohne die Früchte ihres Tun selbst noch kosten zu können.

Das Stück wurde der Autorin Annalena Küspert vom Chemnitzer Figurentheater in Auftrag gegeben. Es entstand im Rahmen des Festivals "Aufstand der Utopien" im Herbst des vorigen Jahres. Dort setzten sich etwa Schüler in einem Kurs mit künftigen Lebenswelten, technologischen Entwicklungen und gesellschaftlicher Teilhabe auseinander. Einige Erkenntnisse sind in das Stück geflossen. Abstrakte Ideen packte Küspert dann in eine kindgerechte und spannende Geschichte, die Tobias Eisenkrämer sensibel inszenierte.

Konzipiert ist "Juri - die erste Reise" für Kinder ab acht Jahren, bietet aber auch älteren Zuschauern bis ins Erwachsenenalter neben unvermuteten Denkanstößen vor allem beste Unterhaltung und einige tolle, schräge Ideen. Das Raumschiff beispielsweise verfügt etwa über personalisierte Computer, die ein eigenes Bewusstsein haben. Dargestellt wird die Funktionsweise des Rechners mit einem futuristisch anmutenden Arbeitsplatz. Wenn der Computer Bilder recherchieren soll, stellt sich derjenige der drei Spieler, der gerade den Computer spielt an den Platz, legt mit der Pinzette Folien auf eine Art Polylux, die Bilder werden auf eine Leinwand projiziert. So wird abstrakte Rechenleistung lebendig, aber auch die resultierende Idee, dass auch mit Computern durchaus vorsichtig und sensibel umgegangen werden muss - was die Figur der Sascha schmerzlich lernen muss.

Das Kind wie der Kosmonaut Gagarin sind wunderschön gestaltete Puppen von Simon Buchegger. Gespielt werden sie von Karoline Hoffmann, Mona Krüger und Matthias Redekop aus dem Ensemble des Figurentheaters, alle drei gekleidet in weiße Science-Fiction-Kostüme. Die Spieler wechseln sich in den Rollen und an den Puppen ab. Die Geschlechtszuschreibungen geraten daher zur Nebensache. So bleibt die ganze Zeit offen, ob Sascha nun ein Mädchen oder ein Junge ist. Der Name verrät es nicht, das Kind trägt neutrale Kleidung und wird von männlichen und weiblichen Spielern gespielt - ein schöner Kniff, der die Suche nach der eigenen Rolle abseits von Normativen illustriert, ohne dazu einen Zeigefinger zu benötigen. Stattdessen setzt die Inszenierung auf eine tolle Ästhetik, deren gelungene Futuristik im Theater nicht selbstverständlich ist, sowie auf die fesselnde Atmosphäre der sphärischen Musik der Chemnitzer Künstler Daniel "Kokoro" Bachmann und Christian "Solstik" Selent: Sie setzen auf leichte Melancholie und synthetische Klänge, die Sascha und das Publikum für eine Stunde durch diese Ideenwelten begleiten. Als am Ende Applaus einsetzte, hörte man einen kleinen Jungen im Zuschauerraum enttäuscht rufen: "Was? Schon vorbei?" Stimmt: Die Geschichte böte genug Stoff für Fortsetzungen!

Das Stück"Juri - die erste Reise" ist wieder am 5. und 9. März jeweils um 9. 30 Uhr sowie am 12. April um 16.30 Uhr am Figurentheater Chemnitz zu erleben.

www.theater-chemnitz.de

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