Fliegen wie ein Stein - Kummer wird persönlich

Als Sänger von Kraftklub hat Felix Kummer seinen Anhängern ein positives Chemnitz-Bild eingerichtet. Den Antrieb dafür zieht er jedoch aus schmerzlich-schmutzigen Erinnerungen - die er nun in ein Soloalbum packt.

Chemnitz.

Halt kann fragil sein. Vor allem für einen semiselbstbewussten Menschen wie Felix Kummer. Feste Anker? Liefern ja nicht automatisch auch ein Gefühl von Verankerung. Und wenn das fehlt, finden sich seltsame Wege, um vereinzelt bemerkenswert seltsame Menschen ins Leben zu lassen: Unverzichtbare Wesen in sorgfältiger Ferne, die jedoch immer wieder ganz nah aufleuchten. Man gestattet punktuell eigenwillig engen Austausch, der Mensch wird enorm wichtig - trotzdem kann, darf, will man ihn nie näher an sich binden. Zu viele Umstände passen eben nicht, sollen sie wohl auch nicht: Trotzdem will man diesen Menschen nie verlieren, denn näher als er gelangt, darf niemand in den innersten Kreis; dorthin, wo man niemanden haben kann und doch dringend jemanden braucht, und sei es als Projektionsgefäß.

Felix Kummer hat seinem Ankermenschen einen Song geschrieben: "26" ist eines der traurigsten und schönsten Lieder seines Soloalbums. "Kummer", der Doppelsinn ist gleich doppelt gewollt - im Wortsinn wie auch als Rückverwandlung. Bei Kraftklub singt schließlich Felix Brummer, der smarte Bühnenjunge. Ja, der wird auch diesmal helfen. Beim gekonnten Vortrag, der Rap-Poesie, und am Ende funktionieren die Stücke auch als bissiger Pop, wenn Felix sie am Donnerstag beim Hamburger Reeperbahn-Festival erstmals als Konzertprogramm vorträgt. Die Kummer-Tour Ende November/Anfang Dezember ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausverkauft, da kann der Solist seine Frontmann-Routine gut brauchen - den frechen Charme, der so fein balanciert zwischen Bodenhaftung und selbst- gemachter Coolness, so nonchalant die Bitterkeit zum Grinsen umdreht. Als Schutz: "Das wäre auch brutal, wenn man sich auf die Bühne stellt vor 12.000 Leuten, ganz schutzlos", sagt Felix: "Das würde niemand aushalten. Ich kann das teilweise zwar wirklich genießen, so zu sein. Dann ist das geil. Am Ende ist mir das allzu Mackerhafte aber fremd."

Doch auf der Platte, die am 11. Oktober als Tonträger erscheint, umkurvt Felix oft die Brummerwerdung: "Ich kann kaum laufen, aber sieh mal wie ich tanz' / Unsicherheit überspielt mit Arroganz". Beides ist sicher das Letzte, was man mit ihm in Verbindung bringen kann - weder bei Kraftklub noch etwas privater; so wie er jetzt dasitzt, im Sonnenschein vor seinem Stammcafé auf dem Chemnitzer Brühl. Wie er Passanten herzlich zurückgrüßt vor dem Reihenhausausbauprojekt, immer bereit für einen schlagfertigen Satz, ein Selfie mit Kindern, wirklich gern. Die Kummer-Platte, das ist jedoch die andere Seite der Medaille. Über den Pop hinaus darüber zu reden, fällt Felix schwer. 26? "Das ist jetzt der Moment, wo ich am besten die Klappe halte", sagt er nach einer Weile. "Beim Schreiben fragt danach ja auch keiner. Man ist ganz allein, hat stundenlang Zeit für jedes Wort, ringt. Wenn es dann aber fertig dasteht, hat man sich quasi selbst vor vollendete Tatsachen gestellt: ,Okay, da steht es jetzt. Bin ja mal gespannt, wie du damit zurechtkommst, das so aufgeschrieben zu haben.'"

Dass dabei vorerst keine Kraftklub-Songs draus werden konnten, war offenbar schnell klar - nicht nur, weil die Texte rap-mäßig lang gerieten und daher nicht in das Strophen-Schema von Rocksongs passten. "Sie waren auch zu persönlich, als dass ich mir vorstellen könnte, sie vor 10.000 Leuten zu singen." Seine Beziehung zu Chemnitz spielte dabei eine wesentliche Rolle. Wie man schon im vorab veröffentlichten Stück "9010" hört, gibt es da eine dunkle Seite, die Felix tief geprägt hat und die das Album derb auslotet hinter all den smarten Verklausulierungen, mit denen Künstler nun mal in der Lage sind, ihre Wahrheit so zu chiffrieren, dass jeder sie begreifen, aber nur wenige sie auch konkret verstehen können. Das positive Chemnitz-Gefühl jedenfalls, das bis in jene tiefen Erzgebirgswinkel reicht, wo man einfach keine Onkelz hören mag - es ist das Gefühl der Kraftklub-Fan-Generation, die die trotzige Selbstermächtigung der Band angenommen hat: Verlierer, Baby - original Ostler! Felix selbst hat dagegen der tägliche Kampf in der Zeit vor Kraftklub geprägt. Für "Schiff", den drastischsten und eventuell besten Song der Platte, packt er das in Zeilen wie "Wir verrotten, hier im Zwischendeck / zwischen wütenden Kartoffeln und 'nem Haufen Crystal Meth ... Es riecht nach Pisse, es riecht nach Tod / aber ich fühl' mich hier wohl." Die woodstockige Euphorie, die Kraftklub mit "#wirsindmehr" spenden konnte, ist eine Folge der Verarbeitung solcher dreckiger Schmerzen, keine durchgereichte Flamme. Felix hat Chemnitz eben anders erlebt, und das kommt wieder hoch: "Die, die noch hier sind, das sind die, die es nicht raus geschafft haben. Mit denen stimmt was nicht. Und wer gar freiwillig noch hierbleibt, bei dem muss was richtig schräg sein. So, habe ich manchmal das Gefühl, denken die Chemnitzer über sich - und erst recht über die anderen Chemnitzer, die auch noch da sind."

Wer je etwas hinter die zackigen Indiediscobeats von Kraftklub gelauscht hat, konnte solche Momente immer mal schimmern hören, und zwar nicht mal so undeutlich, in "Melancholie", aber auch in Superhits wie "Drei Schüsse in die Luft". Unverblümt erlebten sie dann die Besucher des "Mania"-Konzertes im Atomino im Dezember 2017. Bei dem traditionellen Lokalband-Treffen spielen Kraftklub gern als "Kosmonauten" mit - und boten in diesem Fall einen bislang unveröffentlichten Song dar, der den Sprung eines Selbstmörders von einem Hochhaus in verständiger Poesie schildert. Bei Youtube ist er als Handymitschnitt zu finden: "Ich falle so leicht, so frei, vorbei / Fliegen wie ein Stein, so leicht, vorbei", singt Felix Kummer da. Mit dem Hintergrund klingen Solowerke wie "Es tut wieder weh" mit Anspielungen an ärztliche Hilfe bei psychischen Problemen bitter: "Ja, es gab Situationen, mit denen ich nicht so recht umgehen konnte." Insofern ist es auch mehr als nur ein gelungener Promogag, dass es das Kummer- Soloalbum nicht im Handel geben wird. Felix hat dafür ein eigenes Plattengeschäft in Chemnitz eingerichtet, in dem die Scheibe als CD oder Vinyl ausschließlich am 11., 12. und 13. Oktober zu haben sein wird. "Kiox" heißt der Laden - so wie jener, den Kummers Vater Jan Ende der 90er in der Stadt schließen musste. So heißt auch das Album. Wer es Felix abkauft, wird dabei irgendwie selbst zum Ankermenschen.

kiox-tontraeger.de

Bewertung des Artikels: Ø 4.1 Sterne bei 10 Bewertungen
9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    4
    Interessierte
    02.10.2019

    Den kenne ich auch nicht .....

  • 2
    2
    Blackadder
    01.10.2019

    @Interessierte: Da ich einige Thorstens kenne, wäre ein Nachname hilfreich?!

  • 3
    4
    Interessierte
    01.10.2019

    Den kennen Sie nicht ?

  • 2
    5
    Blackadder
    01.10.2019

    Gestern wurden am Kiox Laden eine Menge Nazi-Aufkleber an den Fenstern und Türen hinterlassen...da kann man nur hoffen, dass nichts noch schlimmeres passiert. In Chemnitz muss man ja mit allem rechnen und Felix ist schon für die rechte Szene eine Hassfigur.

  • 2
    2
    Blackadder
    20.09.2019

    @Intetessierte: Welcher Thorsten denn?

  • 1
    5
    Interessierte
    20.09.2019

    Er erinnert mich immer an Thorsten

  • 8
    16
    Blackadder
    19.09.2019

    Ich glaube, Franzudo sollte sich das Album lieber nicht anhören, er könnte enttäuscht werden, dass doch mehr Statements drauf sind, als ihm lieb ist. Ich sage nur "9010"!

  • 11
    8
    hkremss
    19.09.2019

    @franzudo2013: Und Sie entscheiden dann, was 'parteipolitisch' und damit des Künstlers unwürdig ist? Betreiben Sie eine Agentur oder so, wo man sich als Kulturschaffender beraten lassen kann? Frage für einen Freund.

  • 8
    10
    franzudo2013
    18.09.2019

    Eine künstlerische Verarbeitung ist das beste, was er machen kann.
    Statements, welche parteipolitisch rueberkommen, sind eines Kuenstlers unwürdig.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...