Fluss der Wiederkehr

Mit "Western Stars" hat Bruce Springsteen soeben sein 19. Album vorgelegt. Grund genug, den Superstar aus New Jersey näher unter die Lupe zu nehmen und vor allem weniger bekannte Ecken seiner nun schon fast 50 Jahre währenden Karriere auszuleuchten.

Aller Anfang ist schwer: Die Frühwerke "Greetings From Asbury Park" und "The Wild, The Innocent And The E-Street-Shuffle" brachten 1973 keinerlei Chart-Erfolg. Kritiker attestierten ihm Talent, monierten jedoch Unausgegorenheit. Andererseits agiert die junge Band Spring-steens bereits so sehr aus einem Guss, als spiele man seit Äonen miteinander: Jedes Instrument brilliert sowohl im Zusammenspiel als auch solo. Ihre Bandbreite mischt Rock mit Singer/Songwriter-Intimität, Soul/R'n'B sowie intensiven Balladen. Ein besonderer Reiz beider Erst-LPs liegt in der abwesenden Breitbeinigkeit, den Liedern fehlt noch jedes Stadion-Gen. Ihre DNA entfaltet sich eher in verrauchten Kaschemmen oder an Lagerfeuern. Um Geld zu sparen, nahmen die abgebrannten Musiker den Löwenanteil zügig und weit nach Mitternacht auf, da die Studiotarife zu später Stunde ermäßigt waren. Die Qualität litt hierunter nicht.

Die Kuriositäten Gerade weil Springsteen oft so bodenständig erscheint, schimmert manche Merkwürdigkeit besonders intensiv. Da gibt es die federleichte "Rosalita". Der zunächst weitgehend unbemerkte Song entwickelt sich mit den Jahren weltweit zum oft gespielten und beliebten Radiohit. Hollywoodfilme verwenden ihn gern. Es existiert sogar ein Video. Gleichwohl ist es die einzige Nummer der Rockgeschichte, die solchen Erfolg verbucht, ohne je als Single erschienen zu sein.

Wer auf makabre Pointen steht, werfe einen Blick auf die Verbindung zwischen Springsteen-Liedern und dem Tod von Legenden. 1977 empfand der Boss, "Fire" passe eher zum King - und sandte Elvis Presley ein Demo. Dieser verstarb jedoch, just als der Track dessen Briefkasten erreichte. Wenige Jahre später lobte John Lennon des US-Amerikaners "Hungry Heart" - und wurde nur Stunden später von einem Attentäter erschossen.

Beträchtliche Situationskomik dagegen entfaltet sich 1974 aus der skurrilen Begegnung des Bosses mit dem Thin White Duke: David Bowie lud ihn zum Treffen, um ihm seine Coverversion von "It's Hard To Be A Saint In The City" zu zeigen. Springsteen jedoch war noch längst kein selbstsicherer Superstar und erstarrte in Schüchternheit. Der normalerweise so kollegiale wie herzliche Gentleman Bowie hingegen stand kokainbedingt komplett neben sich und fabulierte über Ufos.

Die Gemeinschaft Bruce und seine E-Street-Band gehören zu jener seltenen Gattung, deren Verbindung zwar zusammengehört wie Pech und Schwefel, dabei jedoch ein Eigenleben entwickelt. Man kennt solch seltene Pflanzen etwa von Bob Dylan und The Band, Neil Young und Crazy Horse oder Nick Cave mit den Bad Seeds. Auch einzeln hinterließen sie mehr als eine Spur in der Popkultur. So setzt Steven van Zandt Akzente als Produzent oder Schauspieler: Filmfreunde kennen ihn aus "Die Sopranos" oder "Lilyhammer". Der verstorbene Clarence Clemons etablierte wie kein Zweiter den Sound des Saxofons im Rock- und Popkontext. Pianist Roy Bittan prägt etliche Stücke Springsteens mit sehr gefühlvollem Spiel. Zahlreiche Musiker - unter anderem besagter Bowie - nahmen seine Dienste auf ihren Alben gern in Anspruch. Wer alle gebündelte Kraft genießen möchte, kommt nicht um die drei CDs beziehungsweise fünf LPs des Boxsets "Live 1975-85" herum. Es dokumentiert jene unkopierbare Energie, die vom Highway-Rocker über den protestbewegten Underdog bis hin zum Romantiker jedermann dort abholt, wo er sich gerade befindet.

Der Texter Nicht ohne Grund wurde in Fachkreisen eine Verwandtschaft zwischen Tom Waits und Springsteen festgestellt. Beide sind verschiedene Seiten jener Medaille, durch die man Menschen - insbesondere in den USA - besser verstehen kann als durch Politiker und Institutionen. Waits' Geschichten umweht ein Hauch von Straße, Hobos und der oft ironische, teils tragische Blick auf Verlierer. Springsteen zeigt die falsche Seite der Städte und Landstriche ebenso, fokussiert dabei jedoch auf soziale Missstände sowie den Kampfgeist gegen ungerechte Strukturen. Ersterer ist mehr Kerouac, letzterer mehr Brecht. Doch ähneln sie einander in der Romantik ergreifender Liebesgeschichten. Nicht umsonst coverte Springsteen bereits Waits' "Jersey Girl". Des weiteren teilen beide die tiefe Abneigung gegen Parteien und Konzerne, die ihre Songs missbrauchen - beide gewannen Musterprozesse. Springsteen etwa verbot der Republikanischen Partei die Verwendung von "Born In The USA". Jene verkannte den Sarkasmus komplett und nutzte die Antikriegshymne unberechtigt als nationalistisches Werbeliedchen für Militärpolitik.

Alben für die Ewigkeit "Born To Run", "Darkness On The Edge Of Town" und "The River" ergeben zwischen 1975 und 1980 die unentbehrliche Dreifaltigkeit seines Katalogs. Ersteres markiert die Geburt der Rock-Ikone. Doch der Absturz folgt. Zwei Jahre staut ein Rechtsstreit mit Ex-Manager Mike Appel den kreativen Fluss. Das Ergebnis ("Darkness") erweist sich als perfekte Umwandlung von Frustration in Musik. Kurios: Das bei den Sessions mit entstandene Stück "Because The Night" unterschätzt der Meister sträflich und überlässt es Patti Smith. Diese veröffentlicht es im selben Jahr als Single und landet einen Evergreen. Der Boss selbst spielt das Lied regelmäßig live und veröffentlicht seine 1978er-Studiofassung 30 Jahre später auf "The Promise". Die Doppel-LP "The River" bringt hernach detaillierte Milieuschilderungen mittels sensibel porträtierter Antihelden.

"Born In The USA" krönt alles vier Jahre später mit kolossalem Erfolg. Ein Dutzend Killersongs, von denen sieben als Hitsingles brillieren, bilden mit über 30 Millionen Exemplaren eines der meistverkauftesten Alben aller Zeiten. Neben Dire Straits' "Brothers In Arms" ist es die Rock-Visitenkarte der 80er. Spätestens hier lässt er Genre-Kollegen wie Tom Petty, Bob Seger oder John Mellencamp weit hinter sich.

Zehn Jahre gönnt er sich daraufhin laue Routine. "Tunnel Of Love", "Human Touch" und "Lucky Town" bleiben trotz einiger Juwelen vergleichsweise blass. Das Spätwerk kann sich dagegen wieder sehen lassen. "The Rising" thematisiert 2002 die 9/11-Anschläge, verzichtet auf Rachegelüste und entlarvt in "Paradise" religiöse Gewalt als tragischen Irrtum. Die zarte Ballade rührt zu Tränen. Von hieran liefert er wieder große Songs wie "Radio Nowhere" ("Magic"), "Outlaw Pete" ("Working On A Dream") oder das bereits seit vielen Jahren konzerterprobte "Land Of Hope And Dreams" ("Wrecking Ball").

Als stromloser Solist entfernt er sich zwischendurch gern vom E-Street-Pfad und kredenzt akustische Platten. Hier vertieft er sein Talent als Beobachter und Geschichtenerzähler. "The Ghost Of Tom Joad" dekonstruiert den als zerbrochen diagnostizierten amerikanischen Traum. "Nebraska" erzählt lang vor Quentin Tarantinos/Oliver Stones "Natural Born Killers" die Geschichte des Serienkillerpärchens Starkweather/Fugate. "Devil's And Dust" spannt den Bogen von der Verdammung des Irak-Krieges bis hin zur Erlösung zielloser Wanderer durch Liebe und Sex.

In diesen Duktus fügt sich auch das neue Solo-Werk "Western Stars". Zutreffend beschreibt er es als "eine Reihe amerikanischer Themen, von Autobahnen und Wüstenräumen, Isolation und Gemeinschaft und der Beständigkeit von Heimat und Hoffnung". Mit sensibler Reflexion in schonungsloser Direktheit seziert er die Gegenwart seiner Heimat anhand von Figuren, deren beste Tage lang zurückliegen, deren Zenit das Alter längst in weite Ferne rückte. Passend dazu bedient er sich eines weitgehend nostalgischen Mantels aus der Prä-Rock-Ära. Großes Hollywood-Orchester und die Geister Burt Bacharachs, Phil Spectors oder der Walker Brothers führen die Charaktere in den finalen Sonnenuntergang. Handwerklich und textlich funktioniert die Bittersüße durchaus. Gleichwohl fiele es leichter, den stilistischen Wagemut zu goutieren, wenn sich nicht einige ungewohnt gen betulichen Country strebende Füllsongs mit mediokren Melodien in den Reigen gemogelt hätten.

Das eine Lied "The River" vereint beide Seelen in seiner Brust - den forschen Rocker und den melancholischen Singer/Songwriter. Jedem Ton, jeder Silbe wohnt eine berückende, nahezu hypnotische Kraft inne, die den Hörer augenblicklich mitreißt: Wer nicht auf die Zeilen achtet, wird bereits von den Klängen hinfortgetragen. Und wer den Worten lauscht, den haut es vollends um. Selten kamen absolute Romantik und totale Desillusion so intensiv zusammen. Es ist womöglich Springsteens bester Song überhaupt: Die lässige Studioversion ist bereits pures Gold, doch erst die zwölfminütige Version von "Live 1975-95" entfaltet eine emotionale Strömung, deren Kraft kein Auge trocken lässt. Wie der Ich-Erzähler zum längst vertrockneten Flussbett, kehrt auch der Hörer immer wieder zu diesem Gewässer zurück.

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