Fossilien, Forscher und harte Musik

Im Chemnitzer Naturkundemuseum zeigt eine Sonderschau in Kürze Fossilien, die Wissenschaftler nach Rocklegenden benannt haben

Chemnitz.

Wie sind Michael Jackson mit einem Einsiedlerkrebs, Mick Jagger und Frank Zappa mit einer Schnecke und AC/DC mit Trilobiten in Verbindung zu bringen? Achim Reisdorf, Paläontologe und Geologe an der Uni Basel und am Naturhistorischen Museum Bern ist Heavy-Metal-Fan und gebürtiger Sachse. Eva Prase lies sich von ihm erklären, warum so viele Wissenschaftler offenbar eine Vorliebe für harte Rockmusik haben.

Freie Presse: Paläontologen haben die Ausstellung "Rock Fossiles" kreiert, die bereits in Oslo oder Bern zu sehen war. Was hat es damit auf sich?

Achim Reisdorf: Gezeigt werden Versteinerungen, die nach Stars in der Musikwelt - Heavy Metal, Punk, Rock, Pop und auch Jazz - benannt wurden. Die Ausstellung hat ihren Ursprung in Faxe, einer Kleinstadt auf der dänischen Insel Seeland, südlich von Kopenhagen. Sie ist bekannt wegen der dort gut zugänglichen Gesteinsschichten aus der Kreidezeit und des Paläogens, also erdgeschichtlich die wichtige Zeitenwende, an der die Dinosaurier ausstarben. Begründet wurde sie von Jesper Milàn, Paläontologe in Faxe, und von den beiden Modellbauern Esben Horn und Rune Fjord aus Kopenhagen. Diese Drei beherrschen es meisterhaft, auf der Grundlage von Fossilienresten lebensechte Modelle zu rekonstruieren und damit ausgestorbene Tiere und Pflanzen quasi auferstehen zu lassen. Über das Paläontologienetzwerk erfuhren sie 2012, dass der schwedische Paläontologieprofessor Mats E. Eriksson einen fossilen, furchteinflössenden Borstenwurm nach dem dänischen Metal-Musiker King Diamond benannt hatte. Das war die Initialzündung für "Rock Fossils". Nun freue ich mich sehr, dass ich die Ausstellung in meine Heimat nach Chemnitz vermitteln konnte und seit dem eng mit Thorid Zierold, der Kustodin am Museum für Naturkunde, zusammenarbeite.

Kann jeder einfach so Fossilien nach Musikstars benennen? Grundsätzlich ist jeder Mensch dazu berechtigt, eine neue Art nach seinen Vorstellungen zu benennen. Also auch nach Musikern. Es müssen aber wissenschaftliche Standards eingehalten und die Regeln der internationalen biologischen Nomenklatur angewendet werden. Hierzu zählt der erbrachte Nachweis, dass es sich auch tatsächlich um eine für die Wissenschaft bislang unbekannte Art handelt.

Gibt es häufig solche Funde?

Das Leben birgt eine solche Vielfalt, dass Forscher immer wieder neue Arten entdecken. Das gilt für lebende wie auch für fossile Organismen.

Haben Paläontologen eine Vorliebe für Heavy Metal, Punk und Rock? Es ist doch auffällig, dass viele Fossilien Namen von Stars dieser Musikszenen tragen.

Die meisten Fossilarten tragen Namen, die nichts mit Musikern zu tun haben. Häufig finden sich in der Benennung die typische Form oder der Fundort des Fossils. Nicht selten und das bereits seit den Anfängen der Paläontologie wurden aber auch Forscherpersönlichkeiten in Fossilnamen verewigt. Dies zum einen. Zum anderen hören nachgewiesenermaßen vor allem solche Menschen Heavy Metal und Punk, die die Neigung besitzen, bestimmte wiederkehrende Muster zu analysieren. Genau diese Fähigkeit ist bei der Erforschung der Merkmale, etwa Form und Größe, von Lebewesen gefragt. Mats Eriksson untersuchte 2006 beispielsweise so die Kiefer von fossilen Borstenwürmern. Hierbei entdeckte er eine neue Fossilienart und benannte sie nach Lemmy Kilmister, dem verstorbenen Frontmann von Motörhead. Die Benennung nach Musikern ist aber nicht neu. Schon 1972 wurden erstmals zwei versteinerte Schnecken nach Musikern benannt, die eine nach Frank Zappa, die andere nach Mick Jagger. Hervorzuheben ist der kanadische Trilobitenforscher Gregory Edgecombe, der in den neunziger Jahren eine ganze Reihe neuer Arten nach Mitgliedern von Bands wie AC/DC, den Ramones und den Beatles benannte. Solche Fossilien heißen dann avalanchurus lennoni, avalanchurus starri, struszia mccartneyi und struszia harrisoni. Das ist kreativ, clever und zeugt, wie ich finde, von einer guten Portion Humor.

Welcher Gedanke steht hinter diesen Namensgebungen?

Paläontologen zeigen damit, dass sie Menschen sind wie du und ich - und keine abgehobenen Typen, die nur Bibliothek und Mikroskop kennen. Sie haben Hobbies wie andere auch, und verbinden diese mit ihrem Beruf. Dies zum einen. Zum anderen ermöglicht der Rückgriff auf eine Band aber auch, einem wissenschaftlichen Prinzip zu folgen.

Welchem Prinzip denn?

Dem der biologischen Systematik. Es geht nach dem Prinzip: Der Gattungsname ist der Bandname, der Artname ist der Name eines Bandmitgliedes. So sind unter der Trilobitengattung arcticalymene die Arten viciousi, rotteni, jonesi, cooki und matlocki vereint - das sind die Musiker der Sex Pistols.

Bei Bands in üblicher Besetzung ist da aber schnell Schluss ...

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Für seine Trilobiten etwa zog Edgecombe das Umfeld der Beatles mit heran, so das Management und Yoko Ono.

Warum wurden für die Ausstellung nicht allein die schönsten Fossilien gewählt?

Unser Ziel war es, einen neuen Ansatz in der Museumsdidaktik zu finden. Mit dem unkonventionellen Zugang sollen neue Besucher Zugang zu den Naturwissenschaften finden. Die nach Musikern benannten Fossilien wecken alleine schon beim Klang der Namen Emotionen: Rolling Stones, Jimi Hendrix, Miles Davis, Motörhead, The Doors, Bad Religion ... Musik dient als roter Faden, der ein spannendes Dreigespann effektvoll verbindet: "Rock Fossils " erzählt die Geschichte zum Fossil, Musiker und zum namengebenden Wissenschaftler. Und spektakulär sind die gezeigten Fossilien und Lebensmodelle sowieso: Sie atmen den Rock'n'Roll, etwa das nach Dire-Straits-Gitarrist Mark Knopfler benannte Skelett des Raubsauriers masiakasaurus knopfleri, der auf einem Flightcase thront - einer Transportkiste, wie sie für die Konzerttechnik verwendet wird. Abgesehen davon wollen wir mit einem attraktiven Rahmenprogramm punkten.

Wissenschaftliche Vorträge?

Nicht nur. Wir binden Chemnitzer Musikclubs ins Ausstellungsgeschehen ein, etwa mit Konzertabenden. Zudem veranstalten wir Heavy-Metal-Kochkurse. Und wer sich in der Gestaltung von CD- oder Plattenhüllen ausleben möchte, wird auch hierfür ein Angebot finden. Apropos Schallplatten: Teil der Ausstellung sind Picture Discs, die in einem besonderen Musikprojekt entstehen: Paläontologen geben wissenschaftliche Texte in die Hände von Profimusikern. So wurde die Kurzfassung der wissenschaftlichen Publikation über kingnites diamondi durch Tomas Lindberg, Frontmann der Melodic Death Metal Band At the Gates, vertont. Diese Sammlerstücke werden in der Ausstellung auch zu hören sein. Und vielleicht findet sich in Chemnitz auch eine Band, die sich auf der nächsten Picture Disc mit einem "Rock Fossil" vereinigt...

Die Ausstellung "Rock Fossils - Ja, es ist Liebe" wird am 11. November im Naturkundemuseum Chemnitz eröffnet. Zum Auftakt spielt die schwedische Metalband Wolf.

naturkundemuseum-chemnitz.de

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