Fotos vom Leben und vom Untergang

Die Nachkommen der zur NS-Zeit zu Hunderttausenden ermordeten Sinti und Roma kämpfen noch immer um Anerkennung. In Dresden zeigt eine erschütternde Ausstellung, welche Verbrechen an Europas größter Minderheit im deutschen Namen verübt worden sind.

Dresden.

Der Fotoreporter Hanns Weltzel in Roßlau an der Elbe hält drei Jahre nach Kriegsende, 1948, den Brief eines Freundes in den Händen. Darin teilt ihm Josef Laubinger, genannt Lamperli, mit, dass er die schlimmen Jahre zwar selbst überlebt, den Großteil seiner Familie aber verloren hat. Der Brief endet mit der flehentlichen Bitte, ihm Bilder seiner Angehörigen zu schicken: "Vergiss die Fotos nicht, das ist sehr wichtig!"

Die Fotos hatte Weltzel nur 15Jahre früher und doch in einem anderen Zeitalter gemacht. Sie zeigen mitteldeutsche Sinti und Roma in ihrem privaten Alltag, zumeist in Dessau-Roßlau, aber auch in einem Magdeburger Internierungslager vor dem Porajmos, dem "Verschlingen", dem NS-Massenmord. Man sieht verschworene Freunde und lachende Familien, Autobesitzer und Wohnwagen mit drei Pferden vornedran, Straßenartisten und spielende Kinder, Frauen beim Wäschewaschen, stolze Nachbarn im Sonntagsstaat. Die Fotos strahlen Alltag, Nähe, Lebensfreude aus.

Hanns Weltzel war ein Tausendsassa, schrieb und fotografierte für den "Anhalter Anzeiger", erforschte Dorfgeschichten und Bauernhäuser, präparierte Schlangen. Ab Anfang der 1930er-Jahre freundete er sich mit Sinti- und Romafamilien an, die nach Roßlau gekommen waren, darunter die Familie von Erna "Unku" Lauenburger aus Berlin, berühmt als Heldin eines Kinderbuchs, das in der DDR Schullektüre war.

"Die mitteldeutschen Sinti und Roma lebten meist auf Reisen, aus historischen Gründen", erläutert Jana Müller, beim Stadtarchiv Dessau für Gedenkkultur zuständig. "Die Roma kamen aus Indien, sind seit mehr als 600 Jahren in Deutschland nachgewiesen. Im Mittelalter sperrten die Zünfte sie aus, sodass sie ihr Handwerk nicht stationär ausüben konnten. So zogen sie von Ort zu Ort, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist Quatsch, wenn gesagt wird, das Reisen habe ihnen ,im Blut' gelegen. Man zwang sie dazu."

Weltzel porträtierte die Familien in Artikeln und Aufsätzen, erlernte ihre Sprache, setzte sich noch 1939 für sie ein. "Er war nicht frei von Romantisierung und Überlegenheitsdenken, aber freundschaftlich, als das längst nicht mehr üblich war", sagt Jana Müller. Der Vorsitzende des Vereins Romano Sumnal aus Leipzig, Gjulner Sejdi, ergänzt: "Man sieht den Fotos von Hanns Weltzel an, dass der Fotograf den Personen auf seinen Bildern nahestand, dass er ihnen mit Respekt begegnete. Das unterscheidet Weltzels Fotos von denen der Polizei und der Nazis."

Die Roßlauer Jahre waren für Unku und ihre Leute von zunehmenden Schikanen geprägt. 1938 wurden alle Sinti und Roma aus Anhalt ausgewiesen. Die Nationalsozialisten zwangen sie in "Zigeunerlager", gelegen etwa auf den Rieselfeldern von Marzahn, wo die Berliner Abwässer versprüht wurden, oder am Stadtrand von Magdeburg. Männer, Frauen und Kinder lebten dort unter unwürdigen Bedingungen, während der NS-Staat, tatkräftig unterstützt von kommunalen Amtsträgern wie dem Magdeburger Bürgermeister, ihre endgültige Vernichtung plante und organisierte.

Raffaela Laubinger aus Braunschweig, Jahrgang 1961, wirkt noch heute bestürzt, wenn sie erzählt, das ihr Vater in den Nazi-Akten als "arbeitsscheu" verunglimpft wurde - da war er gerade zwölf Jahre alt. Hanns Weltzel fotografierte in den 1930ern auch ihre Familie. Von Jana Müller hatte Raffaela Laubinger vor anderthalb Jahren zum ersten Mal von der Existenz dieser Fotos erfahren, die seit Jahrzehnten in der Universität von Liverpool in Großbritannien lagerten und dort von einer Professorin für deutsche Geschichte, Eve Rosenhaft, wiederentdeckt wurden. Rosenhaft und Müller sind sich 2013 in Liverpool zum ersten Mal begegnet. Die Ausstellung "Vergiss die Fotos nicht..." ist ihre gemeinsame Arbeit, mit Unterstützung der betroffenen Familien.

Als die NS-Behörden das Aufenthaltsverbot für Sinti und Roma in Anhalt erließen, standen auf der einschlägigen Namensliste 58 Personen. Einschließlich der Kinder wurden rund 70 Sinti und Roma nach Magdeburg gebracht und dort interniert. Mitte Juni 1938 brach über die Unglücklichen eine Verhaftungswelle herein (Aktion "Arbeitsscheu Reich"), der auch Unkus Ehemann Otto Schmidt, genannt Mucki, zum Opfer fiel. Schmidt wurde im Konzentrationslager Buchenwald zu medizinischen Experimenten missbraucht, er starb dort. Zwei Monate nach seiner Verhaftung brachte Unku ein gemeinsames Kind zur Welt.

Bei der von Rassenideen und Überlegenheitswahn getriebenen Verfolgung der Sinti und Roma konnten die NS-Häscher auf Akten aus früheren Zeiten bauen. In München war schon 1899 eine eigene Polizeibehörde zur "Zigeunererfassung" gegründet worden. "Auch als es in der Weimarer Republik noch keine allgemeine Ausweispflicht gab, mussten Sinti und Roma immer Papiere mit sich führen", berichtet Jana Müller. Verfolgung und Ausgrenzung haben lange Tradition.

Es gehört zu den Skandalen der Nachkriegszeit, dass Polizeiakten und Unterlagen der NS-"Rasseforschung" weiter im Verkehr blieben. Noch 1956 erklärte der Bundesgerichtshof die Verfolgung von "Zigeunern" bis 1943 für "legitim", wofür das Gericht erst 2016 offiziell um Entschuldigung bat. Bis Anfang der 1980er Jahre war weitgehend unbekannt, das rund 500.000 Sinti und Roma von den Nationalsozialisten systematisch verfolgt und ermordet worden waren. Ein Dokumentationszentrum in Heidelberg, dem Sitz des Zentralrats der Sinti und Roma, wurde 1997 eröffnet.

Der sächsische AfD-Abgeordnete Carsten Hütter stellte am 13. Juni 2018, dem 80. Jahrestag der Aktion "Arbeitsscheu Reich" des NS-Staates, im Sächsischen Landtag eine Anfrage zu Sinti und Roma, deren Beantwortung eine ethnische Erfassung vorausgesetzt hätte, die es heute nicht mehr gibt. Jana Müller hält den Zeitpunkt nicht für einen Zufall. "Wer heute in die Gesichter dieser Menschen auf den Fotos blickt", sagt sie, "sollte nicht vergessen, dass alles mit ihrer Erfassung begonnen hat."

Für die wenigen überlebenden Sinti und Roma nach dem Krieg waren Polizeiakten und die Bilder von Hanns Weltzel oft die einzigen Zeugnisse, die von ihren Nächsten geblieben waren. In Köln haben sich 800 Personenakten, in Magdeburg etwa 600 und in Berlin 160 bis 180 Akten erhalten. Während Weltzels Vorkriegsfotos stolze, zufriedene, auch fröhliche Menschen zeigen, stecken in den Polizei- und Lagerakten ganz andere Bilder: erloschene, erschreckte Gesichter. "Auf den Fotos von Hanns Weltzel wussten die Menschen nicht, was vor ihnen lag", sagt Gjulner Sejdi. "Wir wissen es heute. Deshalb sind diese Bilder ein Appell: Vergessen Sie die Fotos nicht."

In der DDR lebten nach dem Krieg nur wenige Sinti- und Romafamilien. Hanns Weltzel warf ein sowjetisches Militärtribunal 1952 antikommunistische Betätigung vor. Er wurde nach Moskau gebracht und dort erschossen.

Raffaela Laubinger hat in der Bundesrepublik zwei Berufe erlernt, Friseurin und Bürokauffrau, und ist stolze Mutter dreier Kinder. Das historische Erbe belaste die Nachfahren sehr, viele seien auch krank geworden, sagt sie. Als beglückend empfindet sie es, dass ihre Tochter als Maskenbildnerin am Theater in Hildesheim arbeitet, ausgerechnet in jener Stadt, wo Sinti und Roma zum ersten Mal für Deutschland dokumentiert worden sind. Das war 1407. Seitdem leben sie hier.

Die Ausstellung "Vergiss die Fotos nicht, das ist sehr wichtig" ist noch bis zum 18. Oktober in der Riesa Efau Dresden zu sehen. Geöffnet ist montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr sowie von 16 bis 20 Uhr. Der Eintritt ist frei.

riesa-efau.de

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