Franz von Suppé: Der geniale Aufschneider

Er gilt als Schlüsselfigur bei der Entstehung der Wiener Operette: Der vor 200 Jahren in Dalmatien geborene Franz von Suppé hat aber nicht nur ein schillerndes Werk hinterlassen - seine Vita ist voller Kolportagen, Legenden und Erfindungen!

Am 24. November 1860 hatte seine erste Operette "Das Pensionat" am Theater an der Wien Premiere, fünf Wochen, nachdem am Carl-Theater der Offenbach-Hit "Ba-ta-clan", von Karl Treumann bearbeitet unter dem Titel "Tschin-Tschin" herausgekommen war: Das "Gift aus Frankreich" hatte Wien infiziert. Auch Franz von Suppé war gegen die nach Wien herüberschwappende Kunstform heiter-satirischen Musiktheaters nicht resistent: Der Erfolg der frivolen Werke des Kölner Parisers in Wien war sensationell und ließ bei der Direktion des Carl-Theaters den Wunsch aufkommen, solche "Operetten" selbst zu produzieren.

Wobei das Wort "Operette" das Wesentliche der Offenbachschen Werke, den Geist der gesellschafts- und autoritätskritischen, rebellischen Parodien und Satiren mit der "Vermenschlichung des Mythos', der Entkleidung des Autoritären, dem Durchbrechen von Denkverboten und der Infragestellung des Gegebenen" (Peter Hawig) nicht trifft. Die Wiener Operette ist nach Meinung Franz Hadamowskys und Heinz Ottes (beide schrieben das Standardwerk "Die Wiener Operette") im Gegensatz zu Offenbach, "ein unfassbares Etwas aus Musik und Tanz, aus Heiterkeit und Schönheit, ein Wiegen und Schweben, ein Locken und Halten, ein Wünschen und Träumen, eine selige Beschwingtheit und eine überirdische Stimmung".

Anders gesagt: Offenbach war der "Rückzug ins Kleinkarierte und Lebkuchenherzhafte" (Hawig), das Affirmative und Verklärende der Wiener Operette fremd. Auch musikalisch war die Offenbachiade anders gestrickt, weil sie "Muster und Bausteine, Klischees, Stereotypen und Vorprägungen anderer Komponisten und Stile" parodierte, spiegelte und karikierte. Das war weder die Sache des dämonisch-genialen Johann Strauß Sohn, der wie sein Vater aus den Tanzsälen zur Operette kam, noch eher die Sache Suppés. Und doch ist bei ihm "bis in die letzten Werke hinein der Atem Offenbachs zu spüren, wenn er nicht gerade vom Herzschlag Donizettis übertönt wird", wie Hans Dieter Roser in seiner Suppé-Monographie betont.

Suppés Herz "schlug eindeutig für die Belcanto-Opern Bellinis und Donizettis" und Rossinis. Daher verband er in seinen Werken Altwienerisches mit Italienischem. Und sein Œuvre, dessen Musik sich durch außergewöhnliche musikalische Qualität auszeichnet, ist äußerst umfangreich: Über 30 Opern und Operetten hat Suppé komponiert, zwei große Ballette und nahezu 200 Bühnenmusiken. Er war Kapellmeister in Baden, Preßburg, am Theater in der Josefstadt und am Theater an der Wien, wo er auch Schauspielmusiken, Ouvertüren und Couplets schrieb.

Franz von Suppé wurde am 18.April 1819 im heutigen Split als Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé-Demelli geboren. Sein Vater entstammte einer belgischen, später in Dalmatien lebenden Familie, seine Mutter war Wienerin. Bereits mit acht Jahren sang Francesco im Kirchenchor der Kathedrale von Split, dessen Chorleiter Giovanni Cigalla ihm erste musikalische Kenntnisse vermittelte. Flötenunterricht erhielt er vom Kapellmeister Giuseppe Ferrari. Mit 15 Jahren begann er eine Ausbildung zum Juristen an der Universität von Padua. In dieser Zeit besuchte er häufig Mailand und sah nicht nur die damaligen Opernaufführungen in der Scala, sondern trat auch in persönlichen Kontakt mit Gioacchino Rossini, Gaetano Donizetti und dem jungen Giuseppe Verdi.

Nach dem Tod seines Vaters zog er im September 1835 nach Wien und begann dort mit dem Medizinstudium, beendete dieses aber rasch wieder, um seine musikalische Karriere in Angriff zu nehmen. Er studierte am dortigen Konservatorium bei Simon Sechter und Ignaz Xaver von Seyfried. Nachdem er seine Studien am Konservatorium 1840 beendet hatte, fand der 21-jährige Suppé seine erste Stelle als Kapellmeister am Theater in der Josefstadt. Soweit die Legende - heute weiß man dank der Nachforschungen von Andreas Weigel und Hans Dieter Roser, dass ein Großteil davon reine Erfindung ist. Nachgewiesen ist, dass Suppés väterliche Vorfahren weder aus Belgien noch Cremona kamen. Vielmehr stammen sein Vater Peter, Großvater Franz und Ur-Großvater Peter allesamt aus dem Raum des heute kroatischen Rijeka. Darüber hinaus lautete der Mädchenname von Suppés Mutter nicht "Landovsky", wie oft zu lesen ist, sondern "Jandowsky". Die Lebensläufe von Suppés Ehefrauen, Therese und Sofie, sowie seiner Nachkommen blieben größtenteils im Dunkeln. Und doch werden bis heute die auf Otto Kellers 1905 veröffentlichter Monografie "Franz von Suppé. Der Schöpfer der Deutschen Operette" zurückgehenden Behauptungen, Anekdoten und Legenden gutgläubig nachgebetet, wie Theaterwissenschaftler Andreas Weigel moniert.

"Er hat einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1926 gefunden, der die ganze Abstammung Suppés penibel auflistet ... Suppé wollte sich schon in frühestem Ausbildungsalter wichtig machen, wie auch später noch öfters mit puren Erfindungen oder Auffälligkeiten (Schlafzimmer in der Wohnung im Theater an der Wien mit Totenkopftapeten). Italien war eben das Land der Musik, das ihm Geltung bringen konnte. Im Geburtsregister ist auch der Name Suppé ohne Akzent eingetragen (also Suppe), was in Dalmatien nicht so banal klang wie später in Wien. Er hat sich auch den italienischen Akzent selbst verpasst, wodurch er dann auch nachher aufgegeben hat, ihn im öffentlichen Leben bei Suppé zu korrigieren. Ebenso hat er sich den Cavaliere selbst angeeignet und die italienische Großmutter an den italienischen Suppé drangehängt. Alle diese biografischen Erfindungen und Legenden wurden im Hause Suppé wissentlich oder unwissentlich gepflegt. Das Studium in Padua ist Legende, Suppé war erst 1848 zum ersten Mal in Italien. Suppé hat auch in Wien nie an einem offiziellen Konservatorium studiert, denn es gab nur das der Musikfreunde auf der Tuchlauben, wo aus den Büchern eindeutig hervorgeht, dass er dort nicht war." (Hans-Dieter Roser). Von anderen Suppé-Legenden zu schweigen. Vieles sei "erstunken und erlogen", so Weigel.

Das "Zeitbrücke-Museum" der einstigen Kamptal-Sommerfrische Gars, wo Suppé zwischen 1876 und 1895 seine Sommer verbracht hat, feiert den 200. Geburtstag des weltberühmten Operetten-Komponisten mit einer Jubiläumsausstellung und einer reich bebilderten Begleit-Publikation (7. Juni bis 6. Oktober). Gezeigt werden ausgewählte Archiv- und Depot-Stücke aus Suppés Privatbesitz, die erstmals seit 1932 wieder der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Zudem werden erstmals anhand amtlicher Akten und privater Dokumente verbriefte biografische Fakten vorgelegt, die Ergebnis intensiver Recherchen Andreas Weigels sind und vieles, was bislang über Suppés Leben und Werk veröffentlicht wurde, grundlegend korrigieren.

So zweifelhaft Suppés überlieferte Vita auch ist, unzweifelhaft bleiben seine Leistung als enorm fleißiger Komponist und der musikalische Ausnahmerang seiner Werke. Er starb am 21. Mai 1895 in Wien. Nur wenige seiner zum Teil aberwitzigen, gewagten und höchst originellen Operetten werden heute noch gespielt, immerhin gräbt das Theater Chemnitz anlässlich des 200. Geburtstages die Operette "Der Teufel auf Erden" aus. Seine mitreißenden Ouvertüren gehören nach wie vor zum Standardrepertoire des Konzertlebens der "leichten" Muse, ob "Die Schöne Galathée", "Leichte Kavallerie", "Dichter und Bauer" oder "Boccaccio".

Krachen ließ Suppé es in seinen Märschen. Der aus der Operette "Fatinitza" wurde zur Grundlage eines Berliner Gassenhauers.

Das Duett "Hab ich nur deine Liebe" aus "Boccaccio" mit Anneliese Rothenberger und Rudolf Schock ist ein Opern-Standard.

Ein Klassiker aus Suppés Melodienschmiede ist die Ouvertüre zu seiner Operette "Leichte Kavallerie".

Leichte Muse war eine Kernkompetenz von Suppé. Dass er auch ganz anders konnte, zeigt er in seinem Requiem.

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