Frauen in Bewegung

Das Bauhaus propagierte auch die Gleichheit der Geschlechter. Die Wirklichkeit war und ist jedoch weit davon entfernt - bis heute.

Wer war Michiko Yamawaki? Und Gertrud Grunow, Ré Soupault, Katt Both, Lotte Stam-Beese, Lucia Moholy, Kitty van de Mijll Dekker, Friedl Dicker-Brandeis?

Michiko Yamawaki hat nicht einmal einen eigenen Wikipedia-Eintrag - aber immerhin wird sie im Artikel über ihren Mann Iwao Yamawaki erwähnt. Sie haben beide am Bauhaus studiert - was sie mit all den anderen eben genannten Frauen gemeinsam haben, die heute kaum mehr bekannt sind. Das ändert sich zwar gerade - anlässlich des 100. Jahres des Bauhauses gibt es zahlreiche Bücher über Frauen an der staatlichen Schule, auch die Webseite bauhaus100.de verzeichnet viele Studentinnen und die wenigen weiblichen Lehrenden am Bauhaus. Dennoch sind hier Entdeckungen zu machen - künstlerisch wie menschlich.

Michiko Yamawaki (1910 - 2000) studierte vor allem in Dessau Weberei bei Gunta Stölzl, der ersten Bauhausmeisterin. 1932 ging sie zurück nach Japan, lehrte an einer dem Bauhaus ähnlichen Schule in Tokio und wurde berühmt für ihre Modekreationen, soll aber auch im Zweiten Weltkrieg mit dem japanischen faschistischen Regime zusammengearbeitet haben. Später geriet sie in Vergessenheit.

Gertrud Grunow (1870 - 1944) war eigentlich Sängerin, wurde am Bauhaus Meisterin der Formlehre, erforschte aber vor allem den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Handeln, wobei sie erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen der Klang- und Farbwahrnehmung feststellte.

Ré Soupault (1901 - 1996) war Modegestalterin und Fotografin. Sie studierte von 1921 bis 1925 am Bauhaus. Sie illustrierte unter anderem die Reportagen ihres Mannes, des Surrealisten und Journalisten Philippe Soupault. Katt Both (1900 - 1985) arbeitete nach ihrem Studium als Architektin und Fotografin. Lotte Stam-Beese (1903 - 1988) studierte ab 1926 am Bauhaus, unter anderem Architektur. Nach ihrer Bauhauszeit arbeitete sie weiter mit dem ehemaligen Bauhausdirektor Hannes Meyer zusammen, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war sie am Wiederaufbau des zerbombten Rotterdams beteiligt. Lucia Moholy (1894 - 1984) war ebenfalls Fotografin. Sie war von 1923 bis 1928 mit ihrem damaligen Mann, Laszlo Moholy-Nagy, am Bauhaus tätig. Kitty van de Mijll Dekker (1908 - 2004) erhielt 1932 ihr Bauhaus-Diplom und wurde in den Niederlanden eine bedeutende Textilgestalterin. Friedl Dicker-Brandeis (1898 - 1944) war 1919 Johannes Itten ans Bauhaus nach Weimar gefolgt, sie war Malerin, Kunsthandwerkerin und Innenarchitektin. In ihrer Kunst setzte sie sich auch mit der Entwicklung zum Faschismus hin auseinander, dem sie zum Opfer fiel. 1942 wurde sie mit ihrem Mann ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie noch Zeichenkurse für Kinder organisierte. 1944 wurde sie im KZ Auschwitz ermordet.

Frauen am Bauhaus - das muss so leicht und so schwer gewesen sein, wie es für Frauen auch sonst im Leben war, trotz erstarkender Frauenbewegung, trotz Rosa Luxemburg, die eine der ersten einflussreichen Politikerinnen war und nicht nur Frauen ein Vorbild an warmherziger, kluger Konsequenz und Menschlichkeit sein konnte.

"Helfen Sie mit!" heißt eine Fotocollage von Marianne Brandt aus dem Jahr 1926, die sie auf der Rückseite mit "Die Frauenbewegte" bezeichnet hat. Die Collage zeigt im Vordergrund eine selbstbewusste, junge, fast etwas kecke Frau mit Brille und Tabakspfeife. Auf dem Rand ihres Hutes tänzelt ein Boxer, klettert ein Faultier, rechts von ihr Boote, links eine gewaltige Explosionswolke, darunter ein Massengrab aus dem noch nicht so lange vergangenen Weltkrieg. Weit vorn eine weibliche, fast antike Statue, langsam vorwärtsgehend und der modernen Frau den Rücken zuwendend.

Die Collage, die nicht nur die Metallgestalterin Marianne Brandt auch als einfallsreiche Fotografikerin ausweist, fasst originell und mit einem noch optimistischen Augenzwinkern die Situation der Frauen nach dem Ersten Weltkrieg zusammen. Zuerst die Kämpfe, das große Schlachten, das viele Millionen Menschen das Leben gekostet hatte - dann geht das Leben weiter, unter neuen Vorzeichen, mit neuen Verunsicherungen, auch für die Männer. Die Novemberrevolution hatte den Frauen in Deutschland erstmals das Wahlrecht gebracht, aber noch längst keine Gleichberechtigung. Immerhin konnten die Männer schon wieder Brot und Spielen nachgehen.

Ganz ähnlich war das am Bauhaus. Zwar hatte Walter Gropius gleich zu Beginn versprochen: "Keine Unterschiede zwischen dem schönen und starken Geschlecht. Absolute Gleichberechtigung, aber auch absolute gleiche Pflichten in der Arbeit aller Handwerker." Im ersten Sommersemester 1919 hatten sich sogar mehr Frauen als Männer als Studierende am Bauhaus eingeschrieben. Aber bald drängten die Männer die Frauen - wenn auch nicht an den Herd, so aber in die scheinbar "leichteren" Abteilungen zurück. So zitiert Anja Baumhoff in dem umfassenden Kompendium "Bauhaus" einen Brief von Walter Gropius aus dem Jahr 1921: "Nach unseren Erfahrungen ist es nicht ratsam, dass Frauen in schweren Handwerksbetrieben wie Tischlerei usw. arbeiten. Aus diesem Grund bildet sich im Bauhaus mehr und mehr eine ausgesprochene Frauenabteilung heraus, die sich namentlich mit textilen Arbeiten beschäftigt, auch Buchbinderei und Töpferei nehmen Frauen auf. Gegen Ausbildung von Architektinnen sprechen wir uns grundsätzlich aus."

Das bekam auch Marianne Brandt zu spüren. Oft zitiert ist ihr Rückblick aus dem "Brief an die junge Generation": "Zuerst wurde ich nicht eben freudig aufgenommen: Eine Frau gehört nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung. Man gestand mir das später ein und hat dieser Meinung Ausdruck zu verleihen gewusst, indem man mir vorwiegend langweilig-mühsame Arbeit auftrug. Wieviel kleine Halbkugeln in sprödem Neusilber habe ich mit größter Ausdauer in der Anke angeschlagen und gedacht, das müsse so sein und 'aller Anfang ist schwer'! Später haben wir uns dann prächtig arrangiert und uns gut aufeinander eingestellt." Das Bauhaus war auch ein Kind seiner Zeit - der Zeit einer gerade erst beginnenden Debatte über eine ebenso erst beginnende Realität der wirklichen Gleichberechtigung der Geschlechter, die bis in die Gegenwart hinein nicht abgeschlossen ist.

Marianne Brandt ist bis heute neben Gunta Stölzl die wohl bekannteste Bauhäuslerin. Gunta Stölzl hatte 1919 begonnen, am Bauhaus zu studieren. 1925/26 war sie Werkmeisterin der Weberei-Werkstatt, danach bis 1931 Leiterin der Weberei. Als die Nazis an die Macht kamen, emigrierte sie in die Schweiz, wo sie bis zu ihrem Tod 1983 als bedeutende Textilgestalterin und Weberin arbeitete.

Das relative Glück einer solchen fast ungebrochenen Karriere hatten nicht viele Frauen, die am Bauhaus gelernt oder gelehrt hatten. Die Nazis und der Krieg brachen die Biografien. Die Chemnitzerin Marianne Brandt hatte dieses Glück nicht. Einer, der ihr Werk und später ihr Andenken lange vor allen offiziellen Anerkennungen und Straßenbenennungen in Ehren hielt, ist der in Chemnitz lebende Karl Clauss Dietel. Als Student an der Kunsthochschule Weißensee selbst noch von Bauhaus-Lehrern geprägt, hat er sich oft und frühzeitig einfühlsam für die Künstlerin eingesetzt. In einem Vorwort für das Buch "Marianne Brandt" von Anne-Kathrin Weise lässt er dies noch einmal Revue passieren - in bauhaustypischer Kleinschreibung und beispielhaft für den Umgang mit den zu Unrecht Vergessenen der Geschichte.

Darin heißt es: "als ich ihr um 1964 und wissend um ihre gestalterische größe erstmals begegnete, war ich erschrocken. sie verhielt sich fast introvertiert, extrem vorsichtig und mißtrauisch. ihr leben seit 1933 heute bedenkend, war dies nicht verwunderlich. ... sie hatte ja nicht vergessen, was sie in ihrer ersten großen zeit in weimar und dessau alles bewirkt hatte. nur wenige am BAUHAUS hatten so wie sie eine große symbiose von hohem künstlerischen anspruch und gleichzeitigem zuschnitt auf das technisch-serielle des zeitalters erreicht. exemplarisch für jene aus dem industriellen umfeld ihrer geburtsstadt gewonnene gestalterische größe steht ihr tee-extraktkännchen von 1924. es wird wohl als ein herausragendes beispiel von produktform des 20. jahrhunderts in die geschichte eingehen."

Marianne Brandt erlebte ihre späte Anerkennung kaum noch, wenngleich das Interesse an ihren Arbeiten in den 1970er-Jahren langsam wieder erwachte. 1966 schrieb sie an Marthe und Bernhard Bernson, alte Freunde aus der Weimarer Zeit: "Von mir ist nicht viel, doch als Extrakt zu sagen: gehe schon seit Jahren lahm, am Stock, komme selten zu künstlerischer Arbeit, doch ist diese noch immer meine einzige mich erfüllende Tätigkeit. Schon seit 10 Jahren nicht mehr in festem Beruf lebe ich mit einer Schwester im alten ziemlich mitgenommenen Elternhause." Mit Mühe erkämpften ihre Freundin, die Kunsthandwerkerin Lieselotte Lange, Karl Clauss Dietel und der Kunstwissenschaftler Heinz Hirdina 1977 einen Platz im Vierbettzimmer des Altersheims Kirchberg. Zum 85. Geburtstag kamen Glückwünsche aus aller Welt, auch von ehemaligen Bauhaus-Kolleginnen und -Kollegen. Aber gesundheitlich ging es ihr immer schlechter. Am 18. Juni 1983 starb Marianne Brandt, zur Beerdigung auf dem Nikolaifriedhof in Chemnitz kamen nur wenige Menschen, die Karl Clauss Dietels Mahnung hörten, das Werk der weltbekannten Gestalterin endlich auch in ihrer Heimatstadt zu würdigen. Bis ins hohe Alter hinein hatte Marianne Brandt rote Haare getragen: eine Erinnerung ans Bauhaus; einmal Bauhaus - immer Bauhaus.

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