Frauen, ne, kennste?

Oh Gott, eine lustige Frau! Carolin Kebekus balanciert clever und sehr erfolgreich zwischen Genderklischee-Klamauk und politischem Feminismus. Am Freitagabend war sie mit ihrem aktuellen Stand-Up-Programm "Pussynation" zu Gast in der ausverkauften Chemnitzer Messe.

Chemnitz.

Die Chemnitzer Messe ist ein nüchterner Ort, manchmal auch ein Ort der Ernüchterung: Das Licht kalt und grell, das Bier teuer, die Stühle im Innenraum lieblos aneinandergereiht, das Programm bietet einen verlässlichen Querschnitt deutscher Freizeitinteressen: Pferdeshow, Modelleisenbahnmesse, Andrea Berg, Mario Barth. Hobbykeller, Schlager, Kalauer.

"Wer glaubt, das Thema Mann/ Frau sei irgendwann erschöpft, irrt", heißt es ziemlich mutig im Ankündigungstext für den "beliebtesten deutschen Comedian". Nee, nee Freundchen, möchte man dem Veranstaltungskalender entgegen rufen, das Thema ist nicht nur so was von erschöpft, es ist vor allem erschöpfend. Am deutschen Massenhumor aber scheint das abzuprallen, der ist eine stabil geziegelte Mauer aus Klischees und Stereotypen, die so schnell nichts erschüttert. Kein Wunder: Googelt man "Deutsche Comedians", spuckt die Suchmaschine etwa 80 Millionen Männer aus, dazwischen gerade mal eine Handvoll Frauen, und man fragt sich, was die Suchtreffer repräsentativ über unsere Gesellschaft aussagen. Ganz vorne gelistet, also nicht ganz ganz vorne, da ist natürlich Mario Barth, aber an sechster Stelle, findet man Carolin Kebekus. Und über ihrem Namen schwebt direkt das erste Vorurteil: "Ist das nicht so eine Art Mario Barth für Frauen?"

Die gebürtige Kölnerin hat die deutsche Comedy-Klaviatur schon durchgespielt: Sie macht Sketche, Parodien, Stand-Up, singt gern, schauspielert. Ihre Karriere begann 1999 als Praktikantin bei den "RTL Freitag Nacht News". Seit 2011 tourt sie mit eigenem Soloprogramm, seit 2015 hat sie ihre eigene Show im Öffentlich-Rechtlichen, Pussyterror TV. Kebekus gehört zum Ensemble der Heute Show, man trifft sie auch in der "Anstalt", bei "Sketch History", bei Dieter Nuhr. Sie hat sich mit der Kirche angelegt und mit Helene Fischer. Beides ist in Deutschland ungefähr gleich blasphemisch. Letzteres sogar gefährlich.

"Pussynation" heißt ihr aktuelles Live-Programm, mit dem sie Freitagabend in der Chemnitzer Messe auftrat - ausverkauft. Kebekus ist laut, derb, immer ein bisschen drüber, und sie sieht gut dabei aus, das reicht schon, um Moralisten und Trolle zu triggern. Die, die ihr das Feministischsein absprechen wollen, weil sie dabei Minirock trägt und gern über Sex redet. Die, die immer noch nicht begriffen haben, was Emanzipation heißt, nämlich, dass man beides tun und alles sein kann: Feministin sein und Sex haben. Auf der Bühne kurze Kleider und politische Themen tragen. Oder Frau und lustig sein. "Frauen können alles", sagt sie im Programm. Alles, außer lustig sein eben. Das ist eine 2019 nach wie vor geläufige Meinung, eine, die man immer wieder zu hören bekommt. "Frauen lustig", das kann man googeln und sich Foren-Beiträge darüber durchlesen, warum ausnahmslos alle Frauen einfach nicht lustig sind. Die Evolution ist schuld, sagen manche, Jäger-Sammler-Kram, Männer bringen das Geld heim, Frauen kochen das Essen. Männer führen Balztänze auf, Frauen wählen den besten Balztänzer aus. Männer machen die Witze, Frauen lachen. Erschöpfend.

Carolin Kebekus hat der Evolution scheinbar den Mittelfinger gezeigt, denn sie ist so ein angeblicher Sonderfall einer lustigen Frau, wobei lustig relativ ist. Das Publikum in Chemnitz lacht jedenfalls, laut, herzhaft, schamhaft, peinlich berührt, verstehend. Wie so oft bei deutscher Comedy ernten die plakativsten Themen die fettesten Lacher, offenbaren die fettesten Lacher die schmerzhaftesten Wahrheiten. Wenn es um Intimenthaarung und Besoffensein geht, um typische Comedythemen eben, bei denen man sich fragt, warum sie immer wieder so gut funktionieren, obwohl sie so offensichtlich platt sind. Egal, sie funktionieren. Weil sie aus dem Alltag gegriffen sind, und weil der Alltag meistens eben nicht philosophisch, geistreich, elegant, ironisch ist, sondern ganz oft einfach nur banal. Kebekus greift ihre Anekdoten und Pointen aus dem Alltag von Frauen. Es geht um Frauenzeitschriften und Schönheitsideale, Dating und die digitale Selfie-Selbstsucht und natürlich um Tampons und Menstruation. Es geht aber auch um sexuelle Selbstbestimmung, Paragraf 218, eine zunehmend empathiefreie Gesellschaft, um Halle, um Hatespeech.

Denn Kebekus steht da oben mit klarer Haltung, scheut die politische Positionierung nicht - oder Pussytionierung, wie es in ihrer Welt auch heißen könnte, nimmt sich nicht aus der Verantwortung. Sie macht eben nicht nur kuschelige Wohlfühl-Comedy, die niemandem wehtun will. Live wirkt das alles radikaler, wütender, energischer als in der Fernsehsendung Pussyterror TV, die häufig nur so okay ist. Kebekus weiß, dass Sprache auch mal wehtun muss, um wirksam zu sein. Für eine Frau ist sie ziemlich vulgär, wütend, laut, könnte man jetzt sagen. Für eine Frau ist sie sehr erfolgreich in einer Domäne, die Männer gern für sich beanspruchen. Für eine Frau ist sie ziemlich lustig. Oder man sagt: Eine ganz normale Frau eben.

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