Für Silbermann Pedale getauscht

Heute beginnen in Mittelsachsen die 23. Silbermanntage. Ihnen ging vor 13 Tagen ein ungewöhnlicher Prolog voraus.

Freiberg.

Nein, mit den Profiradlern der Tour de France mag sich Clemens Lucke nicht vergleichen. Obwohl sich der Kantor und Organist der Freiberger Petrikirche zumindest am Donnerstag vorvergangener Woche auf respektabelste Art und Weise in deren Sphären bewegt hat. Quasi als Prolog zu den am heutigen Mittwoch beginnenden Silbermanntagen schwang sich der 33-Jährige aufs Fahrrad und klapperte binnen elfeinhalb Stunden alle Konzertorte der diesjährigen Musikfestspiele zu Ehren des großen Orgelbaumeisters ab: Von Schneeberg ging es über Marienberg, Forchheim, Cämmerswalde nach Freiberg, dann weiter über Bieberstein, Herzogswalde und Reinhardtsgrimma nach Dresden. An jeder Station empfingen ihn die jeweils Verantwortlichen der dort anberaumten Konzerte mindestens mit einer Erfrischung. Kristine Schmidt-Köpf und Claudia Kallmeier von der Silbermann-Gesellschaft, deren Vizepräsident Lucke ist, begleiteten seine "Tour de Saxe" mit dem Auto.

Am Ende standen 223 Kilometer mehr auf Luckes Tacho - nur eine der 21 Etappen der diesjährigen "Tour de France" war länger. Die im Frühsommer von Albrecht Koch, Künstlerischer Leiter der Silbermanntage, ersonnene Marketingaktion traf den begeisterten Amateurradler freilich nicht unvorbereitet. Im Allgemeinen verbringt der Kirchenmusiker, der sich speziell der Silbermann-Orgel wegen nach Freiberg beworben hatte, aber auch gern in Leipzig auf der Welte-Kinoorgel im Grassimuseum Stummfilme begleitet, einen großen Teil seiner Freizeit im Sattel. Und speziell in seinem diesjährigen Sommerurlaub hatte Lucke per Fahrrad einmal die Ostsee umrundet - von Dänemark über Schweden, Finnland, das Baltikum und Polen zurück nach Deutschland. Rund 4000 Kilometer binnen vier Wochen: "Das waren schon durchschnittlich 150 Kilometer am Tag", schätzt der Organist.

Und man kann diese besondere, nicht von jedem Organisten gepflegte Form der Pedalarbeit auch als seine ganz persönliche Interpretation des diesjährigen Mottos der Silbermanntage deuten: "Musik & Macht" - Macht hier im Sinne vom Vermögen, Außergewöhnliches zu vollbringen. Weil man es kann. Unter diesem Grundgedanken haben auch in vergangenen Jahrhunderten Mächtige Musik eingesetzt, indem sie lebende, tönende Bilder schaffen ließen. Das indes ist nur eine Facette des 27 öffentliche Veranstaltungen umfassenden Programms. Mit dem werden die Silbermanntage dieses Jahr versuchen, die Besucherzahlen von 2017, als 7000 Zuhörer zu den Konzerten kamen, zu überbieten. Das geht gleich mit dem Eröffnungskonzert "Musik für Könige - Von Versailles nach Dresden" los, in dem unter anderem neben Marc-Antoine Charpentiers (um 1643 - 1704) "Te Deum" die Missa 1733 Johann Sebastian Bachs erklingt. Das ist die kurze Urfassung seiner Messe in h-Moll, die der Leipziger Protestant auf lateinische Liturgietexte für den katholischen Dresdner Hof komponierte.

Eine musikalische Tour zu den Fürstenhöfen der Barockzeit verspricht das Konzert des Trompeten Consort Clarini am 10. September in der Kirche des Pockau-Lengefelder Ortsteils Forchheim. Es stellt prachtvolle Trompetenklänge in den Mittelpunkt, unter anderem sind bei dieser seltenen Gelegenheit die originalen silbernen Trompeten der Sächsischen Garde du Corps von 1753 zu hören, die für gewöhnlich das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden unter Verschluss hält. Der Schauspieler Christian Bergmann schlüpft in die Rolle des Trompeters Johann Ernst Altenburg, der im 18.Jahrhundert lebte, und versuchen wird, ein wenig vom Zeitkolorit der barocken Höfe Europas zu vermitteln. An der Silbermann-Orgel von 1726 ist Gerhard Löffler, Organist der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg, zu erleben.

Eine weitere, zeitgenössische Interaktion von Orgel und Schauspiel ist bereits am Samstag, 7.September in der Marienberger Marienkirche zu erleben. Wieder geht es um Macht: "Hiob" ist der Orgelzyklus des tschechischen Komponisten Petr Eben (1929 - 2007) betitelt, der das Schicksal der alttestamentarischen Figur beschreibt, die zum Spielball bei einer Wette zwischen Gott und Teufel wird. Das Derevo-Laboratorium untersetzt das Ganze mit seiner Tanzperformance, als Sprecher wurde der viel beschäftigte renommierte Schauspieler - und Pfarrerssohn - Ulrich Noethen gewonnen.

Besonders freut sich Lucke auf ein Konzert, bei dem am 13. September abermals die Beziehung Bachs zur weltlichen Macht deutlich wird - und zugleich die andere Facette des Schaffens von Johann Gottfried Silbermann: Auf Schloss Bieberstein in Mittelsachsen spielt das Kammerensemble La Divina Armonia mit ihrem Gründer und Leiter Lorenzo Ghielmi "Das Musikalische Opfer". Dieses Spätwerk Bachs umfasst eine Reihe von kontrapunktischen Sätzen zu einem Thema, das König Friedrich II. "der Große" Bach bei dessen Besuch in Potsdam vorgelegt hatte. Ghielmi begleitet sein Ensemble dabei auf einem Hammerflügel nach silbermannscher Bauart.

Im Zuge der Silbermanntage findet in Freiberg und Langhennersdorf der 14. internationale Gottfried-Silbermann-Orgelwettbewerb statt. Dazu konnten sich bis Ende Mai junge Organisten im Alter bis 31 Jahren bewerben. Laut Claudia Kallmeier, Pressesprecherin der Silbermanntage, umfasst die Konkurrenz 26 Teilnehmer aus sieben europäischen Ländern sowie aus Südkorea, Japan, Australien und Neuseeland.

www.silbermann.org

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