Gemogel über Bord

Das Chemnitzer Dunkeltanzduo Accessory pflegt auf seinem neuen Album "Elektrik" die Genre- grenzen des EBM ebenso liebevoll, wie sie sie lustvoll aus den Angeln hebt.

Chemnitz.

Da mochten sich die Vertreter der Electronic Body Music (EBM) von "Hellectro" bis "Futurepop" noch so klingende Subgenre-Namen ausdenken, um kleinsten Variationen im Tanzbeingeprügel etwas Innovationsanmutung aufs Oberflächenblech zu hauchen: Ohne Retro geht beim EBM seit ungefähr 1990 nix - da kommen auch seltene Nach-Oben-Ausreißer wie The Retrosic oder Covenant kaum dran vorbei. Obwohl: Auf kleinen Trampelpfaden hat sich das Chemnitzer Szeneduo Accessory schon immer etwas an den Rumms-Standards des Genres vorbeigemogelt, während es wie alle anderen inbrünstig jenem "4-Viertel-In-die-Magengrube"-Beat huldigte, nach dem es das schwarze Tanzvolk zwischen Wave-Gotik- Treffen und Chemnitzer "Fuchsbau" nun einmal dürstet. Kein Wunder: Frontmann Dirk Steyer, der die Musik schreibt und produziert, ist ein weltoffener Freigeist, der sich seit jeher auch stetigen frischen Musikwind aller elektronischen Art frisch und freundlich durch die Ohren pfeifen lässt. Das war stets angenehm, verlieh es dem rabenschwarze Klangfederkleid Accessorys doch einen feinen Regenbogenschimmer. Allerdings schliff sich die Band dabei etwas unschlüssig die Kante von der Vehemenz.

Sechs Jahre nach "Resurrection" hat das Duo nun den Fehler gefunden - und das Andeutungsprinzip über Bord geworfen. Steyer, der in den letzten Jahren neben seinem Job als Rettungssanitäter hinter den Szenekulissen ein hochklassiges Mastering-Studio aufgebaut hat, wagt auf dem neuen Album im Sinn des programmatisch weit gefassten Titels "Elektrik" eine herzhafte Rundumschau aller alten und neuen Strömungen dunkler wie heller Synthetik-Musik. Sein neuer Trick: Der gute alte EBM-Knüppel wird nicht mehr verstohlen, sondern mit grimmigem Genuss aus dem Sack gezogen - gleichzeitig lässt Steyer den Maschinenpark voll hemmungsloser Lust auf poppigen oder technoiden Nebenschauplätzen mitsägen. Dunkle Vorbehalte gegen Zuckerstreuselmelodien hat er - bei aller Liebe zum Düsterklub - kaum und vertraut stattdessen auf seine fette Produktionskunst, sodass "Elektrik" auf eigenwillig geschmeidige Weise in die Weichteile tritt. Wer Tyske Ludder, Agonoize, E-Craft oder gar Front 242 für die höchste Entwicklungsstufe jeglicher Klangkunst hält, dürfte daher bei "Elektrik" an einigen Stellen leer schlucken. Wer aber gelegentliche Sonnenstrahlen in der privaten Dunkelkammer tänzerisch bereichernd findet, fasst hier reichlich Endorphine ab!

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