Gespenster und Halloween

Mit Hitlergruß-Skulpturen will der Künstler Rainer Opolka vor einer Rückkehr des Faschismus warnen. Allerdings hätte er sich dazu aktuell kaum einen schlechteren Standort aussuchen können als den vor dem Karl-Marx-Kopf in Chemnitz: Eine Betrachtung.

Chemnitz.

Der Begriff Provokation kommt vom lateinischen Wort für "herausfordern": Wer provoziert, will demnach beim Gegenüber eine im besten Fall sinnstiftende Reaktion hervorrufen. Was ein guter Trick ist, denn so lassen sich eingefahrene Denk- oder Debattenmuster gut aufbrechen; werden Menschen gezwungen, sich aus der Deckung zu wagen.

Das klingt nach etwas, das man in der aktuellen Debatte gut brauchen könnte - und der Künstler Rainer Opolka will nach eigenen Worten auch nichts anderes erreichen mit seinen zehn Wolfsskulpturen, die er am Donnerstag vor den Chemnitzer Karl-Marx-Kopf gestellt hat. "Wir brauchen Mittel gegen die Angst und das hitzige Fieber, welches unser Land ergriffen hat, und Lösungen gegen Hass und Gewalt", schreibt er auf seiner Internetseite zu der relativ spontanen Aktion. Die Skulpturen-Installation "Die Wolfe sind zurück" zeigt Opolka bereits seit 2016 deutschlandweit. In Dresden, Berlin und Potsdam sahen schätzungsweise 250.000 Besucher die Skulpturen-Botschaft, und auch zur Urteilsverkündung im NSU-Prozess hatte der Künstler einen Teil seiner Figuren vor dem Oberlandesgericht München aufgestellt. Scheint es da nicht ausgesprochen passend, die Wolfe nach den Ereignissen der letzten Wochen direkt auf den Laster zu packen und nach Chemnitz zu fahren?

Nein, denn die Skulpturen wirken hier gerade null provokant. Sie fordern an dieser Stelle nichts und niemanden zu irgendwas heraus. Gut möglich, dass die marktschreierisch deutlich modulierte Wolfsgruppe den bürgerlichen Trott einer Metropole durcheinanderwirbelt, wenn Passanten unvermutet beim Einkaufsbummel darüber stolpern. Doch vor dem Karl-Marx-Kopf muss jetzt wirklich niemand an die Existenz von Neonazis in der Mitte der Gesellschaft erinnert werden - die Wölfe wirken eher wie unpassende Karikaturen dessen, was sich genau an ihrem Standort vor kurzem abgespielt hat. Eine arg subkomplexe Symbolik macht sie dabei zur Zeigefingerkunst, die unangenehm zu finden man selbst dann nicht umhinkommt, wenn man das grundsätzliche Anliegen der Aktion eigentlich aus tiefem Herzen teilt. Hier wird aber weder zu irgend etwas angeregt noch irgend ein hilfreicher Gedanke für die aktuellen Debatten geweckt oder gar eine neue Perspektive geöffnet - Opolkas Wolfsgruppe bildet weder den Schrecken der Chemnitzer Naziaufmärsche ab noch entwickelt sie irgendetwas von jener Gegenkraft, die das einfache "Wir-sind-mehr"-Konzert eine Woche danach greifbar in die Luft der Stadt brannte. Stattdessen wirken die Bronze- und Eisenfiguren nur wie verspätet angekarrt, man hatte eben nichts anders zu Hand. Das ist, als würde man jemanden, der gerade ein echtes Gespenst gesehen hat, nochmal mit einem Halloweenkostüm erschrecken wollen. Man könnte die Aktion ja als "irgendwie Kunst" abhaken. Doch leider musste der Initiator auch noch Riesentransparente mit unoriginellen Holzhammerparolen danebenstellen - falls irgendwer den Zusammenhang "böse Wölfe" und "Faschisten" nicht verstanden haben sollte. Dabei ist dann auch noch der Satz "Herr Maaßen und Herr Seehofer: Rechtsradikalismus ist die Mutter aller Probleme" genauso falsch geraten wie die politische Phrase, die er kritisierten will. Ärgerlich! Was die Aktion eventuell schaffen könnte, ist, die Wut des einen oder anderen schon reichlich aufgeschäumten "Asylkritikers" zu verstärken - ob das irgendetwas bringt?

Gedicht des Tages

Wölfe

Von Matthias Zwarg

Wölfe im Mondlicht vor dem Haus

Die Ohren gespitzt, die Augen gradaus

Angst kriecht aus vergilbten Büchern

Und nichts ist in trockenen Tüchern.

 

Das Gewehr im alten Schrank

Ein Schuss, getroffen, Gott sei Dank.

Dem Bösen muss man böse kommen.

 

Einer aber schweigt beklommen

Und geht ins Dunkel aus dem Licht:

Wölfe töten ihresgleichen nicht.

Bewertung des Artikels: Ø 3.8 Sterne bei 5 Bewertungen
2Kommentare
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  • 2
    0
    Hinterfragt
    14.09.2018

    Danke Herr Hofmann.

    Die ganz kurze Kurzform des Artikel gibt es unter:
    https://www.freiepresse.de/chemnitz/so-reagieren-kuenstler-auf-chemnitz-artikel10309363
    im Eröffnungskommentar.

  • 4
    0
    Hankman
    14.09.2018

    Ich stimme dem Autor zu, was die Transparente betrifft. Die waren tatsächlich überflüssig, weil sie einem auf oberlehrerhafte Weise das Denken abnehmen sollten - was ja wiederum der Zweck der Provokation gewesen wäre. Aber ansonsten finde ich: eine gute Aktion. Denn ich habe das Gefühl, es haben eben viele noch nicht begriffen, was da bei den rechten Demos aus dem Bau gekrochen ist und sich unter die besorgten Bürger gemischt hat. Und wem sie da vielleicht nachgelaufen sind. Alles nicht so schlimm? Doch, war es.



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