Gestalter des seelischen Materials

Die "Freie Presse" stellt Schätze aus 100 Jahren Kunstsammlungen Chemnitz vor. Heute: Wilhelm Lehmbrucks "Kopf eines Denkers" (1918)

Man sieht, man fühlt sie förmlich, die Gedanken, unter denen sich der "Kopf eines Denkers" leicht beugt. Der Blick gesenkt, der Mund fast etwas trotzig zu einer schmalen Linie geschlossen. Die Hand ballt sich in Herzform vor der Brust, in der Gegend des Herzens. Als könnte das Denken doch noch in die Tat der Hand münden, als sei das Denken auch eine Herzenssache.

Als Wilhelm Lehmbruck 1918 diese etwa 60 Zentimeter hohe Steingussplastik schuf, kannte er den athletischen "Denker" (frz. Penseur) Auguste Rodins. Seinen künstlerischen Ansatz beschrieb er: "Sehen Sie, das ist meine Konzeption eines Denkers. Rodins 'Penseur' ist so muskulös wie ein Boxer. Was wir Expressionisten suchen, ist: präzis aus unserem Material den geistigen Gehalt herausziehen; seinen äußersten Ausdruck" gewinnen - dafür wurde Wilhelm Lehmbruck berühmt.

Anfangs vom Naturalismus beeinflusst, löste sich der 1881 in Duisburg geborene Bildhauer, der in Düsseldorf studiert hatte, mehr und mehr vom realen Vorbild und vergeistigte seine Figuren in bis dahin unbekanntem Maße. Schon vor dem Ersten Weltkrieg scheint Lehmbruck in seinen schmalen, oft leidend wirkenden weiblichen und männlichen Figuren die Folgen des Völkermordens vorwegzunehmen. Nicht der Geist würde siegen, sondern die nackte Gewalt. Der Mensch war gerade dabei, sich seiner selbst bewusst zu werden, als nationalistische und ökonomische Interessen sich im bis dahin unmenschlichsten Krieg entluden. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs musste Wilhelm Lehmbruck, der bis 1914 in Paris gelebt hatte, nach Deutschland zurückkehren. Er wurde zunächst als Sanitäter verpflichtet, arbeitete danach als Kriegsmaler, bevor er wegen Schwerhörigkeit freigestellt wurde. Der Heldenverehrung verweigerte er sich. Als ihn seine Geburtsstadt Duisburg 1915 zu einem Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal einlud, schuf er statt des gewünschten "siegenden Siegfrieds" einen "Gestürzten", der hilflos seinen Nacken dem Tod darbietet. Ganz ähnlich muss sich Wilhelm Lehmbruck selbst gefühlt haben. Er litt zunehmend unter Depressionen, einer unglücklichen Liebe, Krankheit - und wohl auch daran, dass der Geist der Macht des Materiellen unterlegen war. Am 25. März 1919 nahm er sich in Berlin das Leben.

Schon zu Lebzeiten hatte ihn der einflussreiche Galerist Paul Westheim gefördert. Auch der bedeutende Kritiker Carl Einstein würdigte Lehmbruck. 1986 erhielt Joseph Beuys, wenige Tage vor seinem Tod, den Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg und lobte in seiner Dankesrede, Lehmbruck habe nicht nur "physisches Material, sondern seelisches Material" gestaltet, und dies habe ihm gezeigt: "Alles ist Skulptur". Mit dem Wissen um das Leben seines "Lehrers", wie ihn Beuys nannte, schloss er: "Ich möchte dem Werk von Wilhelm Lehmbruck seine Tragik nicht nehmen."

Für die Chemnitzer Kunstsammlungen muss es ein Glückstag gewesen sein, als ihnen 1923 einer von damals vielen jüdischen Mäzenen den "Kopf eines Denkers" schenkte. Doch lange hielt die Freude nicht an: 1937 entfernten die Nazis die Büste als "entartete Kunst" aus dem Museum. Erst 1996 konnten die Kunstsammlungen dank öffentlicher und privater Finanzierungen den Steinguss erneut erwerben. Damit besitzt das Museum nun wieder eines der bedeutendsten Werke der klassischen deutschen Moderne.

0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...