Giganten im Schatten von Giganten

Der Leipziger Gewandhauschef Andris Nelsons hat mit den Wiener Philharmonikern alle Sinfonien Beethovens eingespielt.

Leipzig/Wien.

Wenn im kommenden Jahr, wie wohl jeder sinfonische Klangkörper im abendländischen Kulturkreis, auch das Gewandhausorchester Leipzig seinen Beitrag zum Jahr des 250. Geburtstags von Ludwig van Beethoven leistet, dann macht sich der Chef vergleichsweise rar: Andris Nelsons, seit 2018 der 21. Gewandhauskapellmeister, erhebt lediglich bei drei Konzerten Mitte Mai am Augustusplatz den Stab über einer Partitur des Meisters: Zu hören ist dann Beethovens 5. Sinfonie - quasi als Vorprogramm zu zwei Tondichtungen von Richard Strauss.

Aber auch dem, der sich dafür interessiert, welche Lesart der Lette hinsichtlich des Sinfonienwerkes schlechthin pflegt, kann geholfen werden. Im Zuge einer kompletten Neuherausgabe des beethovenschen Gesamtwerkes hat Nelsons für die Deutsche Grammophon gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern zwischen März 2017 und April 2019 die neun Beethoven-Sinfonien eingespielt - und dirigiert alle Neune je zweimal in einem vierteiligen Konzertzyklus vom 23. Mai bis 7. Juni im Musikvereinssaal der Donaumetropole.

Nun hat sich Nelsons in den vergangenen Jahren, was Sinfonien angeht, zeitlich eher diesseits von Beethoven bewegt - Brahms, Bruckner, Tschaikowski oder Schostakowitsch sind Dreh- und Angelpunkte seiner Diskografie. Beethoven widmet sich der 40-Jährige nun erstmals, und er liefert auf fünf CDs im gediegenen Buch-Album zuzüglich einer Bluray-Audio-Disc eine solide, sach(dien)liche Deutung dieses Alten Testaments der romantischen Sinfonik ab. Er krempelt die Beethoven-Sinfonien nicht um, deutet sie nicht revolutionär neu. Aber es gelingt ihm beispielsweise, deutlich zu machen, dass die in der "zweiten Reihe" stehenden Sinfonien des Meisters, die Nummern 1, 2, 4 und 8 im Grunde Giganten sind, die eben im Schatten noch größerer Giganten stehen. Und auch ihnen widmen sich Nelsons und die Wiener mit Akkuratesse und Herzblut. Wer etwa kennt auf Anhieb die Hauptmotive von Beethovens bisweilen unterschätzter Erster? Schon die meißeln Orchester und Dirigent mit einer derartigen Prägnanz und Aussagekraft heraus, dass viele Aha-Effekte hinsichtlich dieses Brückenwerkes zwischen Klassik und Romantik die Folge sind. In dem legt Beethoven die klassischen Konventionen bereits großzügig aus, dass etwa das "Menuett" im 3. Satz selbst für einen Walzer zu schnell wäre - und von Tempo und Dynamik erheblich abwechslungsreicher und pointierter daherkommt als Vergleichbares von Mozart oder Haydn. Derlei stellen Nelsons und seine Mannen groß unter die Lupe. Aber auch den Prüfstein, die Fünfte, Inbegriff Beethovens und klassischer Musik, geht er mit scharfer Akzentuiertheit an, mit außerordentlich kontrastreicher dynamischer Bandbreite und beherztem Tempo und verleiht dem Werk so eine Extraportion Dramatik.

Dabei achtet er stets auf verständliche, sorgfältige Phrasierung, damit in den musikalischen Gedanken zusammenbleibt, was zusammengehört - etwa bei der "Szene am Bach" im zweiten Satz der "Pastorale", bei der das Orchester den Zuhörer aufs Beste durchatmen lässt und teilhaben am vielstimmig transparenten Natur-Hörerlebnis. Das lässt auch dank hervorragender Aufnahmequalität keine Wünsche offen. Und dann ist da wieder das Überschäumende, Aufbrausende etwa in der Vierten, Siebten und Achten: Es bringt mit jedem Takt zum Ausdruck, dass das Leben, so ernst und bisweilen schwierig es ist, wert ist, gelebt zu werden - nach der eigenen Fasson. Es sind diese zutiefst menschlichen, jedermann zugänglichen Äußerungen, der Klartext in Beethovens Musik, die ihr etwas Allgemeingültiges, Universelles geben. Dieses "An alle!", das in acht Sinfonien seinen an Höhepunkten so reichen Anlauf nimmt, um schließlich mit der Neunten in der musikalischen Umarmung der sprichwörtlichen Millionen zu gipfeln. Es ist ganz einfach: Um die Genialität dieser Musik zu verstehen, muss man sich ihr eigentlich nur aussetzen. Dargeboten von jemandem, der etwas davon versteht.

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